Aufblättern und in eine andere Welt abtauchen. Foto: imago/Westend61
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Schöne Weltliteratur Acht Empfehlungen für besondere Reisebücher

Felix Denk

Flanieren in Paris, Eintauchen in die Therme, grüne Hinterhöfe entdecken – und man muss nicht mal das Sofa verlassen dafür!

MONOCLE SEOUL
„Monocle“ wurde mal treffend als „eine Mischung aus ,Foreign Policy‘ und ,Vanity Fair‘ “ beschrieben. Das Magazin des Kanadiers Tyler Brûlé bringt Beiträge aus aller Welt und ist dabei sehr durchgestylt, man könnte auch sagen völlig versnobt. Inzwischen hat die Redaktion englischsprachige Reiseführer für 35 Städte auf vier Kontinenten veröffentlicht. Sie sind nicht nur großartig, weil schön gestaltet und angenehm handlich. Sondern auch, weil man in ihnen vieles findet, was andere Bücher dieser Art nicht bieten: im kürzlich erschienenen Führer für Seoul etwa Empfehlungen für wirklich coole Läden, in denen es Schnaps, Schuhe, Platten zu kaufen gibt, ein Kapitel über Design und Architektur sowie kluge Essays – von Politik bis Popkultur.

Gestalten Verlag, 148 Seiten, 18 Euro

BORED TOURISTS

Urlaub sollte das Highlight des Jahres sein, aber daraus wird oft nichts. Inmitten von 1000 Jahre altem Geröll hantiert man mit dem Selfiestick, um ein paar Fotos zu inszenieren, die denen daheim zeigen: Ich hatte noch nie so viel Spaß. Dabei ist man nur ein weiterer gelangweilter Tourist auf der Suche nach Möglichkeiten des Zeitvertreibs zwischen den Mahlzeiten und CaféPausen. Dieser Spezies hat der britische Dokumentarfotograf Laurence Stephens einen kleinen Bildband gewidmet. Seine schnappschussartigen Aufnahmen sind wahrscheinlich erholsamer als eine Woche Italien. Wohliges Wiedererkennen, Spaß an Stephens’ nie gehässiger Beobachtungsgabe und vor allem: Urlaub von den eigenen Erwartungen.

Hoxton Mini Press, 80 Seiten, etwa 12 Euro

FLÂNEUSE

Ziellos durch die Stadt zu schlendern, war einmal ein Privileg der Männer. Frauen machten sich dabei gleich verdächtig. Das änderte sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Selbst danach, stellte die Amerikanerin Lauren Elkin fest, die in Paris das Flanieren entdeckte, blieben sie im öffentlichen Bewusstsein unsichtbar. Das will sie ändern. Mit ihrem Buch begibt Elkin sich auf eine persönliche und kulturhistorische Reise. Als Begleiterinnen für ihre Streifzüge durch Paris, London, Venedig und Tokio hat die leidenschaftliche Fußgängerin Schriftstellerinnen wie Virginia Woolf und George Sand gewählt. Das Ergebnis: eine Geschichte der Emanzipation und ein Lob der Stadt, ein Buch, das Lust macht, mal wieder zu flanieren.

btb Verlag, 400 Seiten, 22 Euro

ANDINA

In den besten Fällen können Kochrezepte Fernweh wecken. Wenn Martin Morales von den Forellen schreibt, die durch die eiskalten Flüsse der Anden springen, dann möchte man nicht nur sein Tiradito probieren (ein Gericht aus rohem Fisch), sondern am liebsten gleich nach Peru düsen. Morales war mal DJ und Musikproduzent, ist heute erfolgreicher Gastronom, und wenn gerade alle Ceviche lieben, dann hat das viel damit zu tun, dass er eben auch ein mitreißender Autor ist. In seinen Kochbüchern, die auf jahrelangen Reisen durch das Land seiner Eltern basieren, sammelt er Rezepte und ihre Geschichten ein. Wer nicht gleich nach Peru fliegen will – oder kann: In der „Casita Andina“ in London bekommt man viele Gerichte aus seinem Buch.

ZS Verlag, 272 Seiten, 29,80 Euro

WANN AM BESTEN WOHIN?

Eine Frage, die sich die meisten Reisenden stellen, bevor sie aufbrechen: Wohin? Schon falsch. Sie sollte lauten: Wann am besten wohin? Beispiel Sizilien. Irre Natur, noch irreres Pistazieneis. Nur tropft das im August sonnengewärmt auf die Piazza, und der Blick in die Ferne streift verdorrte Hänge. Im März dagegen leuchten die grün, und der Gelatoverkäufer hat Zeit für Smalltalk. 360 solcher Tipps versammelt der Lonely-Planet-Reiseführer „Wann am besten wohin?“. Darunter jener, Japan wegen der Kirschblüten im April zu besuchen, und jener, Tonga im August anzusteuern, weil man dann mit aus der Antarktis stammenden Buckelwalen schwimmen kann. Nach Berlin solle man übrigens bloß nicht im Januar reisen. Da sei es sehr kalt.

Lonely Planet Deutschland, 304 Seiten, 26,90 Euro

BERICHTE AUS JAPAN

Auf Seite 23 nimmt der Comicautor ein Bad in einer japanischen Thermalquelle, 40 Grad heiß. Der Onsen befindet sich im Freien, es schneit, im Hintergrund weiße Berge. „In meinen Gedanken begleitete mich ein kleiner, dürrer Persimonenbaum, den ich in der Landschaft gesehen hatte“, notiert Igort. „Er trug noch alle Früchte.“ Der italienische Künstler ist seit Jahren fasziniert von Japan, 2016 veröffentlichte er einen ersten Comic über seine Reisen dorthin. In der jetzt erschienenen Fortsetzung („Ein Zeichner auf Wanderschaft“) fährt er nach Hiroshima, betrachtet Kirschblüten, besucht Shinto-Schreine. Zeichnungen wechseln mit Fotos und Tagebucheinträgen. Eine poetische Reise, scheinbar ohne Ziel – so ist es ja oft am schönsten.

Reprodukt, 184 Seiten, 24 Euro

GREEN ESCAPES

Am Anfang war der Garten. „Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen.“ Der Mensch flog hochkant raus, doch die Sehnsucht nach dem verlorenen Eden blieb. Und so gibt es in jeder noch so betongrauen Großstadt grüne Oasen. Für sein Kompendium „Green Escapes“ hat der britische Gartenbauer Toby Musgrave 280 dieser Grünflächen aus 164 Städten zusammengetragen, die meisten in Europa und Nordamerika. Sein Interesse gehört versteckten Innenhöfen, Tempelanlagen, begrünten Dächern. Sie werden auf je einer Seite mit Foto, Adresse und Kurzporträt vorgestellt. Selbst in Berlin wird man viel Neues entdecken: Oder waren Sie schon mal im Hof der Potsdamer Straße 98?

Phaidon, 384 Seiten, 15,99 Euro

ORIENT EXPRESS

Das Vorwort zu diesem Bildband hat passenderweise der Brite Kenneth Branagh beigesteuert, Regisseur von „Mord im Orientexpress“. Der Zug, der 1883 das erste Mal von Paris nach Konstantinopel dampfte, ist dank vieler Romane und Filme bis heute eine Legende (trotz der Gemeinschaftstoiletten an Bord). In seinem auf Englisch erschienenen Buch versammelt der Autor Guillaume Picon mehr als 200 Farb- und 100-Schwarz-Weiß-Bilder. Sie zeigen Sessel und Geschirr im Orientexpress, Land- und Speisekarten, Werbeplakate, Uniformen und Untersetzer. Anhand der Aufnahmen erzählt Picon zum Beispiel von den Werkstätten, die den Traum aus Holz, Leder und Stahl schufen. Ein Buch zum Schwelgen.

ACC Art Books, 260 Seiten, rund 36 Euro

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