"Ich will heute nicht mehr über Kinder streiten"

Eltern verlieren beim Streit häufig die Belange ihrer Kinder aus den Augen. Foto: imago/photothek
Scheidungsanwältin Ingeborg Rakete-Dombek „Zweite Ehen sind oft die besseren“

Getrennte Betten oder Ehebett?

Ich kenne Männer, für die wäre Getrenntschlafen ein Scheidungsgrund. Ich finde das nicht. Ich habe 20 Jahre lang hingenommen, dass die Vorhänge nicht zu sind, obwohl ich gern im Dunkeln schlafe, das Fenster irgendwann geschlossen wird, obwohl ich es gern kalt mag. Als mein Sohn auszog, bin ich auf dessen Hochbett gezogen. Seitdem schlafe ich gut. Getrennt schlafen hat durchaus was. Vor allen Dingen, weil man nicht nur rübergreifen muss, wenn man was voneinander will. Kann ja nicht schaden, sich ab und an mal etwas Mühe zu geben.

FDP-Chef Christian Lindner hat jetzt nach sieben Jahren Ehe die Trennung bekannt gegeben. Stimmt der Mythos vom verflixten Jahr?

Ich halte das für Unsinn. Es kann sein, dass man sich nach sieben Jahren nochmal fragt: Wozu bin ich überhaupt verheiratet? Aber in der Regel gibt es immer einen Anlass.

Was ist denn der häufigste Scheidungsgrund?

Neuer Partner, Fremdgehen. Auch bei den älteren Paaren übrigens, von denen immer mehr kommen. Das liegt an der zunehmenden Lebenserwartung, denke ich. Wenn Sie heute 90 Jahre alt werden und eine Ehe im Schnitt 15 Jahre hält, können Sie ja viermal heiraten.

Die Natur hat den Menschen nicht monogam angelegt. Sollten wir das nicht auch rationaler angehen?

Treue ist unverhandelbar. In einer Ehe geht es ja auch um Loyalität und Solidarität. Einmal ausflippen? Still schweigt der See, würde ich sagen. Aber wenn jemand ein Doppelleben führt, ist das eine schlimme Kränkung. Trotzdem muss ich Frauen manchmal klarmachen, dass eine Scheidung eine ausgesprochen blöde Idee wäre. Bleibt die Ehe bestehen, gibt es sichereren Trennungsunterhalt, der Mann zahlt länger in die Rente ein und erbberechtigt bleibt sie auch. Das ist das Schwierigste: den Menschen zu vermitteln, dass es wirtschaftlich gegen ihre Interessen geht, sich dermaßen zu echauffieren. Das ist ein hoch emotionaler Moment.

Sie bekommen Einblick in so viele menschliche Dramen. Fällt es manchmal schwer, Distanz zu wahren?

Nicht mehr, aber ich habe da auch viel psychologisch gemacht. Bei uns in der Kanzlei gibt es regelmäßig Supervisionen. Gerade bei jungen Anwälten ist die Gefahr der Überidentifikation hoch. War bei mir auch so. Ich will aber heute zum Beispiel nicht mehr über Kinder streiten. Das war manchmal wirklich furchtbar. Einmal führte ich wegen der Kinder an die 15 Verfahren: Wo sie eingeschult werden, ob sie Ohrlöcher tragen dürfen, über das Impfen, den Umgang ... Die Eltern waren beide so was von zerstritten und uneinsichtig. Der Mann war wesentlich älter. Das war auch Machtkampf.

Macht das Alter einen Unterschied? Emmanuel Macrons Frau ist 25 Jahre älter. Scheint zu funktionieren.

Ich würde schon sagen, dass es einen Unterschied gibt. Einfach weil die Lebensrealitäten auseinandergehen. Stichwort Mobilität, älter werden. Wenn Sie kein fürsorglicher Typ sind, sollten Sie einen großen Altersunterschied zu Ihrem älteren Partner vermeiden. Aber auch junge Eltern verlieren beim Streit häufig die Belange ihrer Kinder aus den Augen. Das wird eher schlimmer.

Warum?

Vor 30 Jahren bekam die Frau die Kinder zugesprochen und fertig. Die Männer wollten möglichst wenig mit den Blagen zu tun haben. Heute sind sie begeisterte Väter und wollen weiterhin am Leben ihrer Kinder teilnehmen.

Ist das nicht gut?

Wäre es vielleicht, wenn die Leute nicht so unkontrolliert wären und ihren Beziehungsstreit über die Belange der Kinder stellen würden. Jeder fürchtet, mit weniger Umgang gehe auch die Beziehung zu den Kindern kaputt. Kinder sollen „gerecht aufgeteilt“ werden. Als entscheide die Stechuhr, wie gut die Bindung ist. Wir haben Untersuchungen, dass es nicht zählt, wie viel Zeit Sie mit den Kindern verbringen, sondern wie intensiv. Sie können einmal die Woche drei Stunden mit den Kindern zusammen sein, wenn Sie sich dann wirklich intensiv mit ihnen befassen, ist das prima.

Kann man trotzdem pauschal sagen, dass Kinder immer unter einer Scheidung leiden?

Ja. Man kann aber durch vernünftiges Verhalten das Leid erheblich mindern. Die Kinder müssen das Gefühl haben, dass sie keinen der Eltern verlieren. Sie müssen den jeweils anderen lieben dürfen. Und sie müssen begeistert vom Umgang zurückkehren dürfen, wenn es ihnen gefallen hat, und nicht damit rechnen, dass der andere sofort ein Gesicht zieht oder den Expartner schlechtmacht.

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