"Das Recht hinkt dem Leben immer hinterher"

Die Zahl der Scheidungen in Deutschland geht zurück. Foto: pa/Patrick Pleul
Scheidungsanwältin Ingeborg Rakete-Dombek „Zweite Ehen sind oft die besseren“

Ist Streit für Kinder schlimmer als Trennung?

Das kommt auf den Streit an. Dass Eltern streiten, halte ich für natürlich, dass Paare streiten auch. Untersuchungen zeigen, dass die Ehen besser halten, in denen sich die Partner gepflegt zoffen. Aber es gibt eine Art von zerstörerischen Begegnungen, die für Kinder unzumutbar sind. Wenn der andere vor den Kindern schlechtgemacht wird, beschimpft und herabgesetzt wird.

Viele trennen sich nach dem zweiten Kind. Zufall?

Mit dem zweiten Kind müssen viele Paare einsehen, dass ihre Beziehung nicht mehr im Mittelpunkt steht. Gerade wenn beide arbeiten. Diese harten Zeiten zu überbrücken, halten manche nicht aus. Die meisten zappen lieber weiter zum Nächsten. Viele denken heute, dass sich Wünsche immer sofort verwirklichen lassen. Alles soll einfach funktionieren. Doch an einer Beziehung muss man arbeiten. Man muss einfach auch mal den Mund halten, man muss gelegentlich ein bisschen Geduld aufbringen und sich auch mal was anhören, was einem nicht gefällt. Können viele aber nicht. Und wenn einer dann keine Lust mehr auf Sex hat …

Haben Ehepartner denn nicht „Anspruch auf den gegenseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane“?

Quatsch. Dieser Satz von Kant steht in keinem Gesetz. Und wissen Sie, wenn wir das Scheitern einer Ehe daran messen würden, ob die Leute miteinander schlafen, hätten wir überwiegend gescheiterte Ehen. Denken Sie doch bloß an Partner, die älter werden oder Krankheiten haben, die Männer bringen es ja ebenfalls nicht immer durchgehend. Da läuft die Frau auch nicht gleich weg.

Tatsächlich geht die Zahl der Scheidungen zurück. 2005 wurden 52 Prozent der Ehen geschieden. 2016 waren es 39,5. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Vielleicht ist es den Leuten zu teuer. In unsicheren Zeiten denkt man zuletzt daran, sich scheiden zu lassen. Ich kann mich allerdings nicht über Arbeitsmangel beklagen.

Haben Sie sich deshalb fürs Fachgebiet entschieden?

Das lief eher auf mich zu. Tatsächlich habe ich als Anwältin zu Beginn alles gemacht. Typ linke Engagierte: Mietrecht, Ausländerrecht, Strafrecht, ich habe dafür gekämpft, dass Menschen in der Psychiatrie auch Grundrechte haben. Irgendwann hatte ich aber keine Lust mehr auf Betriebskostenabrechnung, und Ausländerrecht machte mich nur wütend und traurig. Und dann habe ich mich aufs Familienrecht konzentriert. Das ist ja auch ein spannendes Gebiet.

Warum?

Gucken Sie nur, wie viele Gesetzesänderungen es in den vergangenen Jahrzehnten gegeben hat. 1977 kam die große Eherechtsreform. Damals fiel das Schuldprinzip weg, das besagte, wer die Ehe zerstört, also etwa fremdgeht, der kriegt keinen Unterhalt und auch die Kinder nicht. Für Frauen hieß das oft, dass sie aus der Ehe nicht rauskamen, sich buchstäblich keinen Liebhaber leisten konnten. Sonst hätten sie nichts mehr gehabt. Heute geht es um Rechte der nichtehelichen Väter, lesbische Paare und künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft, Adoptionsfragen bei der Ehe für alle. Da kann man nur gucken, was die Menschen alles so treiben. Das Recht hinkt dem Leben immer hinterher.

Scheiden sich homosexuelle Partner anders?

Problematisch waren nur Fälle, bei denen es Kinder gab und der Mann nach 20 Jahren Ehe sagte, er sei in Wahrheit homosexuell. Die Oberkränkung. Man denkt automatisch, war ich jetzt die Scheinbeziehung?

Erleben Sie auch mal schöne Momente?

Natürlich. Wenn die Leute nach der Scheidung aus dem Saal kommen und sagen, wir gehen jetzt erst mal Champagner trinken. Das passiert häufiger, als man denkt.

Apropos Champagner: Welche Chancen geben Sie Harry und Meghan? Beide sind Scheidungskinder. Statistisch trennen die sich häufiger.

Tun die das? Vielleicht. Grundsätzlich würde ich aber mal annehmen, dass es auch umgekehrte Fälle gibt. Für wen die Scheidung der Eltern der Horror war, der wird das bestimmt nicht so schnell durchziehen. Ich wünsche den beiden jedenfalls alles Gute. Man sollte nicht aus den Augen verlieren: Schaffen kann es jeder. Ich bin ja auch ein Scheidungskind und nun seit Jahrzehnten verheiratet, wenn auch in zweiter Ehe. Zweite Ehen sind oft die besseren.

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