Roller Derby ist ein Lifestyle

Joan Weston von den San Francisco Bay Bombers, Sixties-Roller-Derby-Ikone. Foto: picture alliance / Everett Colle
Roller Derby Wie ein Mädchen!

Nebenbei versucht Lisa Overmann, wie Basic in ihrem anderen Leben heißt, die Regeln zu erklären, für die Neuen, die mal gucken wollen. Wie beim Football gibt es ein dickes Regelwerk, wer wann wen wo anfassen darf und wo nicht, Timeouts, Zeitstrafen, taktische Spielunterbrechungen. Die Sache mit den Namen ist ein Übrigbleibsel aus Wrestling-Zeiten. „Alle Spielerinnen haben ein Alter Ego – eine Art Superheldenidentität“, sagt die 36-jährige Grafikdesignerin. In einer Datenbank sind alle Namen weltweit verzeichnet. Sie nennen sich „Bambi Bloodlust“, „Broke White Boy“, „Domi Natricks“ oder „Ice Ice Booty“ – viele Sexreferenzen, Spiel mit Klischees, Rollenbildern.

Eigentlich könne jeder den Sport erlernen, sagt Basic Instinkt, Körper egal, Alter auch. Sie hatte damals eine Anzeige gesehen, dachte: „Oh, Rollschuhe, Mädchen, teste ich. Angemeldet und danach erst Youtube-Videos geguckt. Gemerkt, dass das hart ist. Erstes Training, dann süchtig.“ Vorher hatte sie Handball gespielt, das hilft, Rollschuhfahren musste sie lernen. Wichtigste Regel: Finger einziehen beim Fallen. Richtig schwere Verletzungen hatte Basic Instinkt keine, „nur immer wieder fallen mir die Zehennägel ab“. Auf dem großen klebt ein künstlicher. Vollkontaktsport eben. Muss man aushalten, eine humpelt heute auf Krücken durch die Halle, von allen Neuanmeldungen bleibt nach dem ersten Ausprobieren ein Drittel übrig.

Für die, die bleiben, ändert sich manchmal das ganze Leben. Mannschaftstraining drei Mal die Woche, dazwischen Muckibude. Spiele am Wochenende, viele weit weg. Das sei kein Nebenbeisport „so zum Ausgleich, das ist ein Lifestyle“, sagt Overmann. Wie Surfen. Oder Fußball, nur eben: „Einer von starken Frauen – und komplett in Frauenhand.“ Der Lohn: eine starke Gemeinschaft. „Wenn ich in eine fremde Stadt ziehen würde, ich müsste nur ein paar Anrufe machen und hätte Hilfe bei der Wohnungs- und Jobsuche.“ Man hilft und unterstützt sich gegenseitig. „Dass man den Merch der anderen Teams kauft, ist selbstverständlich.“

Männerderby existiert

Das merkt man auch bei den Turnieren. Samstag im August, Berliner Poststadion, „Breaking Bears“, die C-Mannschaft der Berliner, gegen die „Hard Breaking Dolls“ aus Prag. Das Publikum auf der Tribüne – viele Frauen, aber nicht nur – sieht aus, als käme es geradewegs aus dem linksalternativen Technoclub „about blank“. Kleider weitgehend schwarz, viele Tattoos. Der Kontrast zum gewohnten Sportpublikum fällt besonders auf, musste man doch vorbei am Fußballplatz. An der Rollsportbahn dröhnt in der Halbzeitpause Punk aus den Boxen.

Basic Instinkt mit Knastträne. Foto: Mendoza Chinea Vergrößern
Basic Instinkt mit Knastträne. © Mendoza Chinea

Musik, Frauenherrschaft und Gemeinschaftssinn sind dem Niedergang des Sports nach seiner Glam- und Wrestling-Phase zu verdanken. Der Wiederauferstehungsmythos geht so: Austin, Texas, Anfang 2000er. Ein Musiker namens „Devil Dan“ Policarpo veranstaltet eine Roller-Derby-Show, dann gibt es Streit, er flieht aus der Stadt, die voll ist mit Punks, Hippies und Dritte-Welle-Feministinnen. Die machen daraus das TXRD: Texas Banked Track Roller Derby. Oder, anders gesagt: eine „postfeministische Party auf Rollen“ („Rolling Stone“).

Zu der Party dürfen auch Männer kommen, sie verkaufen Merch, wie der Typ am Rand der Rollsportbahn im Poststadion, sie dürfen als Schiedsrichter Fouls zählen. Einer der Unparteiischen macht während Spielunterbrechungen Gesten wie eine Stewardess. Timeout, die Frauen müssen sich besprechen. Männer-Derby („Merby“) existiert. Die Vereine sind queer- und transfreundlich. Jeder Körper findet seine Verwendung, heute holt die kleinste Frau auf dem Platz die meisten Punkte des Tages.

Und nach dem Spiel? Zusammen feiern. Alle. Tradition.

Spieltermine unter bearcityrollerderby.com

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