Mitreisewarnung. Manchmal geht es im Urlaub sehr eng zu. Foto: domenico_daniele_411075_unsplash
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Reisedesaster „Komm, wir fahren alle zusammen in den Urlaub!“

Es sagt sich so leicht. Doch dann baden die Schwiegereltern nackt im See und man wird als Paartherapeut missbraucht. Fünf Autoren berichten anonym.

Ferien mit den Schwiegereltern

Wer braucht wie viel Milch im Kaffee? Wer wie lange im Bad? Und wer denkt was über Tempolimit und Klimawandel? Es ist die erste Sollbruchstelle jeder jungen Beziehung: das Aufeinandertreffen von Eltern und Schwiegereltern. Wenn schon nach fünf Minuten das Stichwort „Ferienhaus“ fällt und nach zehn Minuten die Einladung ausgesprochen ist, hilft nur noch Schadensbegrenzung. Schließlich haben sich die Elternpaare im Gegensatz zu ihren Kindern nicht freiwillig ausgesucht. Die zotigsten Witze und unangenehmsten Fragen überspiele ich mit künstlichen Lachern. Oder wechsle lieber gleich das Thema: „Bei Männern in unserem Alter ist das mit dem Toilettengang ...“ – „Ähm, entschuldigt, aber wollten wir nicht baden gehen?“ Kurz durchatmen. Doch auf manche Dinge kann man sich nicht vorbereiten. Und so steht er da, der eigene Erzeuger. Vor der Kulisse des klaren Sees. Barfuß bis zum Kopf, lediglich bekleidet mit einem Akkubohrer. Es fehlen noch ein paar Bretter am Steg! „Bitte zieh wenigstens deine Badehose an.“ Keine Chance. Und schweigend nehme ich zur Kenntnis, dass auch die Schwiegereltern, hocherfreut über die einvernehmliche Unverklemmtheit, ihrerseits die Badebekleidung ablegen. „Wie früher“, höre ich sie sagen. Wann haben wir verlernt, Urlaub zu machen?

Zu dritt nach Mexiko

Drei sind einer zu viel. Alte Faustregel. Ein Paar auf der Reise zu begleiten hat was Masochistisches, egal, ob die beiden sich gerade besonders innig verbunden sind oder in der Krise stecken. Sie steckten in der Krise. Und ich mittendrin. Ich lebte damals in New York, Jochen in New Jersey, Bettina in Kassel. Ich wusste aus erster Hand, dass Jochen mit Laura mehr als eine Affäre hatte. Das sollte ich Bettina aber nicht sagen. In einem schwachen Moment habe ich mich darauf einschwören lassen, Jochen nicht zu verraten. Was aber bedeutete, dass ich an Bettina Verrat beging. Ich Schwein. So fuhren wir zu dritt nach Mexiko, einmal von West nach Ost, mit dem Bus, wenig Geld und Bauchschmerzen. Wahrscheinlich sollte ich der Puffer sein, damit Jochen nicht zu viele paartherapeutische Streitgespräche führen musste. Stattdessen führten wir Mädchen Mädchengespräche. Die äußeren Umstände machten die Reise nicht besser. Heiße Regenzeit, träge Mexikaner, öde Orte, Matschbohnen morgens, mittags und abends. Mulmige Gefühle. Immerhin stieg die Stimmung zur blauen Stunde: Die Rettung unseres Trips waren Frozen Margaritas. Bald darauf haben die beiden sich getrennt. Jochen hat Laura geheiratet und sich wieder scheiden lassen. Bettina hat Martin geheiratet, ich durfte Trauzeugin sein. Die beiden sind 30 Jahre später noch immer glücklich zusammen.

Fünf Jungs auf Europatour

Wenn das noch mal passiert, werden wir ihn mit seinem Kissen ersticken. Okay, zu extrem. Aber seinen Rucksack am nächsten Tag aus dem fahrenden Zug zu werfen, das wäre eine Option. Nils hätte auch einfach aufpassen können. So, wie es abgemacht war. Nur ist ihm offenbar nicht klar, dass „Wache“ von „wach sein“ kommt. Fünf Jungs auf Europatour. Alle gerade das Abi und ein Interrail-Ticket in der Tasche. Das Budget ist klein, der Plan für den Monat deshalb: Jede zweite Nacht eine Unterkunft, die andere Hälfte draußen schlafen. Im Budapester Schlosspark, am Hafen von Ancona, auf den Klippen von Cassis oder auf dem Marsfeld vor dem Eiffelturm. Tolle Aussichten, auch für Taschendiebe. Ein Schichtsystem soll sie abhalten. Während die einen schlafen, passt reihum mindestens ein anderer auf. Doch immer, wenn jemand zufällig die Augen öffnet, liegt Nils wohlig eingekugelt auf seinem Kissen. Auf der Hälfte der Reise, in einem Hostel in Rom, verschlechtert sich die Stimmung rapide, als Nils seine schweißnassen Socken über dem Ventilator trocknet, der Richtung der Betten bläst. Dort liegen wir, um dringend nötigen Schlaf nachzuholen. Nur nicht Nils, der ist ja ausgeruht. In Brüssel trennen wir uns, Nils will früher nach England. An unserem Streit liegt es nicht, sagt er. Aber er sagte ja auch, er würde Wache schieben.

Dienstreise nach London

Sie rufen schon zum Boarding, da bestellt der Kollege noch eben einen Kaffee. „ Sonderangebot“, sagt er, „ich konnte nicht widerstehen.“ Gleich geht der Flieger, der uns zu einem wichtigen Interview nach London bringen soll, doch erst muss diese dampfende Jumboportion Filtergebräu runtergekippt werden. So viel trinken andere in einer Woche nicht. „Lass stehen“, rufe ich und ahne, dass das nicht passieren wird. Er hat ihn schließlich bezahlt und er hat einen Spartick. Man denkt, die Menschen zu kennen, mit denen man das Büro teilt. Weiß, welche Meetings sie vergessen, welche Idee nur von ihnen stammen kann, man würde sogar wetten, welches Gericht sie in der Kantine wählen. Und trotzdem lernt man einander auf Dienstreisen ganz neu kennen. Für viele scheinen sie der Horror zu sein, im Internet finden sich Ratschläge, wie man so einen gemeinsamen Ausflug „heil übersteht“. Während ich bete, dass kein Tropfen auf dem weißen Hemd meines Reisegefährten landet, erinnere ich mich an einen aus unserem Team, der gern in Bahnhofskiosks verloren geht und seine Unterlagen im Zug stets verliert. Mir fällt auch die Geschichte eines anderen Kollegen ein, der mal wegen eines Tomatensüppchens den Flieger verpasst hat. Nassgeschwitzt erreichen wir unseren am Ende doch. Und beim Interview, da redet der Kollege – trotz seines schwer verbrannten Gaumens – großartig!

Alte Schulfreunde in Israel

Als wir die Flüge nach Israel buchen, ist Sven ein Single voller Tatendrang, genau wie ich. Drei Monate später, in Schönefeld, gleicht er einem Häftling, der in eine Strafkolonie gebracht wird. Seit knapp zwei Wochen ist er mit Ina zusammen. Nun muss er 14 Tage mit mir, einer alten Freundin aus Schulzeiten, verbringen. Er bemüht sich nicht, seine Melancholie zu verbergen. Heiter wird er nur, wenn er von ihr spricht. Am Frishman Beach in Tel Aviv erfahre ich alle Einzelheiten ihres ersten Dates. In den Bahai-Gärten von Haifa berichtet er über ihren Lehrerinnen-Job und zählt ihre Lieblingsschüler auf. An ihrem 30. Geburtstag sind wir in Jerusalem, was sich Sven wohl nie verzeihen wird. Unentwegt überlegt er sich Geschenkideen, während ich an einer inneren Klagemauer kratze. An diesem Tag telefoniert er mehrfach mit Ina, sonst belässt er es meist bei einem langen Anruf am Abend, um den herum wir alles andere planen müssen. Auf der Rückreise verwandelt sich Sven in ein verschwitztes Nervenbündel, hin- und hergerissen zwischen der Vorfreude auf Ina und der Angst, unser Flieger könnte abstürzen und er sie nie wieder sehen. Wenn ich etwas antworte, klingt es jetzt ungewollt sarkastisch. In Schönefeld reißt Sven seinen Rucksack vom Band und sprintet nach draußen. Ich trage ihm einen Jutebeutel hinterher, den hat er vergessen. Genau wie mich.

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