Immer ist jemand dabei, der Dudelsack spielt

Quimper. Die Place du Beurre lädt zum Verweilen ein. Foto: Hella Kaiser
Bretagne Wo Emile Zola spazieren ging

Stolz trotzt das Finistère allen drohenden Globalisierungstendenzen. „Wir leben hier sehr traditionell“, erzählt Sarah Bélasky, Tourismusdirektorin von Bénodet. So steht unter jedem französischen Ortsnamen auch die bretonische Bezeichnung. 1985 wurden die zweisprachigen Namensschilder auf Druck der Bevölkerung eingeführt. Doch nur noch etwa 150 000 Menschen sprechen das keltische Idiom, das Flüchtlinge aus Großbritannien einst hierher mitbrachten. Nur in wenigen, meist privaten Schulen wird es gelehrt, und die Unesco stuft Bretonisch als „ernsthaft gefährdete Sprache“ ein.

Umso wichtiger nehmen die Einheimischen ihre Pardons, wie die vielen Feste und Prozessionen der Gegend heißen. Dann werden die bunten Trachten hervorgeholt und die wunderbar sentimental klingenden, bretonischen Lieder gesungen. Immer ist jemand dabei, der hingebungsvoll Dudelsack spielt. Und selten dauert’s länger als fünf Minuten, bis sich Paare zum Tanzen finden.

Auch der Bol, jene große, henkellose Tasse, die anderswo in Frankreich aus der Mode gekommen ist, wird hier in Mengen feilgeboten. Traditionell wird der jeweilige Vornamen draufgepinselt. „Jeder Bretone besitzt einen Bol“, sagt Sarah, „die meisten bekommen ihn als Kind.“ Natürlich habe sie auch einen. Und selbstverständlich auch einen blau- oder rot-weiß geringelten Pullover. Kaum eine Modeboutique in der Region, die diese typischen Bekleidungsstücke nicht im Sortiment hat.

Quimpers Altstadt mit ihren rustikalen Fachwerkhäusern, manche stammen noch aus dem 14. Jahrhundert, eignet sich vorzüglich für einen Ausflug. Verlaufen kann man sich nicht, weil die spitzen hohen Türme der Kathedrale Saint Corentin von überall her zu sehen sind. Passiert man die Place du Beurre muss man allerdings standhaft sein. Wie das duftet! Gleich sieben Crêperien locken rundherum. Schnell weg und schnurstracks in das Museum der Schönen Künste, das die bedeutendste Sammlung bretonischer Malerei birgt.

Auf vielen Bildern spielt, wen wundert’s, das Wetter eine Rolle. Auf einem Gemälde von Jean-Julien Lemordant etwa spazieren Menschen ein wenig schief und mit flatternden Kleidern am Strand entlang. „Dans le vent“ (Im Wind) hat er es 1907 betitelt.

Die Kathedrale Saint Corentin, die mit ihren hohen spitzen Türmen die Stadt Quimper überragt, ist eine der drei ältesten gotischen Kathedralen der Bretagne. Foto: Hella Kaiser Vergrößern
Die Kathedrale Saint Corentin, die mit ihren hohen spitzen Türmen die Stadt Quimper überragt, ist eine der drei ältesten gotischen Kathedralen der Bretagne. © Hella Kaiser

Spiegelglatt liegt an diesem Nachmittag das Meer vor Concarneau. Auch hier gibt es Strände, doch die meisten Touristen schlendern gleich in die „Ville Close“. So heißt die Altstadt, weil sie sich inmitten einer trutzigen Festungsanlage befindet. Kanonen und Schießscharten zeugen von der Vergangenheit. Innen wird kaum noch gewohnt, sondern ausschließlich konsumiert. Läden, Cafés, Bistros. Da liegt Schönes neben billigem Tand, Erlesenes neben Massenware, Kunst neben Imitat. Bäckereien konkurrieren mit Eisläden um Kunden. „Concarneau muss man gesehen haben“, findet Sarah Bélasky.

Aber möchte man hier einen ganzen Urlaub verbringen? Schon sehnen wir uns zurück ins unaufgeregte Bénodet. In die Oase der Villa Ker Moor, ein mehr als 100 Jahre altes Hotel. Etwas zurückgesetzt von der Promenade liegt es in einem verwunschenen Park mit hochgewachsenen knorrigen Schirmakazien. Für die Hausgäste werden mittags und abends die Menüs im gediegenen Speisesaal aufgetragen. Gourmets können hier glücklich werden.

Wie in Polynesien

Der Blick aufs Meer weckt Sehnsüchte, hinauszufahren. Täglich starten Fährschiffchen zum Archipel der Glénan-Inseln. Sieben winzige Eilande sind es. Bis auf eins gehören sie den Vögeln, die hier ihre Schutzräume haben. Auch der Kormoran, der 20 Meter tief tauchen kann und vier Kilo Fisch am Tag vertilgt, wie die Schiffsbegleiterin – natürlich ausschließlich auf Französisch – durchs Mikrofon erzählt. Auf der Insel Saint Nicolas darf man aussteigen und kann das flache Eiland mit seinen weißen Puderzuckerstränden zu Fuß umrunden. Drumherum leuchtet das türkisfarbene Meer. „Das ist wie in Polynesien“, sagt ein Mann versonnen zu seiner Begleiterin. Früher, so wird erzählt, versteckten sich Piraten auf diesen Inseln. Und manch ein Schiff versank, nachdem es einen der tückischen Felsen unter Wasser gerammt hatte. „Das passiert heute nicht mehr“, sagt Kapitän Jerôme Keck, „es gibt ja detaillierte Navigationskarten.“

Vor zehn Jahren hat der Pariser seinen einstigen Job als Lkw-Fahrer aufgegeben, um sich in der Bretagne als Schiffsführer zu verdingen. Aber, wird diese Arbeit im immer gleichen Revier nicht langweilig? „Nein“, sagt er zufrieden, „kein Tag gleicht dem anderen, weil das Wetter oft wechselt und immer eine andere Atmosphäre herrscht.“ – „Möchten Sie nicht irgendwann zurück nach Paris, Monsieur?“ – „Jamais, niemals“, sagt er im Brustton tiefster Überzeugung.

Hervé Lucard käme sowieso nicht auf die Idee, von hier fortzuziehen. Er wurde in Bénodet geboren. Seit vielen Jahren bedient er die Fußgängerfähre des Ortes hinüber zum anderen Ufer des Odet-Flusses nach Saint Marine. Wenige Minuten nur dauert die Tour auf die andere Seite. 40 Passagiere kann Hervé befördern und im Sommer muss er höllisch aufpassen. „So viele Boote fahren hier herum, und manche halten sich einfach nicht an die Regeln.“ Meist sind es Segelschiffe. Der Ort ist stolz darauf, 750 Bootsliegeplätze anbieten zu können. Davon befinden sich 500 an Piers und 250 an Bojen.

Bis 1972 verkehrte eine viel größere Fähre in der Flussmündung. Sie konnte auch Autos mitnehmen. Doch die fahren längst über die Cornouaille-Brücke, die beide Ufer des Odet in beeindruckender Höhe überspannt. Ein gigantisches Monstrum aus Beton, das die Unesco, sollte man sie ums Gütesiegel für die traumhaft gelegene (Wasser-)Landschaft bitten, sicher monieren würde. „Aber der Blick von oben ist wunderbar“, sagt Sarah Bélasky, die ihn täglich auf dem Weg zur Arbeit genießt.

In der Tat. Unten dümpeln rote, weiße oder gelbe Boote im grünblauen Wasser, aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Hochgewachsene Pinien säumen die Ufer, in grauem Granit steht die Kirche von Bénodet, pittoresk erhebt sich der schlanke Leuchtturm. Die Szenerie findet sich auf vielen Aquarellen und Gemälden zeitgenössischer Maler wieder. Denn natürlich kommen die Künstler immer noch mit Pinseln und Farben in das Seebad. Tradition verpflichtet.

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