„Les Garçons Sauvages“ von Bertrand Mandico wird am Sonntag zum Abschluss des Festivals im Moviemento laufen. Foto: Xposed
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Xposed Film Festival „Queer muss verrückt bleiben“

Queerness, Sichtbarkeit von Lesben - und eine Hommage an Barbara Hammer: Ein Gespräch mit dem Leitungsduo des queeren Berliner Film Festival Xposed.

Merle und Bart, in Ihrer Programmankündigung schreiben Sie, Ihre Filme verweigern sich "den Logiken der Anpassung". Was meinen Sie damit?

Merle Groneweg: Mit unseren queeren Filmen wollen wir der gesellschaftlichen Norm beziehungsweise der "Normalität" etwas entgegensetzen. Wir wollen ein Kino, das sich der Logik der Anpassung widersetzt, und wir möchten, dass queer ein Stück verrückt bleibt. Ich glaube, das Interessante am Queeren ist, dass immer wieder eine Grenzverschiebung stattfindet. Queer definiert sich in Abgrenzung zur Norm immer wieder neu. Als Festival wollen wir diese kontinuierliche Entwicklung begleiten. Wir wollen auch schauen: Was regt uns noch auf? Was fordert uns heraus? Das macht für uns auch das Queere aus. Ich glaube, wir werden das Festival deshalb immer brauchen. Dieser spezifisch queere Erfahrungsraum ist für uns etwas Besonderes.

Im März ist die US-amerikanische Filmemacherin Barbara Hammer gestorben. Ihr widmen Sie einen Schwerpunkt.

Bart Sammut: Durch unser Programm zieht sich ein „Love Letter to Barbara Hammer“. Wir zeigen vier Kurzfilme von ihr, darunter „Dyketactics“ und „Superdyke Meets Madame X“. Mit „Nitrate Kisses“ aus dem Jahr 1992 haben wir auch eine längeren, experimentellen Dokumentarfilm im Programm. Wir möchten ihre wichtige Arbeit für die Kinogeschichte würdigen.

Groneweg: Am Freitagnachmittag zeigen wir "Dykes, Camera, Action" von Caroline Berler, der lesbische Filmgeschichte thematisiert. Da spielt Barbara Hammer natürlich auch eine ganz zentrale Rolle. Für uns war es dieses Jahr wichtig, lesbische Filmkunst noch einmal deutlicher zu thematisieren. Damit schließen wir an die Debatten an, die wir letztes Jahr auf dem Festival hatten und die eben gerade in Berlin stark geführt werden. Außerdem passt Barbara Hammer als Ikone des lesbischen experimentellen Films großartig zu unserem Festival. Sie hat immer gesagt, queer muss experimentell sein – und wir sind ja letztendlich auch als experimentelles Kurzfilmfestival gestartet.

Barbara Hammer wollte mit ihren Arbeiten die homosexuelle Kulturgeschichte der 30er- und 40er-Jahre weiter in Erinnerung behalten. Im Panel "A Love Letter to Lesbian Filmmaking" geht es auch um Sichtbarkeit.

Groneweg: Manchmal ist es ermüdend, sich immer mit diesem Thema der Sichtbarkeit zu befassen. Aber es ist notwendig! Im "Aquarium" des Südblocks werden wir die Filmemacher*innen Miona Bogović, Zara Zandieh und Ulrike Zimmermann zu Gast haben. Es soll um die Fragen gehen, wie mit der Repräsentation von Frauen, die Frauen lieben, umgegangen wird, mit Identität und mit Körpern. Und wir wollen zeigen, dass es viele tolle lesbische Filmemacher*innen gibt, und vor allem möchten wir sie feiern! Die Autorin und Filmkuratorin Madeleine Bernstorff, die zusammen mit dem Filmkritiker Toby Ashraf das Panel moderieren wird, hat 1985 im Sputnik Kino die erste lesbische Filmreihe in Berlin organisiert. Ich habe das Gefühl, dass es unter queerfeministischen Aktivist*innen gerade ein großes Interesse an der Auseinandersetzung mit ihren Vorgänger*innen gibt. Wir hatten schon vor zwei Jahren VALIE EXPORT bei uns zu Gast. Sie wird gerade auch in den letzten Jahren „wiederentdeckt“, wenn man so will.

Sammut: Wir zeigen schon sehr lange Filme von Künstler*innen, die schon vor ein paar Jahrzehnten großartige Filme gemacht haben. Im letzten Jahr hatten wir die österreichische Filmemacherin Mara Mattuschka im Programm, 2014 Filme von Gunvor Nelson. Und wenn wir ein größeres Budget hätten – als kleines queeres Independent Film Festival bekommen wir kaum Förderung – würden wir diesem Programmpunkt noch viel mehr Raum geben.

Die österreichische Künstlerin Mara Mattuschka in Berlin. Foto: Jana Demnitz Vergrößern
Die österreichische Künstlerin Mara Mattuschka in Berlin. © Jana Demnitz

Merle, Sie haben noch einmal die Kontroverse um lesbische Sichtbarkeit angesprochen. Wie sehen Sie als Festival Ihre Rolle in dieser Debatte?

Groneweg: Als dezidiert queeres Filmfestival ist es für uns besonders toll, ein lesbisches Panel zu organisieren. Für mich hat das Lesbische viel Raum im Queeren, und umgekehrt, ich begreife beide Begriffe als sehr offen und Teil von etwas Gemeinsamen. Ich verstehe aber auch den Wunsch nach konkreter Sichtbarkeit. Letztes Jahr etwa wurde zu einem unserer sechs Kurzfilmprogramme die Frage gestellt, wo die Lesben in diesem Programm seien. Es gab in diesem Programm keinen einzigen Film, in dem eine Frau eine andere Frau begehrt. Doch drei der fünf Filme in dem Programm hatten starke Frauenfiguren oder thematisierten queere Feminität(en). Manchmal ist es schwer, allen Wünschen gerecht zu werden. Wir möchten natürlich, dass sich möglichst viele Menschen in unseren Programmen wiederfinden. Dennoch muss ein Film auch zu unserem Festival passen. Wenn wir das Gefühl haben, wir packen da nur einen Film aus Repräsentationsgründen rein, dann fällt das im Programm sofort negativ auf.

Sammut: Wenn wir unser Festival kuratieren, geht es uns nicht explizit um etwa ein schwules, lesbisches oder trans Kurzfilmprogramm. Wir versuchen, alles zu mischen. Aber manchmal kannst Du eben nicht alles mischen. Aber natürlich wollen wir die Vielfalt in der Community abbilden. Dieses Filmfestival ist ein Community-Event. Es ist für alle da. Xposed soll für ein paar Tage auch ein Zuhause für alle sein. Und natürlich möchten wir unser Publikum unterhalten!

Merle Groneweg und Bartholomew Sammut, Leitungsduo des Xposed International Queer Film Festival Foto: Jana Demnitz Vergrößern
Merle Groneweg und Bartholomew Sammut, Leitungsduo des Xposed International Queer Film Festival © Jana Demnitz

Sie zeigen 16 Spielfilme und acht Dokumentationen. Dabei legen Sie auch wieder den Fokus auf die Familie.

Sammut: In mehreren Filmen ist die vermeintliche Normalität ein starkes Thema und es werden Fragen gestellt: Was ist überhaupt eine Familie? Was ist eine "normale" Familie? Was ist für Frauen und für Männer "normal" zu tun?

Sie starten am Donnerstag mit dem US-amerikanischen Film "We the Animals" von Jeremiah Zagar, in dem es um das Aufwachsen dreier Brüder geht. Die Geschichte wird aus der Perspektives des Jüngsten erzählt.

Sammut: Es ist ein sehr poetischer, langsam erzählter Film, mit vielen verschiedenen Schichten.

Groneweg: Der Film zeigt ein komplexes Bild von Elternschaft. Die Brüder wachsen in prekären Verhältnissen auf; es kommt zu Konflikten zwischen und mit den Eltern. Aber ich sympathisiere auch sehr stark mit den Eltern. Das geht mir auch bei dem portugiesischen Dokumentarfilm "Until Porn Do Us Apart" von Jorge Pelicano so. Eine streng gläubige Mutter erfährt darin, dass ihr Sohn der Pornostar Fostter Riviera ist. Für sie ist diese Tatsache eine schwere Last. Uns hat der Film auch deshalb so interessiert, weil wir das Gefühl hatten, die Mutter leidet selbst sehr stark unter gesellschaftlichen Normen. Also die Normen, die ihr durch die katholische Kirche vermittelt werden sowie Normen bezüglich Sexualität und Begehren in einer heteronormativen Gesellschaft. Natürlich ist sie in diesem Film auch homofeindlich und sexnegativ, aber durch sie wird eben auch die Gesellschaft ausgedrückt. Beide Filme eint, dass sie komplexe Eltern-Kind-Beziehungen zeigen, in denen man sich nicht leicht „auf eine Seite“ stellen kann.

Das Filmfestival startet am Donnerstag mit dem US-amerikanischen Film "We the Animals" von Jeremiah Zagar. Foto: Xposed Vergrößern
Das Filmfestival startet am Donnerstag mit dem US-amerikanischen Film "We the Animals" von Jeremiah Zagar. © Xposed

Eine Kontroverse hat in Kanada bereits der Film "LUK’LUK’I" von Wayne Wapeemukwa ausgelöst. Darin spielen sich unter anderem eine alleinerziehende Sexarbeiterin, ein Drogenabhängiger und ein Mann mit Behinderung selbst.

Groneweg: Auch bei uns im Team hat der Film zu unterschiedlicher Resonanz geführt. Der Film spielt 2011 in Vancouver, als dort die Olympischen Winterspiele stattfanden, und beschäftigt sich mit fünf Menschen, die abseits dieses „Fests der Nation“ leben. Regisseur Wayne Wapeemukwa hat mit den Protagonist*innen szenisch-dokumentarisch gearbeitet. Der Film wurde 2017 auf dem Filmfestspielen in Toronto gezeigt. Für die einen war der Film ein sehr empathisches und sozialkritisches Filmportrait, andere empfanden es als ausbeuterisch. In einem Interview hat Wayne Wapeemukwa wiederum erklärt, dass er mit den Protagonist*innen im Schnitt zusammengearbeitet habe und sie sehr viel Mitspracherecht gehabt hätten, wie sie dargestellt werden.

Sammut: Ich empfinde den Film zum Teil auch als grenzwertig. Aber es ist ein wichtiger Film, den man sehen sollte. Er fordert auf jeden Fall stark heraus und polarisiert vielleicht auch deshalb so sehr. Ein besonderer Film ist auch die israelische Dokumentation "The Sign for Love" von El-Ad Cohen und Iris Ben Moshe. Ein schwuler Mann und seine lesbische Freundin wollen als Ko-Eltern zusammen ein Kind bekommen. Sie sind beide gehörlos und müssen mit vielen Herausforderungen in ihrem persönlichen Umfeld umgehen.

Szene aus dem Film "The Sign for Love" von El-Ad Cohen und Iris Ben Moshe Foto: Xposed Vergrößern
Szene aus dem Film "The Sign for Love" von El-Ad Cohen und Iris Ben Moshe © Xposed

Sie zeigen auch den französische Dokumentarfilm "Cassandro, The Exotic!" von Marie Losier, in dem es um einen schwulen mexikanischen Wrestler geht.

Sammut: Cassandro ist in der Lucia Libre aktiv, der eleganten und extravaganten mexikanischen Wrestlingszene. Er ist sogar World Champion. Das hört sich zunächst paradox an. Aber natürlich kann man als schwuler Mann auch ein toller Kämpfer in dieser Wrestlingwelt sein. Es wird in dem Film auch die Beziehung zu seinem Vater thematisiert – also auch wieder eine Familiengeschichte.

Sie sind jetzt schon im 14. Jahr. Wie geht es weiter mit Xposed?

Groneweg: Dieses Jahr haben wir das erste Mal mit Pol Merchan und Nastaran Tajeri-Foumani in der Kuration zusammengearbeitet, das war toll. Wir freuen uns, wenn Xposed und das Team wachsen. Langfristig möchten wir uns um eine bessere Finanzierung und Förderung bemühen, damit wir das Festival nicht mehr unter diesen prekären Bedingungen organisieren müssen. Gerade, wenn es darum geht, ein möglichst inklusives Festival auf die Beine zu stellen und Machtstrukturen abzubauen, braucht es immer mehr Zeit und Geld. Mehrheitlich sehen wir auf anderen Festivals Filme von und über weiße, cis-männliche, schwule Personen; diese werden bei uns auch mehrheitlich eingereicht. Um aber all die anderen Filme zu finden, die uns gefallen, brauchen wir häufig die doppelte Recherchezeit – weil sie insgesamt nicht nur weniger gezeigt, sondern auch weniger produziert werden – und natürlich auch das Geld, um sie dann einladen zu können.

Sammut: Es gibt den queeren Teddy im Rahmen der Berlinale. Bei Förderanträgen wird dann häufig argumentiert, das reicht doch. Wenn man noch ein anderes Festival finanziell unterstützen würde, müsste man bei einem anderen kürzen, weil das Budget insgesamt nicht größer wird für queere Themen. Zumindest ist das unsere Erfahrung.

Das Xposed Queer Film Festival findet vom 9. bis 12. Mai statt. Veranstaltungsorte sind das Moviemento Kino, Kottbusser Damm 22, und das "Aquarium", Skalitzer Straße 6.

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