Das Schwule Museum in Berlin. Foto: imago/STPP
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"Wir sind ein Täterarchiv" Das Schwule Museum setzt Maßstäbe bei der Missbrauchsaufklärung

Die staatliche Aufklärungskommission wollte den Missbrauch nach 1968 nur minimal aufklären. Aber dann öffnete das Schwule Museum vorbehaltlos seine Archive.

Es waren etwa drei Stunden vergangen, als der erstaunliche Satz fiel. „Wir sind ein Täterarchiv, das muss man wissen“. Peter Rehberg, Archivleiter des Berliner Schwulen Museums, sagte ihn beim öffentlichen Symposium über „pädokriminelle Netzwerke“, veranstaltet von der „Unabhängigen Kommission für die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“.

Rehberg meinte damit, dass sich in den Schubern, Kästen und Ordnern des Schwulen Museums Zeugnisse pädosexueller Straftaten finden, also von Missbrauch und Vergewaltigung von Kindern. Nicht immer, aber auch nicht selten.

Was Rehberg offenbarte stellt eine Revolution dar: Es ist der erste Schritt, dass sich die Bewegung der Schwulen zu ihrer historischen Schuld am Missbrauch bekennt. Und öffentlich Bereitschaft zur Aufklärung bekundet.

So etwas hat es seit Klaus Mertes, dem früheren Leiter des Berliner Canisius-Kollegs,  nicht mehr gegeben. Der Pater schrieb 2010 den Betroffenen seiner Schule, wir sind schuld, wir bitten um Entschuldigung, wir hören euch zu. Das löste eine Welle an Enthüllungen aus, die bis heute nicht abebben will.

Das Schwule Museum erstattete Anzeige

Der Unterschied ist aber, dass Rehberg und die Leiterin des Museums, Birgit Bosold, heute schon viel weiter sind als der Jesuit Mertes damals. Das Schwule Museum hat 2019 seine Archive nämlich rückhaltlos für zwei Forscher:innen geöffnet, die im Auftrag der Unabhängigen Aufklärungs-Kommission recherchierten.

Sogar Polizei und Staatsanwaltschaft waren schon da. Als die Kulturhistoriker:innen und Expert:innen Sven Reiß und Iris Hax Hinweise auf nicht verjährte sexuelle Übergriffe im Archiv fanden, erstattete das Museum Anzeige.

Freiwillig das Archiv geöffnet

Um zu ermessen, was die Öffnung des Archivs bedeutet, in dem sich unter anderem die Akten der „Deutsche Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie“ befinden: Das ist, als würde Kölns Bischof Rainer Maria Woelki alle seine Kirchen-Akten, ohne Ausnahme, für eine unabhängige Fahndung und Forschung freigeben. Bis auf die Grünen hat das bisher niemand getan. Nur war kurz vor den Wahlen 2013 der Druck auf die Partei riesig, ihr so genanntes „grünes Gedächtnis“ zu öffnen.

Das Schwule Museum hingegen hat niemand gezwungen. Im Grunde hätten Bosold und Rehberg das Bundesverdienstkreuz verdient.

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Zunächst aber bekommen die beiden Prügel. Nicht jeder Schwule findet es nämlich cool, wenn im Gefolge der Akteneinsichten Sensationsberichte sprießen werden, nach denen die Schwulen- und die Pädosexuellenbewegung Seit´ an Seit´ marschiert seien.

Das dürfte Konflikte hervorrufen. Schwule unter 40 Jahren, vereinfachte Rehberg, könnten gar nicht verstehen, wie man gegen Aufklärung des pädosexuellen Arms der Schwulenbewegung sein kann. Schwule über 40 hingegen fragten, wie man nur dafür sein könne. Sie wissen, dass sie noch heute bei vielen Gelegenheiten als „Kinderficker" beschimpft werden - und manch‘ einer deswegen auch schon totgeschlagen wurde.

Zwei Aufklärungsphilosophien ringen miteinander

Die Öffnung der Archive ist aber nur der Anfang. Denn Reiß und Hax haben gerade mal kümmerliche 125 Seiten veröffentlichen dürfen, obwohl sie fast das doppelte geschrieben haben. Das ist das Verwirrende an dem Symposium zu Pädosexuellen Netzwerken. Hier rangen zwei Aufklärungsphilosophien miteinander: auf der einen Seite die radikalen Aufdecker, Birgit Bosold, Peter Rehberg, Sven Reiß und Iris Hax.

Und auf der anderen Seite die Verzögerer, die Verkleinerer, ja, die Zensoren. Kein schönes Wort, aber anders kann man wohl nicht nennen, was sich die Unabhängige Aufarbeitungskommission unter Sabine Andresen geleistet hat. Nicht zu vergessen: Andresen hat nur den einen Job - nämlich aufklären. Warum sie dann 250 Seiten über Missbrauch bei 1968ern, Schwulen, Jugendbewegung und Grünen auf 125 Seiten zusammenstreichen ließ, bleibt ihr Geheimnis.

Das muss man sich vorstellen: Das Schwule Museum öffnet radikal die Archive - und vom Staat  berufene Aufklärungskommission schmeißt einen Teil der Ergebnisse in den Reißwolf. Um im Bild zu bleiben. Das ist so, als überreichte Woelki seine Personalakten dem Staat - und die Staatsanwälte schleppten sie zurück ins Bistumsarchiv. Andresens Aktion, die Studie von Reiß und Hax vom Justiziariat des Familienministeriums überprüfen zu lassen, ist eine Art Harakiri. Was soll der Name „Unabhängige Aufarbeitungs-Kommission“, wenn man sich von einem Ministerium zensieren lässt?

Es bräuchte eine umfassende Forschung zu den Wandervögeln

Das Schwule Museum hat der überforderten Frankfurter Professorin den Strich durch die Rechnung gemacht. Aber für Bosold und Rehberg beginnt die Arbeit jetzt erst. So müssten sie sich einen Geldgeber für ein Forschungsvorhaben suchen, der die päderastischen und die schwulen Linien seit dem Wandervogel bis heute auseinander sortiert.

Denn der Wandervogel, also der Beginn der Jugendbewegung vor den Toren Berlins, wurde an der Wende zum 20. Jahrhundert von Wilhelm Jansen („Gemeinschaft der Eigenen“) und anderen pädophilen Gönnern praktisch übernommen. Statt zu wandern, kutschierte Jansen die 11- bis 17 Jährigen mit seinem Auto durch die Gegend und missbrauchte sie.

Er machte den Gymnasiasten Hans Blüher zu einem Chronisten der Jugendbewegung. Blüher schrieb in „Die Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen“ von mann-männlicher Liebe zwischen Invertierten. Sie hätten anders als die von ihm verachteten Frauen nicht nur zum Zwecke der Reproduktion Sex, sondern um Spaß zu haben und um etwas Größeres zu erschaffen - einen Männerbund, eine Art päderastische Republik.

Ideen, die Thomas Mann und Sigmund Freud gefielen

Solche Ideen gefielen damals unter anderen Thomas Mann und Sigmund Freud, später auch gemeinen Pädokriminellen wie dem berüchtigten Fred Karst. Der mehrfach verurteilten Missbrauchstäter gründete Anfang der 1980er mit Olaf Stüben, Dieter-Fritz Ullmann und Peter Schnaubelt die pädophile Zelle „Jung und Alt“ in der „Alternativen Liste“ in Kreuzberg. Ihnen fielen mutmaßlich 1000 Jungen zum Opfer.

Es gibt noch viel aufzuklären in der Schwulenbewegung, ehe Birgit Bosold und Peter Rehberg ein Verdienstkreuz bekommen. Es gebührt ihnen bereits jetzt. Denn freigegebene und erforschte Archivzeugnisse bekommt man so wenig aus der Öffentlichkeit zurück wie Zahnpasta in die Tube.  

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