Lauren Hertz und Daniel Brosh aus Tel Aviv Foto: privat
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Trans in Israel Glanz, Freiheit und Schmerz

Kevin Čulina

Tel Aviv gilt als Hochburg für sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung. Doch es gibt noch viel zu tun, findet die trans Community in Israel.

„Das ist mein Mercedes“ sagt Lauren Hertz, ihre Augen glänzen, sie lächelt über das ganze Gesicht. Hertz läuft in einen kleinen Nebenraum ihrer Wohnung im Süden von Tel Aviv. Die dunklen Locken der 47-Jährigen liegen locker auf einem weißen Kittel. Neben einer Liege steht besagter Mercedes, mit einem beherzten Fingerdruck schaltet sie ihn an.

Ihr Mercedes ist ein Kosmetikgerät zur Entfernung von Körperbehaarung. Hertz sparte jahrelang darauf, es sollte ein Neuanfang werden. „Mein Beauty-Salon soll der trans Community helfen“, sagt sie. „Ich mache Kosmetik für Mädchen wie mich“. Der Salon befindet sich in einem raketensicheren Raum ihrer Wohnung.

Überall in der Stadt hängen Regenbogenflaggen

Hertz wuchs nicht weit von ihrer jetzigen Wohnung auf. Als Kind schon bemerkte sie, dass ihr Umfeld ihr eine Identität zuschrieb, mit der sie sich nicht wohl fühlte. Mit 13 Jahren nahm sie heimlich die Anti-Baby-Tabletten ihrer Mutter. Als ihre Brust zu wachsen begann, brach ein großer Konflikt mit ihrer Mutter los. „Von da an lebte ich so, wie sie es wollten“, erzählt sie.

Bis zu ihrem 30. Lebensjahr. Hertz begann eine Hormontherapie, flog für mehrere Operationen nach Bangkok. Die Kosten musste sie damals noch nahezu komplett selbst tragen. Mittlerweile werden weite Teile von der staatlichen Krankenkasse übernommen. Bedingung hierfür ist das Vorsprechen vor einer medizinisch-psychlologischen Kommission, die den Wunsch genehmigen muss.

„Mir eine neue Welt aufzubauen hat Zeit und Kraft gekostet“, sagt sie heute und berichtet von Konflikten mit Freund*innen und in ihrer Familie. Nicht alle akzeptierten ihre Entscheidung, so auszusehen und leben zu wollen, wie sie es will, von Anfang an. „Aber ich habe es ihnen beigebracht, ich bin eine Kämpferin“.

Im LGBT Center der Stadt hilft sie jüngeren Menschen aus der Community. „Mein Weg war traumatisierend. Ich will anderen helfen, dass sie es leichter haben“, sagt sie. Viele haben gerade mit der Transition begonnen, Hertz hilft bei Anträgen an die Stadtverwaltung, spricht über Sorgen und Ängste - oder bietet Behandlungen in ihrem raketensicheren Beauty Salon an.

Die Geschlechtsangabe kann jederzeit geändert werden

Die LGBTIQ Community in Israel ist riesig, Tel Aviv ist die Hochburg. Überall in der Stadt hängen Regenbogenflaggen. Zwei Minister der aktuellen Regierung sind homosexuell, der Minister für Öffentliche Sicherheit lebt mit seinem Partner und zwei Kindern aus Leihmutterschaft in der Stadt.

Die Pride Parade in Tel Aviv ist die größte auf dem asiatischen Kontinent, über 100.000 Menschen feiern und demonstrieren im Juni eines jeden Jahres hier. In keinem anderen Land im Nahen Osten gibt es solche Freiheiten. 

Auf dem Papier stehen trans Personen in Israel viele Rechte zu. Die Geschlechtsangabe in Personenstandsdaten kann bei der lokalen Verwaltung jederzeit geändert werden, die staatliche Krankenversicherung bezahlt die Transition in Form von Hormontherapie oder Operationen. Im Jahr 2018 verzeichneten israelische Behörden 128 Änderungen in der Geschlechtsangabe, 500% mehr als noch 2017.

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Die Änderung der Geschlechtsangabe in den Personenstandsdaten soll bald weiter vereinfacht werden. So soll trans Personen eine Änderung auch ohne geschlechtsangleichende Operationen möglich sein und eine dritte Geschlechtsoption eingeführt werden, wie ein Regierungskommittee Ende Dezember empfohlen hat. Zudem wird der Ausschuss bestehend aus Arbeits- und Sozialministerium mehr trans Arbeitnehmer*innen im öffentlichen Dienst anstellen und fördern. Der Abschlussbericht wird für Anfang Januar erwartet.

 Gewalt und Diskriminierung gegen LGBT Personen nehmen zu

In der konkreten, alltäglichen Umsetzung stehen aber offenbar zunehmend Hürden vor vielen dieser Rechte. Wie Hertz berichtet würden die medizinisch-psychologische Kommission der Krankenkassen zunehmend kritischer gegenüber der Entscheidung für eine Transition.

Statistiken zeigen eine Zunahme an Diskriminierung und Gewalt gegen LGBTIQ. Alle vier Minuten passierte 2019 in Israel ein diskriminierender Vorfall, viele davon online. 2.125 Vorfälle wurden insgesamt laut der NGO Aguda gezählt. Ein Zuwachs von 36 Prozent zum Vorjahr.

Vor allem haben viele mit dem teuren Alltag in Israel zu kämpfen. Die Lebenshaltungskosten sind hoch, die Mieten gerade in der Tel Aviv steigen stetig an. Die Stadt belegt in einer Analyse der „Economist Intelligence Unit“ in diesem Jahr den siebten Platz der teuersten Städte der Welt, noch vor Los Angeles und Tokio.

Gerade in der trans Community ist dieser finanzielle Druck zu spüren. Ein Drittel von ihnen ist erwerbslos, 84 Prozent der trans Angestellten verdienen weniger als der israelische Durchschnitt, wie aus den letzten erhobenen Zahlen des Arbeitsministeriums von 2016 hervorgeht. Demnach gaben 40 Prozent an, Erfahrung mit Diskriminierung am Arbeitsplatz gemacht zu haben, rund 54 Prozent mit Witzen über ihre geschlechtliche Identität.

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Daniel Brosh ist einer von diesen 54 Prozent. „Wie hast du Sex?, oder „Wie sieht es zwischen deinen Beinen aus?, sei er von Kollegen und sogar seinem Chef gefragt worden. „Ich bin ein offenes Buch“, erzählt der 29-Jährige, das habe ihn angreifbar gemacht. Brosh sitzt an diesem Tag neben seiner Ehefrau Hertz, manchmal blitzt sein „trans is beautiful“-Tattoo auf der Innenseite seines Oberarms hervor.

Gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber klagt Brosh, ein „richtig beschissener Arbeitsplatz“ sei das gewesen. Mittlerweile bezieht er staatliche Unterstützung, da er aufgrund seiner geschlechtlichen Identität seinen Job verloren hat. Mit 19 Jahren begann Brosh eine Hormontherapie - während seines Pflichtdienstes bei der israelischen Armee. „Ich habe dort keine Freundschaften geschlossen, die Zeit war hart für mich“, blickt er zurück, vor allem auf Konflikte mit seiner Familie. Er habe sich zurückgezogen, neben der Arbeit kaum Kontakt mit anderen Soldat*innen gehabt.

Doch die Zeit hatte durchaus Gutes: Die Armee zahlte alle Kosten für die Hormontherapie und stellte ihm eine Therapeutin. „Sie hat mich am Leben gehalten“, erzählt er mit verträumtem Lächeln. „Alles, was ich brauchte, war nur einen Anruf weit weg.“

 Ein Kronen-Tattoo am Ringfinger

Auf die Hormonbehandlung in der Armee folgten teure Operationen in den USA und in Deutschland. Am Ende haben sich rund 300.000 Schekel dafür angehäuft, etwa 76.000 Euro - die er nach der Armeezeit weitestgehend selbst tragen musste. Erst nach einem langwierigen Rechtsstreit zahlte die Krankenkasse alle Kosten. „Jahrelang habe ich nur gearbeitet und gespart, das war ein harter Kampf“, sagt Brosh.

Ihm ist der Kontakt zu jungen Menschen wichtig, vor Schulklassen erzählt er seine Geschichte, engagiert sich in der Community. Doch die hohen Preise seien zunehmend frustrierend, der Umgang mit LGBTQs sei „teilweise respektlos“. „Kommt drauf an!“, widerspricht Hertz vehement. „In Israel haben wir viele Rechte und Freiheiten, die wir nicht überall hätten“, betont sie. Beide nicken nachdenklich. Es sei kompliziert, einigen sie sich.

Die Ringfinger von Brosh und Hertz schmückt heute eine Krone, ein Tattoo. Im September haben sie geheiratet, in den USA, auf Fotos liegen Sie sich am Strand in den Armen.

In Israel wollten sie sich nicht trauen lassen. Säkulare Israelis heiraten zunehmend im Ausland, da eine zivile Eheschließung in Israel nicht möglich ist. Hertz und Brosh hätten ausschließlich religiös über das orthodoxe Rabbinat heiraten können - und das erkennt Brosh lediglich als Frau und Hertz lediglich als Mann an. „Es gibt viele Wege jüdisch zu sein, genauso wie es viele Wege gibt, ein Mann zu sein“, kommentiert Brosh.

Die Zukunft? „Familie in Israel“, antwortet Brosh, und zögert. „Oder vielleicht irgendwo anders“, fügt er hinzu. „Dublin, Barcelona, London, Berlin“, denkt er laut, während Lauren Hertz neben ihm abwinkt. „Ich bin nicht so patriotisch, da musst du mit ihr reden“, sagt Brosh, zeigt auf seine Frau. Beide lachen. Dann blicken sie wieder nachdenklich ins Leere, lächeln. Sie werden wohl in Israel bleiben.

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