Der Autor Linus Giese. Foto: Annette Etges
© Annette Etges

Trans Autor Linus Giese im Gespräch „Ich musste die Scham durchbrechen“

Linus Giese hat ein Buch über sein Leben als trans Mann geschrieben. Ein Gespräch über radikale Offenheit, Hass im Netz – und angebliche Sprachverbote.

Linus Giese ist Autor (auch für den Tagesspiegel), Buchhändler und schreibt auf dem Blog "Buzzaldrins" über Bücher. Er lebt in Berlin.

Sie sind Buchhändler und haben nun selbst ein Buch geschrieben. Haben Sie sich schon vorgestellt, wie es sein wird, es zum ersten Mal zu verkaufen?
Das wird eine ganz seltsame Situation sein. Aber ich freue mich auch. Es ist für mich eine neue Perspektive auf das Thema Buch. Ich habe Bücher bisher immer nur verkauft oder über sie gesprochen. Und jetzt in dieser anderen Rolle zu sein, dass über mein Buch gesprochen wird oder jemand mein Buch kauft, ist eine sehr spannende Erfahrung.

“Ich bin Linus” ist ein sehr persönliches Buch, in dem Sie von Ihrem Coming Out als trans Mann und der Zeit danach berichtet. Wer Ihnen in den sozialen Medien folgt, hat einiges davon schon mitbekommen. Wieso wollten Sie das alles jetzt nochmal als Buch zusammenfassen?
Weil ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die nicht auf Twitter oder Instagram sind, aber vielleicht trotzdem Interesse haben an meiner Geschichte. Wobei ich nicht in erster Linie darüber nachgedacht habe, ob es für mein Buch ein Leser*innen-Potenzial gibt, sondern es mir eher ein therapeutisches Bedürfnis war, nochmal alles aufzuschreiben und loszuwerden.

Hat es einen therapeutischen Effekt gehabt?
Ich glaube schon. Es hat mir geholfen, mich wieder mit Sachen zu beschäftigen, mit denen ich mich lange nicht beschäftigt hatte. Zum Beispiel habe ich immer gesagt, dass ich gar keine Erinnerungen an meine Kindheit habe. Als ich dann angefangen habe zu schreiben und darüber nachzudenken, fiel mir aber doch einiges ein. Das war ein interessanter Schreibprozess.]

Ein zentraler Begriff in dem Buch ist Scham. Was bedeutet Scham für Sie?
Es ist eines der zentralen Gefühle meines Lebens. Einfach, weil ich mich unglaublich lange für das, was ich gewesen bin oder für das, was ich bin, geschämt habe. Mit meinem Coming Out musste ich wirklich eine jahrelange Scham durchbrechen, die mich sehr belastet und eingeschränkt hat. Dadurch habe ich auch festgestellt, was alles unter dieser Scham liegt. Wie viel entspannter es sich leben lässt, wenn man sich ein bisschen davon befreit.

Wie konnte die Scham überhaupt so einen großen Raum bekommen?
Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich lange Zeit gar keinen Zugang hatte zu meinen eigenen Gefühlen. Sicher auch, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, wo über vieles nicht gesprochen wurde und ich so das Gefühl hatte, dass ich mit dem, was ich möchte oder was ich mir wünsche, vielleicht an Tabus stoße. Im Rückblick ist es schwer zu sagen, woher es genau gekommen ist.

Eine Demo für trans Rechte in Berlin in diesem Jahr. Die aktuelle Debatte über trans Jugendliche hält Linus Giese für sehr problematisch - auch weil dabei Dinge in den Raum gestellt werden, die nicht mit der Realität zu tun haben. Foto: Inga Hofmann Vergrößern
Eine Demo für trans Rechte in Berlin in diesem Jahr. Die aktuelle Debatte über trans Jugendliche hält Linus Giese für sehr problematisch - auch weil dabei Dinge in den Raum gestellt werden, die nicht mit der Realität zu tun haben. © Inga Hofmann

Eine Ihrer Strategien zur Überwindung der Scham ist radikale Offenheit. Das geht im Buch bis hin zu sehr intimen körperlichen und sexuellen Details. Wieso ist diese Offenheit Ihnen so wichtig?
Ich habe meinem Buch ein Zitat von Jaqueline Scheiber als Motto vorangestellt: Es muss immer eine Person geben, die sich in die Mitte des Raumes stellt, um gesehen zu werden. Ich glaube, ich habe das Bedürfnis, gesehen zu werden und mich so von dieser Scham zu befreien. Mir hat es einfach geholfen, auch über intime Dinge zu schreiben. Es geht mir besser, wenn ich offen, ehrlich und verletzbar bin.

Aber natürlich ist es jetzt spannend, dass das von anderen gelesen wird. Ich habe beim Schreiben nicht unbedingt darüber nachgedacht, dass das in die Öffentlichkeit kommt. Das fühlt sich schon komisch an.

Ihnen geht es viel um Männlichkeitsbilder und Männlichkeitsklischees. Und dass gerade von Ihnen als trans Mann erwartet wird diese besonders zu erfüllen. Warum ist das so? Viele würden erwarten, dass trans Menschen mit Geschlechtszuschreibung freier umgehen können.
Mein Gefühl ist, dass bei trans Männern die Erwartungshaltung besteht, dass sie sich besonders männlich geben. Ich erlebe das zum Beispiel auf TikTok, wo sehr viele junge trans Männer unterwegs sind. Dort gibt es einen unglaublichen Druck, sich sofort die Haare abzuschneiden, wenn sie sich outen, weil ein trans Mann mit langen Haaren gar nicht geht.

Als ich angefangen habe, mir die Nägel zu lackieren, ist mir jemand entfolgt, weil er gesagt hat: Das machen trans Männer nicht. Wenn aber ein Schauspieler wie Billy Porter sich ein Kleid anzieht oder sich die Nägel lackiert, wird das gefeiert. Machen trans Männer dasselbe, wird gesagt: Du wolltest doch keine Frau mehr sein.

Ein Doppelstandard sozusagen.
Ja, bei trans Frauen ist das besonders krass. Sie müssen immer ein bestimmtes Geschlecht performen, um überhaupt akzeptiert zu werden. Da wird erwartet, dass sie ein Kleid tragen oder lange Haare haben oder sich schminken, damit sie als Frauen gelesen werden. Während viele cis Frauen, die ich kenne, nie einen Rock tragen oder sich schminken.

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Sie hadern in Ihrem Buch sehr damit, dass Sie bei Ihrem Coming Out bereits 31 waren. Derzeit gibt es eine Debatte darüber, dass sich Kinder und Jugendliche schon vor der Pubertät bewusst werden, dass sie trans sind - und dann angeblich zu schnell Entscheidungen getroffen werden. Wie sehen Sie diesen Streit?
Ich finde es schwierig, wenn man das öffentlich debattiert, weil das wirklich nur die Eltern, die betroffenen Kinder und die behandelnden Ärzte etwas angeht. Im Übrigen ist es in Deutschland ja so, dass man frühestens ab 17 Testosteron bekommt und vorher nur Pubertätsblocker. Das heißt, Kindern geschieht nichts, das nicht irreversibel ist. Wenn ein Kind mit 14 überzeugt davon ist, dass es trans ist und Pubertätsblocker bekommt und zwei Jahre später feststellt, das war falsch, werden die Pubertätsblocker eben wieder abgesetzt.

Die Problematik wird also übertrieben?
Das ist eine sehr aufgeladene Debatte. Da stehen Dinge im Raum, die gar nichts mit der Realität zu tun haben.

Können Sie Beispiele nennen?
Es ist ja nicht so, dass Kinder zum Arzt gehen und dann quasi am nächsten Tag auf dem Operationstisch landen. Vielmehr ist das Coming Out vieler Kinder oder Jugendlicher sehr langwierig und mit vielen Hürden verbunden.

So berichten etwa viele in in den sozialen Medien, wie belastendend der Prozess für sie ist. Das sind Kinder, die zwar in der Schule mit ihrem neuen Namen angesprochen werden, aber in ihrem Elternhaus nicht. Ich halte sehr viel davon, Kinder so früh es geht zu unterstützen. Sie ernst zu nehmen, ihnen das nicht auszureden, nicht gegenzusteuern, sondern einfach zu schauen, wohin es sich entwickelt.

Wäre die Abschaffung von Geschlecht, wie es etwa Lann Hornscheidt vorschlägt, am Ende die beste Lösung?
Das werde ich erstaunlicherweise sehr oft gefragt. Es ist eine interessante, aber auch eine unglaublich utopische Frage. Es würde ja Jahrzehnte dauern, bis wir dahin kommen, dass Geschlecht in unserer Gesellschaft keine Rolle mehr spielt. Aber es wäre schon entspannter für alle, wenn wir mit diesen Zuschreibungen offener umgehen könnten. Nehmen wir das Beispiel Bekleidungsgeschäft. Warum trennen wir nach Männerkleidung und Frauenkleidung? Warum trennen wir nicht nach Kleidung für Menschen unter und über 75 Kilo?

Die Sichtbarkeit von trans Menschen ist in den vergangenen Jahren schon größer geworden. Wo sehen Sie weiteres Verbesserungspotenzial?
Medien spielen dabei eine ganz große Rolle. Wie werden Geschichten erzählt? Wer darf sie erzählen? In der Debatte um J.K. Rowling haben sich unzählige Leute in den Medien geäußert. Aber ich habe keinen einzigen Text von einer trans Person dazu gelesen. Warum fragt man nicht mal eine trans Frau: Kannst du uns schreiben, was du darüber denkst?

Oft wird auch nur ein kleiner Ausschnitt in der Biografie von trans Menschen beschrieben. Die Betonung liegt auf dem schicksalhaften Leidensweg. Warum erzählt man nicht mal Erfolgsgeschichten von trans Menschen, die in einem tollen Beruf arbeiten oder eine Familie gegründet haben?

Ihnen begegnet viel Hass nach dem Coming Out. Das geschieht online, Sie werden aber auch gestalkt, müssen Wohnung und Arbeit wechseln. Trotzdem geben viele Leute Ihnen die Schuld an den Reaktionen. Was läuft da schief?
Das ist ein Mechanismus, der weit verbreitet ist. Wir sind da wahrscheinlich wieder bei dem Thema Scham. Ich spreche über Dinge, bei denen Menschen sagen: Darüber sollte man vielleicht nicht sprechen, oder wenn dann vielleicht in eigenen Schlafzimmer. Ich habe schon früh gespiegelt bekommen, dass ich selber schuld bin, weil ich so offen auf den Sozialen Medien aus meinem Leben erzähle. Ich hab mir dann relativ früh therapeutische Hilfe gesucht.

Was sagte Ihre Therapeutin dazu?
In meinem Erstgespräch habe ich erklärt, ich habe auch Fehler gemacht und auch provoziert habe. Meine Therapeutin hat sehr energisch eingegriffen: Egal was ich teile - nichts rechtfertige diese Reaktionen. Das war für mich eine ganz wichtige Erkenntnis.

Schockierend ist, dass zum Teil auch die Polizei wenig mehr tut als Ihnen zu raten, sich nicht mehr öffentlich zu äußern. Dabei präsentiert sich die Berliner Polizei mit LGBTI-Ansprechpersonen als sensibel für die Thematik.
Das Argument ist ähnlich wie bei cis Frauen, die einen kurzen Rock anhaben: Man bekommt zuhören, dass man selbst Schuld ist. Andere Menschen, die von Hass im Netz betroffen sind, ziehen sich dann einfach zurück und verstummen öffentlich. Das ist genau das Ziel dieser Attacken.

Haben Sie auch darüber nachgedacht?
Ich überlege schon dreimal die Woche, ob sich das alles lohnt und ich es mir nicht leichter machen würde, wenn ich meinen Twitter-Account stilllegen und stattdessen ein gutes Buch lesen würde. Im Moment mache ich gerne weiter. Aber natürlich gibt es andere interessante Formen des Aktivismus.

Welche?
Einer meiner großen Wünsche ist: An Schulen gehen, um mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich glaube, dass da ein großer Druck auf jungen Menschen liegt, die sich outen und damit in der Schule schlecht zurechtkommen.

In einem Kapitel zum Thema Sprache erklären Sie, weshalb manche Ausdrücke in Ihren Augen transfeindlich sind und wie Sie stattdessen gern angesprochen würden. Derzeit gibt es eine Debatte über Meinungsfreiheit und angebliche Sprachverbote. Wollen Sie J. K. Rowling oder Winfried Kretschmann den Mund verbieten?
(lacht) Ja, schon. Aber das kann ich ja gar nicht. Das ist wirklich ein Fehlschluss dieser Debatte. Die können alle reden, und sie dürfen alle. Ich war vergangene Woche in einer Buchhandlung, und es gibt dort einen Riesentisch mit “Harry Potter”-Bänden. Es ist wirklich nicht so, dass JK Rowling verboten wird zu publizieren oder ihre Bücher zu verkaufen. Ich finde es wichtig, ein öffentliches Gegengewicht zu bilden. Aber was ich sage, ist dann ja auch nur meine persönliche Ansicht.
"Ich bin Linus. Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war". Rowohlt 2020, 224 Seiten, 15 Euro, erscheint am 18. August.

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