Maximilian Hildebrandt, Paula Knüpling und Tala Gouveia in der Dreiecksgeschichte "Heute oder morgen". Foto: Casque Film
p

Teddy-Award Die queeren Filme der Berlinale 2019

0 Kommentare

Ein Lesbenpaar auf der Flucht, ein schwuler Vater im Umerziehungscamp und eine trans Frau mit Alien im Gepäck: Ein Überblick über die queeren Berlinale-Filme.

In Spanien wurde die Ehe für alle 2005 eingeführt. Viel zu spät für Elisa Sánchez Loriga und Marcela Gracia Ibeas, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts ein Paar waren. Angefeindet von ihrer homophoben Umgebung, starten die beiden Lehrerinnen einen Coup: Elisa verkleidete sich als Mann und heiratete Marcela im Juni 1901 im galizischen A Coruña unter dem Namen Mario Sánchez.

Die Sache flog auf, die Frauen flüchteten über Portugal nach Argentinien. Diese Geschichte dient der spanischen Regisseurin Isabel Coixet als Vorlage für ihre schwarzweiße Netflix-Produktion „Elisa y Marcela“, die im Wettbewerb läuft und sicher ein heißer Kandidat im Rennen um den Teddy Award für den besten queeren Berlinale-Film ist.

Im letzten Jahr dominierten brasilianische Werke die Teddy-Preisverleihung. Und auch in diesmal ist mit „Greta“ (Panorama) wieder ein starker Beitrag aus dem Land dabei, das mittlerweile von einem offen homofeindlichen Präsidenten regiert wird. In dem Debütspielfilm von Armando Praça steht der 70-jährige Krankenpfleger Pedro im Zentrum, der wie das spanische Frauenpaar auf erfindungsreiche Selbsthilfe setzt. Weil es im überfüllten Krankenhaus keinen Platz für seine nierenkranke Nachbarin Daniela gibt, verlegt er heimlich einen verwundeten jungen Mann zu sich nach Hause und schmuggelt die trans Frau auf der Station ein.

Marco Nanini und Denise Weinberg in "Greta". Foto: Aline Belfort
p

Ebenfalls im Panorama: das harte guatemaltekische Drama „Temblores“ von Jayro Bustamante. Der Regisseur, der 2015 mit seinem Debüt „Ixcanul“ zu Gast im Berlinale-Wettbewerb war, erzählt von einem zweifachen Vater aus wohlhabendem Haus, der sich in einen Mann verliebt. Seine streng gläubige Familie reagiert darauf mit Abscheu und Ablehnung. Sie drängt ihn, an einem Umerziehungslehrgang ihrer evangelikalen Gemeinde teilzunehmen. Bustamante inszeniert das in dunklen Farben und mit wenig Aussicht auf eine hoffnungsvolle Zukunft.

Ein Familiendrama um einen schwulen Mann ist auch „A Dog barking at the Moon“ (Panorama), wobei die chinesische Regisseurin Zi Xiangs ihre auf mehreren Zeitebenen spielende Geschichte vor allem aus der Sicht seiner Tochter und seiner in den Fängen einer Sekte versinkenden Frau erzählt. Lange statische Einstellungen, die von Dialogen geprägt sind, entfaltet eine berührende Handlung, die nebenbei auch Überlebenstaktiken schwuler und lesbischer Menschen in China spiegelt.

Beiläufig queer

Auffallend oft ist die Queerness von Spielfilmfiguren in diesem Berlinale-Jahrgang eher ein Nebenaspekt, sie gehört selbstverständlich dazu und wird nicht ins Zentrum des Geschehens gerückt. So ist etwa die Protagonistin von Marie Kreutzers „Der Boden unter den Füßen“ (Wettbewerb) mit einer Frau zusammen, doch dreht sich das österreichische Drama vor allem um ihr Verhältnis zu ihrer älteren Schwester, die schwere psychische Probleme hat.

Beiläufig queer sind auch zwei weitere argentinische Panorama-Filme: In „Breve historia del planeta verde“ von Santiago Loza will eine trans Frau, den letzten Willen ihre verstorbenen Großmutter erfüllen. Das Alien, mit dem die alte Dame ihre letzten Jahre verbracht hat, soll an den Ort in der argentinischen Provinz zurückgebracht werden, an dem es auf der Erde gelandet ist. Und in „Los Miembros de la Familia“ von Mateo Bendesky erweisen der schwule Lucas und seine Schwester Gilda ihrer Mutter die letzte Ehre, indem sie für einige Zeit in deren Haus in einer Kleinstadt nahe der Atlantikküste ziehen.

Mavie Hörbiger und Valerie Pachner in "Der Boden unter den Füßen". Foto: Juhani Zebra / Novotnyfilm
p


Die Perspektive Deutsches Kino bringt durch ihren Eröffnungsfilm „Easy Love“ von Tamer Jandali, in dem sieben Männer und Frauen zwischen 25 und 45 ihr Begehren erkunden, sowie durch Thomas Moritz Helms Berliner Dreiecksgeschichte „Heute oder morgen“ ebenfalls homo- und bisexuelle Konstellationen in den Regenbogen-Mix des Berlinale-Programms ein. Einen komplett genderqueeren polyamourösen Kreisverkehr präsentiert das Forum mit „So pretty“ von Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli. Inspiriert von Roland M. Schernikaus West- Berlin-Roman „So schön“, aus dem einige Passagen vorgelesen werden, wirft das experimentell-persönliche Werk Schlaglichter auf eine hippe New Yorker Queer-WG. Die schönen jungen Menschen werden beim Essen, Lieben und Feiern beobachtet.

Restauriertes Aids-Drama

Einen Blick in die Vergangenheit wirft das Jubiläumsprogramm Panorama 40, das der frühere Sektionsleiter und Teddy-Erfinder Wieland Speck mit seinem langjährigen Mitstreiter Andreas Struck zusammengestellt hat. Weil das Panorama von Beginn an einen Fokus auf Queeres gelegt hat, spiegelt sich dies auch in der kleinen Retro, die aus neun Spielfilmen, drei Essay-Dokumenten sowie elf Kurzfilmen besteht.

So werden etwa das gerade restaurierte Aids-Drama „Buddies“ (1985) von Arthur J. Bressan Jr. gezeigt sowie Ilppo Pohjolas 55-minütige Doku „Daddy and the Muscle Academy“ (1991), eine Annäherung an den legendären Zeichner Tom of Finland und der Kurzfilm „Max“ (1992) über einen trans Mann von Monika Treut. Die Hamburger Regisseurin hat für „Gendernauts“ 1999 einen Teddy bekommen und ist vor zwei Jahren mit dem Special Teddy ausgezeichnet worden.

In diesem Jahr bekommt ihn der Berliner Theatermacher Falk Richter. Da passt es gut, dass die Teddy Gala mit anschließender Party in der Volksbühne stattfindet.

+ + + Der Queerspiegel-Newsletter des Tagesspiegel - hier geht es zur Anmeldung.+ + +


Zur Startseite