Johnny Sibilly in "Queer as Folk". Foto: Starzplay
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Schauspieler Johnny Sibilly zur Neuauflage der Serie „,Queer as Folk' hat mir gezeigt, dass ich nicht allein bin“

Patrick Heidmann

„Queer as Folk“ schrieb TV-Geschichte, nun gibt es eine Neuauflage. Warum, erklärt Johnny Sibilly im Gespräch - und spricht über Sex-Positivität und queere Traumata.

1999 schrieb der Brite Russell T Davies mit „Queer as Folk“ Fernsehgeschichte: eine Serie über Männer, die Männer lieben, und mit jeder Menge schwulem Sex, das hatte es so vorher noch nicht gegeben.

Rund ein Jahr später startete unter dem gleichen Namen eine US-Version, ein klein wenig zahmer, aber immer noch recht bahnbrechend. Und nun gibt es eine weitere Inkarnation von „Queer as Folk“ (ab dem 31.7. zu sehen bei Starzplay), acht Episoden, verantwortet von Regisseur und Autor Stephen Dunn.

Einer der Hauptdarsteller ist Johnny Sibilly, der sich zuletzt schon mit Rollen in den Serien „Pose“ und „Hacks“ (letztere wartet hierzulande immer noch auf ihre Ausstrahlung) als einer der spannendsten queeren Newcomer empfahl. Wir konnten anlässlich seiner bislang größten Rolle mit ihm ein Videotelefonat führen.

Sie waren 13 Jahre alt, als 2000 die erste US-Version von „Queer as Folk“ ihre Ausstrahlung begann. Haben Sie damals etwas davon mitbekommen?
Das habe ich, recht früh sogar, aber vollkommen zufällig. Wir hatten zuhause kein Kabelfernsehen, aber eines Tages waren bei einer Tante oder einem Onkel zu Besuch, wo ich mich – wie man das in der Pubertät ja gerne mal macht – ziemlich schnell in irgendein Schlafzimmer mit Fernseher zurückgezogen. Beim Durchschalten stieß ich auf „Queer as Folk“ und sah, wie sich zwei Männer küssten. Das fand ich wahnsinnig aufregend – und hatte natürlich gleichzeitig total Angst, dass jemand reinkommt und das sieht.

War Ihnen damals schon klar, dass Sie queer sind?
Es gab in meiner Klasse einen Jungen, den ich toll fand. Zumindest war ich immer, wenn er in den Raum kam, auf eine Weise aufgeregt, die ich sonst nicht kannte. Das hatte noch nicht wirklich etwas mit Sexualität zu tun, aber als ich dann im Fernsehen diesen Kuss sah, war mir klar: genau das ist die Art von Nähe, die ich mit diesem Mitschüler haben will. Und „Queer as Folk“ hat mir gezeigt, dass ich damit nicht allein bin.

Haben Sie je mehr von der Serie gesehen?
Damals nicht. Wie gesagt: wir selbst konnten den Sender gar nicht empfangen. Ich hätte mich das aber auch nicht getraut. Wie wohl die meisten queeren Teenager damals gab ich mir größte Mühe, bloß nicht „aufzufliegen“, löschte panisch den Browser-Verlauf nach jeder Internetsuche usw. Jahre später habe ich dann „Queer as Folk“ wirklich geguckt, als ich schon sehr viel mehr Erfahrungen hatte. Trotzdem war die Serie immer noch etwas Besonderes, denn allzu oft begegnete mir schwule Alltagsrealität noch immer nicht im Fernsehen.

Hat über zwanzig Jahre später eine Neuauflage von „Queer as Folk“ noch ähnliche Relevanz?
Ich würde jedem widersprechen, der sagt, dass eine Serie wie unsere heute nicht mehr so wichtig ist wie vor zwanzig Jahren. Die Dinge, die wir in „Queer as Folk“ zeigen, von der Schießerei im Nachtclub bis hin zum Thema Deadnaming von trans Personen – all das gibt es gegenwärtig in der Realität zu erleben.

Und Schlimmeres, wenn man all die Gesetzesinitiativen denkt, die gerade in US-Bundesstaaten diskutiert und beschlossen werden. Deswegen ist es wichtiger denn je, diese Geschichten zu erzählen, in denen wir uns nicht für unsere Existenz entschuldigen, unabhängig davon, ob der Rest der Welt uns akzeptiert oder nicht.

Sie sagten kürzlich, dass Entertainment Leben retten kann. Wie meinen Sie das?
Daran glaube ich, weil Filme und Serien womöglich auch von Menschen gesehen werden, die in ihrem Umfeld keine queeren, trans und non-binary Personen kennen. Durch eine Serie bekommen sie Zutritt zu einer Welt, die bislang nicht verstanden haben oder auch nicht verstehen wollten. So wird Empathie geweckt, und zwar auf eine Weise, die nicht überfordernd wirkt, weil es erst einmal eine passive ist, bei der man nicht gleich Angst haben muss, falsche Pronomen zu verwenden oder sonst etwas falsch zu machen.

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Als ich vor ein paar Jahren in „Pose“ mitspielte, rief nach einer Folge meine Mutter an und fragte, was sie in ihrem Arbeitsumfeld tun könne, um trans Personen zu helfen. Und da arbeitete sie gerade für eine Regierungsbehörde! Jede Geschichte, die unsere Menschlichkeit in den Fokus nimmt, kann also etwas verändern, da bin ich mir sicher.

Den Nachtclub-Anschlag, der an das Attentat im Pulse-Club in Orlando 2016 gemahnt, haben Sie schon erwähnt. Nicht allen Zuschauer*innen in den USA hat gefallen, die Serie einen derart traumatischen Akt in den Mittelpunkt stellt. Wie sehen Sie das?
Als ich das Drehbuch zum ersten Mal las, war ich geschockt und traurig, weil ich als schwuler Mann das Gefühl hatte, dass wir die queere Freude, die ich bis dahin gespürt hatte, entrissen wurde. Doch gleichzeitig holte mich das auf den Boden der Tatsachen zurück, denn ist nun mal die Realität, dass Queersein immer auch heißt, dass man vorsichtig und auf der Hut sein muss. Queer zu sein heißt eben in der Regel auch, nie ganz sicher zu sein.

Ich verstehe die Kritik und vor allem jeden queeren Menschen, der keine Gewalt gegen unseresgleichen mehr sehen möchte. Doch ich finde es wichtig, all die traumatischen Ereignisse und Erfahrungen, die zur Geschichte der LGBTIQ-Community gehören, nicht zu ignorieren oder abzuhaken. Wissen Sie zum Beispiel, was 1973 in der UpStairs Lounge in New Orleans passierte?

Ehrlich gesagt nicht…
Das frage ich in letzter Zeit jeden und die Antwort lautet immer: keine Ahnung. Da kamen 32 Menschen bei einem Brandanschlag in einer Schwulenbar ums Leben, und keiner weiß heutzutage etwas darüber, weil wir nicht darüber sprechen. Homophobe Attacken und Transpanik, AIDS und Waffengewalt – zu unserer Geschichte gehören so viele fürchterliche Erfahrungen, die uns aber auch geprägt haben. Natürlich wäre es schön, wir müssten es nicht immer wieder beweisen, aber wir ertragen und überleben unglaublich viel. Das war immer so und wird immer so bleiben.

Eine Szene aus Queer as Folk: Brodie (Devin Way, links) und Noah (Johnny Sibilly) Foto: Peacock Vergrößern
Eine Szene aus Queer as Folk: Brodie (Devin Way, links) und Noah (Johnny Sibilly) © Peacock

Das Gegenteil dazu sind Produktionen wie die Serie „Heartstopper“ oder Billy Porters Film „Anything’s Possible“, die geradezu utopisch sind in ihrem Wohlfühl-Optimismus.
Und das ist ja auch toll. Genauso, wie wir unsere Realität kennen sollten, sollten wir auch wissen, was noch alles möglich ist. Deswegen ist auch „Queer as Folk“ nun in manchen Aspekten ein klein wenig progressiver als viele von uns es vielleicht aus dem Alltag kennen. Von der Sprache über die Diversität dieses Freundeskreises bis hin zum Umgang mit dem Thema Behinderung gibt es in der Serie manches, von wir alle hoffentlich bald noch hinkommen.

Einigermaßen progressiv ist die Serie auch in ihrer Sex-Positivität. Wie weit oben stand Freizügigkeit auf der Agenda?
Das war uns allen wichtig, denn die beiden ersten „Queer as Folk“-Serien hatten diesbezüglich jeweils Grenzen überschritten und dahinter wollten wir alle nicht zurück. Ich hatte früher schon Nacktszenen gedreht, aber was wir hier in Sachen Sex zeigen, geht doch weiter als das, was sonst in vielen Serien üblich ist. Mir lag das auch extrem am Herzen, denn nichts finde ich schlimmer, als wenn sich in einer Serie zwei Männer küssen, aber dann nur mit geschlossenen Mündern, spitzen Lippen und ohne jegliche Leidenschaft.

Oder noch schlimmer: sie umarmen sich bloß.
Oh Gott, ja. Ich liebe dich so sehr – und dann gibt’s bloß eine Umarmung. So fürchterlich realitätsfern. Genau deswegen war es wichtig, dass der Sex in „Queer as Folk“ echt und wundervoll und besonders und aufregend aussieht. Der wunderbare Ed Begley jr., der in der Serie den Vater eines der Protagonisten spielt, berichtete neulich, einige seiner Heterofreunden sagten, die Serie ginge zu weit, das sei zu viel des Gutes.

Woraufhin er zum Glück entgegnete, sie sollen sich mal einkriegen, schließlich würden wir alle auch seit Jahrzehnten alle erdenklichen Formen von Heterosex auf dem Bildschirm sehen, ohne dass es zu viel wäre. Nun sei es Zeit, dass auch andere mal ihren Spaß haben. Das hat es für mich sehr gut auf den Punkt gebracht.

Nach Ihren Rollen in „Pose“, „Hacks“ und nun „Queer as Folk“ haben Sie neulich zu Protokoll gegeben, dass Sie kein Problem damit hätten, für den Rest Ihres Lebens nur queere Rollen zu spielen. Angst davor, als Schauspieler in einer Schublade festzustecken, haben Sie also nicht?
Bislang nicht, denn all die Rollen, die Sie aufgezählt haben, waren höchst unterschiedlich, nie eintönig und immer weit weg von irgendwelchen Klischees. Ich hätte gar nichts dagegen, auch mal einen Hetero zu spielen. Warum auch? Eine gute Rolle ist eine gute Rolle. Aber für den Moment freut es mich einfach zu erleben, dass ich meine queere Identität auch in meiner Arbeit offen ausleben kann, mich nicht verstecken muss, um Geld zu verdienen, und nebenbei die Ehre habe, in Projekten mitwirken zu dürfen, die allesamt mutig und bahnbrechend sind. Und in allen darf ich Menschen verkörpern, die lieben so wie ich liebe. Warum also sollte ich damit aufhören wollen?

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