Bekannt unerkannt. Angeblich kann Rosa von Praunheim unbemerkt durch seinen Kiez spazieren. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Rosa von Praunheim Der Aufreger vom Kurfürstendamm

Ein Leben ohne Provokation? Undenkbar für den Filmemacher Rosa von Praunheim. Eher beschaulich ist dagegen sein Kiez – seit 40 Jahren City West.

Na, so was: Die schonungslosen Begrüßungsfragen, für die Rosa von Praunheim berühmt ist und die das Gegenüber, noch bevor die ersten Worte gewechselt sind, schon ins Taumeln bringen, wie etwa „Und, wann hattest du das erste Mal Sex?“ – sie kommen gar nicht. Ist das jetzt ein gutes oder schlechtes Zeichen?

Ein Blatt vor den Mund nimmt er trotzdem nicht: „Generell ist Berlin ja sehr hässlich“, entfährt es dem Regisseur beim Anblick der riesigen Erdhügel auf dem Olivaer Platz. Wir spazieren durch seinen Kosmos, seinen Kiez in Charlottenburg und Wilmersdorf, wo er seit 40 Jahren in derselben Wohnung lebt mit seinen beiden Männern Oliver und Mike.

Rund 150 Spiel- und Kurzfilme sowie Dokumentationen hat Rosa von Praunheim im Laufe seines Lebens gedreht, mit Szenegrößen, Pornostars, bekannten und unbekannten Schauspielern. Schwuler Sex, queeres Leben, die verklemmte Gesellschaft und die Lust am Provozieren, HIV und Aids und immer wieder starke ältere Frauen: Das waren und sind seine Themen.

Wer den 77-Jährigen kennt, der weiß: Lange hält er nie still. Bis vor Kurzem war sein Film „Männerfreundschaften“ über Homosexualität in der Goethezeit im Kino zu sehen, sein jüngstes Werk, die Dokufiktion „Darkroom – Tödliche Tropfen“, lief am gestrigen Sonnabend erstmals beim queeren Filmfestival Barcelona, im Herbst kommt es in die Berliner Kinos. Der Film erzählt die wahre Geschichte des Serienmörders, der 2012 drei schwule Männer mit K.-o.-Tropfen im Getränk tötete. Genau das Gruselige, Unverständliche daran ist es, das Rosa von Praunheim interessiert: „Wie kann es sein, dass ein Krankenpfleger, der mitten im Leben steht, Job und Partner hat, plötzlich solchen Taten begeht?“, fragt er, während wir den Kurfürstendamm überqueren.

Berlin ist groß, auf der Straße wird er, der eigentlich Holger Mischwitzky heißt, auch nach 40 Jahren nicht erkannt. Das sei ihm ganz recht so, sagt er – wir wollen es mal glauben. In der Öffentlichkeit stand er oft genug, mindestens zweimal hatte seine Drastik direkte politische Folgen: 1971, als einer seiner frühesten und bis heute wichtigsten Filme „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ zum Zündfunken wurde für die bundesdeutsche Schwulenbewegung. Und 1991, als er in der schlimmsten Zeit der Aids-Krise Prominente wie Hape Kerkeling und Alfred Biolek outete.

Die Route des Spaziergangs mit Rosa von Praunheim durch die City West. Foto: Tsp/Klöpfel Vergrößern
Die Route des Spaziergangs mit Rosa von Praunheim durch die City West. © Tsp/Klöpfel

„Natürlich war das umstritten, eine Bombe“, sagt er. Aber es habe eine Wende eingeleitet. „Homosexualität war bis dahin in der Presse vor allem mit Mord und Krankheit assoziiert. Ich glaube, dass sich das dadurch geändert hat.“ Kerkeling und Biolek hätten später geäußert, dass sie froh sind, jetzt offen schwul leben zu können.

Auf zweierlei Leinwand

Wir queren den Walter-Benjamin-Platz, der wegen einer möglicherweise antisemitischen Verszeile von Ezra Pound, die im Boden eingelassen ist und jahrelang niemandem aufgefallen war, jetzt wieder im Gespräch ist. Unabhängig davon ist er einer der gelungeneren Neubauplätze der Stadt, auch wenn Architekt Hans Kollhoff es mit der Strenge übertrieben hat und – wohl unbeabsichtigt – eher das faschistische als das heitere Gesicht Italiens zitiert. Mehr Bäume, ein zweiter Brunnen würden helfen. Einladend dafür die Stühle vor der jungen Buchhandlung „Geistesblüten“. Man kann hier wunderbar sitzen und im gleichnamigen Magazin blättern, in dem Autoren wie Jan Brandt, Édouard Louis oder Takis Würger zu Wort kommen.

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Marc Iven, einer der beiden Buchhändler, hat zuvor in der Autorenbuchhandlung am Savignyplatz gearbeitet und diesen Laden 2017 eröffnet. „Grüß dich“, sagt er zu Rosa, der mit einem trockenen „Guten Morgen, junger Mann“ antwortet. So unbekannt ist er eben doch nicht im Kiez, im Schaufenster steht eine DVD-Sammlung mit seinen Filmen, auch seinen 70. Geburtstag hat er hier gefeiert. Mit einer Penistorte.

Genital geht’s auch ein paar Meter weiter zu, in der Galerie von Michael und Gustav von Hirschheydt. Nicht viele wissen, dass Rosa von Praunheim auch malt, Bilder waren sogar sein frühester künstlerischer Ausdruck. Er hat an der Berliner HdK studiert und sich damals seinen Künstlernamen zugelegt, nach dem Frankfurter Stadtteil, in dem er aufwuchs. Seine neuesten Werke erinnern an Comics oder den Stil von Keith Haring, es wird eifrig erigiert und ejakuliert, die Bilder heißen „Hasipupsiloch“ oder „Fickfrösche auf Urlaub“ – und kosten ein paar tausend Euro. „Ich bin gerade in einer verspielten Phase“, sagt er.

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