Zu schrill? Teilnehmer*innen der Kölner Christopher-Street-Day-Parade. Foto: Henning Kaiser/dpa
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Queeres Selbstverständnis Geht es nicht etwas unauffälliger?

Während der CSD-Saison sind vor allem die schillernden, lauten Queers sichtbar. Doch das ist selbst einigen aus der Community zu viel. Ein Stimmungsbild.

Google zeigt Suchergebnisse an, die relevant sind. Ein Algorithmus errechnet das: Was wollen die User sehen? Was befriedigt die Erwartungen hinter einer Suche? Gibt man „CSD 2019“ ein und klickt auf die Bildersuche, findet man vor allem Bilder von bunt gekleideten Männern in Drag. Schrill könnte man das nennen, laut, extrovertiert. Ist das eine angemessene Repräsentation der queeren Community? Es gibt auch etliche, die aus ganz unterschiedlichen Gründen damit hadern. Sie stört das Schrille.

„Kein Wunder, dass wir nicht toleriert werden, wenn die sich so benehmen“, könnte man diese Position zusammenfassen. Auch von nicht-queeren Menschen lässt sich dieser Vorwurf hören. Sie finden, dass die Mitglieder der LGBTQI-Gemeinschaft ihr Anderssein zu häufig erwähnen.

Die 22-jährige Lennja ist Teil der Community und sagt: „So gut wie jedes Mal wenn irgendwo eine queere Veranstaltung stattfindet und darüber berichtet wird, sieht man als erstes Drag Queens.“ Sie meint, dass dadurch der Eindruck entstehen würde, dass alle queeren Menschen so auffällig und bunt sind. „Dabei ist die Community vielfältig und besteht nicht nur aus Drag Queens.“ Für sie ist die Fokussierung auf das Schillernde eine Vereinfachung. Zumal es sich dabei meist um schwule Männer handele. Durch deren Strahlkraft kämen Lesben, Pansexuelle und trans Menschen kaum einmal ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Marcel ist ein queerer Mann. Er ist verheiratet mit einer Frau, steht aber auch auf Männer. „Wenn ich neue Leute kennenlerne und von meiner Frau erzähle, werde ich sofort in die heterosexuelle Schublade gesteckt“, erzählt er. Doch seine queere Seite ist ihm wichtig. „Ich verspüre innerlich den Drang zu zeigen, dass ich Teil der queeren Community bin.“ Kürzlich hat der 32-Jährige einen neuen Job angefangen, in diesem habe er sich zunächst bewusst zurückgehalten, von seiner Frau erzählt und es zugelassen, als heterosexuell wahrgenommen zu werden. „Umso größer war dann die Überraschung, als ich mit einer Glitzertasche ins Büro kam“, erinnert er sich. Das habe für Belustigung gesorgt, denn „über einen vermeintlich heterosexuellen Mann mit Glitzer darf man doch lachen, oder nicht?!“.

Marcel erlebt eine andere Seite der Auseinandersetzung mit Normalität. Er könnte ein unauffälliges Leben führen mit seiner Frau. Ein Familienleben mit Kind in der beschaulichen Wohnung. Doch dieses Angepasstsein entspricht nicht seiner Identität.

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Queer begann als Begriff, um vor allem homosexuelle Menschen zu diskreditieren, es war ein Schimpfwort. „Seltsame“ Personen, die nicht richtig einzuordnen waren in ein gesellschaftliches Gefüge mit strengen Regeln und Grenzen. Eine Gesellschaft, die jede Grenzüberschreitung bestrafte und noch immer bestraft – etwa mit Begriffen, die ihnen ihr Menschsein absprechen. Doch im Laufe der Zeit wurde queer zu einem ermächtigenden Begriff. Beginnend in den USA begannen Menschen, sich selbst als queer zu bezeichnen. Sie nahmen das Wort als Möglichkeit, ihr Seltsam-Sein zu feiern, nicht zu unterdrücken.

Manche können sich nicht so einfach anpassen

Schließlich bildete sich um den Begriff auch eine akademische Schule, er hielt Einzug in die Universitäten. Mitgeformt von Menschen wie Judith Butler entstand eine Theorie über Menschen, die außerhalb von binären Strukturen und Konzepten wie Mann-Frau oder Hetero-Homo leben oder leben wollen. Es geht um die Möglichkeit, anders zu leben in einer Gesellschaft, die auf dem Ausschluss von nicht fassbaren Identitäten basiert, die alles in ihre Schublädchen stecken möchte.

„Der Wunsch nach Akzeptanz zieht sich durch die gesamte queere Community und ist sehr nachvollziehbar“, sagt Maya. Jedoch dürfe diese Akzeptanz nicht durch Anbiederung an die Mehrheitsgesellschaft erreicht werden. „Sonst werden viele queere Menschen wieder für ihr Anderssein verurteilt“, sagt die 31-Jährige. Es handele sich nicht um echte Akzeptanz, wenn diese nur gegeben sei, solange sich Menschen an die weißen Hetero-Narrative anpassten. „Queere Menschen mit dieser Position erlebe ich in der Regel als sehr verunsichert durch ihre eigene Queerness“, sagt sie. Auch das kann sie nachempfinden, denn es sei der leichteste Ausweg aus der gesellschaftlichen Marginalisierung: Sei wie die Mehrheit.

Verschiedene Stufen der Diskriminierung

Doch so einfach geht das nicht für alle. Sophie ist trans und kennt den Druck als Frau durchgehen zu müssen („Passing“). Das bedeutet in ihrem Fall, sich den herkömmlichen Vorstellungen einer Frau anzupassen. Doch: „Am Ende geht es darum, dass Personen sie selbst sein können und deshalb nicht verachtet werden. Für manche ist es ein Leichtes, von der Mehrheitsgesellschaft nicht als anders wahrgenommen zu werden. Andere können aber nicht aus ihrer Haut oder wollen sich nicht verstellen und werden deshalb immer auffallen.“ Es sind Menschen, die sich nicht dem Druck der Gesellschaft beugen wollen, sich äußerlich eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen.

Sophie steht den Bestrebungen, „normaler“ zu werden, kritisch gegenüber: „Ich glaube nicht, dass sich queere Personen einem Mainstream anpassen sollten, sondern eher umgekehrt, dass es für den Mainstream gut ist, mehr queere Konzepte zu adaptieren.“ Denn für viele seien solche Strategien wie etwa das „Passing“ nur eine Überlebensstrategie, in einem Umfeld, das sonst oft mit Abwertung oder gar Gewalt reagiert.

Und so richten sich auch die Kämpfe innerhalb der queeren Community nach den vorherrschenden Vorstellungen von Normalität aus. Während die einen feiern, dass sie heiraten und endlich teilhaben können an dieser gesellschaftlichen Konvention, kämpfen andere noch darum, dass ihre Identität überhaupt wahrgenommen und anerkannt wird. Es sind verschiedene Stufen der Diskriminierung, verschiedene Realitäten, die den Alltag bestimmen und die Identität formen. Es sind Kämpfe. Und Kämpfe sind eben auch laut.

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