Teilnehmerin beim Guatemala Pride in der Hauptstadt. Foto: EDWIN BERCIÁN/Imago
© EDWIN BERCIÁN/Imago

Queeres Empowerment in Guatemala Drag als Widerstand

Sarah Ulrich

Im zentralamerikanischen Guatemala ist Queerfeindlichkeit weit verbreitet. Ein Dragkollektiv kämpft dagegen für queere Sichtbarkeit und Empowerment.

Behutsam nimmt Inga Apfel ihre Schminkpinsel in die Hand. Erst Foundation, dann die Konturen, schön auffällig sollen sie sein, um die Wangenknochen zu betonen, etwas Puder, Rouge, dann die Augen. Vier verschiedene Farben Lidschatten, ein langer Lidstrich, die extralangen Wimpern zum Aufkleben und zum Schluss noch die gelben Kontaktlinsen, die ihre Iris wie den Augapfel einer Schlange erscheinen lassen.

Fast drei Stunden dauert es, bis aus Javier Aju nach und nach Inga Apfel wird. Schminke, Perücke, Outfit. Die Transformation hin zur Dragpersönlichkeit ist aufwändig. Mit jedem Pinselstrich verschwindet Aju und kommt Apfel zum Vorschein.

Mindestens 19 queere Personen wurden 2020 in dem Land ermordet

Javier Aju lebt in Guatemala. Seit drei Jahren performt er als Dragqueen Inga Apfel. Aju ist einer der Gründer:innen des Kollektiv “Dragbesties”, einem der bekanntesten Dragkollektive des kleinen zentralamerikanischen Landes südlich von Mexiko. In Guatemala, wo Katholizismus und Evangelikale stark sind und queere Lebensrealitäten weiterhin diskriminiert werden, hat sich Drag in den letzten Jahren zunehmend zum politischen Widerstand entwickelt.

 “Man hört immer wieder, sexuelle Diversität sei nicht ‘natürlich’”, erklärt Apfel. “Aber das ist Quatsch. Also benutze ich biologische Argumente um zu zeigen, dass die Natur sehr wohl queer ist.” Clownfische, deren Alphamännchen ihr Geschlecht wandeln, wenn die Weibchen sterben oder queerer Sex unter Bonobos, um Beziehungen zu stärken.

Ajus Charakter Inga Apfel ist eine naturliebende Biologielehrerin, die ihr Publikum über die Natur queerer Identitäten aufklärt. Aju ist studierter Biologe und unterrichtet an Schulen. “No hay nada mas queer que la naturaleza”, sagt Apfel und lacht dabei. “Es gibt nichts das queerer ist, als die Natur selbst.”

 Doch in der guatemaltekischen Gesellschaft ist die Anerkennung queerer Realitäten umkämpft. Die Angriffe auf LGBTQI-Personen in Guatemala sind dramatisch. 2020 wurden mindestens 19 queere Personen in dem Land ermordet, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein.

Erst im Juni 2021 wurde die Anwältin der trans-Rechte-Organisation Otrans ermordet, nur wenige Tage nach eine Kollegin nach einer transfeindlichen Attacke in einem Krankenhaus an ihren Verletzungen starb. Es gibt keine Gesetze, die LGBTIQ-Personen in Guatemala schützen oder queerfeindliche Taten als solche bestrafen. Queere Ehen sind nicht erlaubt, ebenso wenig die Eintragung einer diversen Geschlechtsoption.

 Das Kollektiv Dragbesties veranstaltet eigene Shows

Ein Vertreter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sagte vergangenes Jahr: „Guatemala muss dringend nachvollziehbare Schritte einleiten, um die Morde an der attackierten LGBT-Communities zu beenden.“

 Unterdessen wird wird im Parlament ein diskriminierendes Gesetz diskutiert, das unter dem Titel “Gesetz für den Schutz der Kinder und Heranwachsenden gegen die Störungen der Geschlechtsidentitäten” trans Personen als krank markiert und die Anerkennung von trans Identitäten als angebliche Bedrohung für Kinder stigmatisiert. Organisationen wie Visibles oder auch die Dragszene engagieren sich, um für Aufklärung zu sorgen und eine Verabschiedung des Gesetzes letztlich zu verhindern.

 Doch die queere Szene wehrt sich. Zum Beispiel mit Empowerment durch Drag. Es war im Juni 2018, der Monat der Queer Pride, erinnert sich Javier Aju heute, als er und die Dragqueen Carmen Monoxide beschlossen, das Kollektiv Dragbesties zu gründen. Zwar gab es auch damals bereits Drag-Veranstaltungen, jedoch hauptsächlich in einer Umgebung: Dem Schwulenclub Genetic. Für die junge, urbane queere Szene Guatemalas war der selten eine Option.

Der Club, so beschreibt es Aju, war kein safe space für queere Menschen, sondern vielmehr ein kommerzieller Schwulenclub, in dem Dragqueens für gerade Mal eine Flasche Schnaps als Lohn performen durften. “Dort wurde an der Tür schon gesagt: ‘Du kannst reinkommen, aber entweder als Junge oder komplett in Drag“, sagt Aju. „Als Junge mit Make-Up oder High-Heels, das geht nicht’.” Orte wie der Schwulenclub folgten einer klaren Vorstellung von queerer Identität - wer dieser Norm nicht entsprach, war nicht willkommen.

 Also organisierte das Dragbesties-Kollektiv eigene Veranstaltungen, bei denen queere Menschen ihre Identitäten nach eigenen Vorstellungen ausgestalten können. “Wir hatten am Anfang Angst”, sagt Aju. “Es gibt viel Korruption in Guatemala, wir wussten nicht, ob wir jetzt jemandem sein Territorium streitig machen.” Doch schon die erste Show war ein Erfolg. Auch Gabo Quiroa, eine der ersten queeren Personen, die in Guatemala mit einem Youtube-Channel bekannt geworden sind performte dort.

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Ab diesem Moment organisierten sie alle drei Monate größere Shows und wöchentliche Events, bei denen sie gemeinsam “RuPauls Drag Race” schauten. „Viele unsere Referenzen und Inspirationen kommen von RuPaul“, sagt Aju. “Aber irgendwann merkten wir, dass die Leute nicht für die Serie, sondern für unsere Dragshow kamen.”

Viele junge, queere Menschen fühlten sich durch die Events bestärkt, immer mehr traten selbst als Dragqueens auf oder gründeten eigene Kollektive. Heute sind die Events dieser Szene die einzigen, auf denen queere Menschen sich abseits der erwarteten Gendernormen kleiden können, ohne bedroht, angefeindet oder belästigt zu werden.

Nach dem Guatemala Pride von 2018 gründete sich das Dragbesties Kollektiv. Foto: EDWIN BERCIÁN/Imago Vergrößern
Nach dem Guatemala Pride von 2018 gründete sich das Dragbesties Kollektiv. © EDWIN BERCIÁN/Imago

Die Szene ist klein, aber sie wächst stetig. Mehr als 5000 Menschen kamen 2019 zur Queer Pride in Guatemalas Hauptstadt zusammen - für das Land war es die größte queere Demonstration jemals. Politische Organisationen wie die LGBTQI+-Initiative “Visibles”, zu deutsch “sichtbar”, helfen mit ihrer Arbeit, junge queere Menschen zu empowern, zu ihrer Identität zu stehen.

Auch das Dragkollektiv unterstützen sie. Im Dezember 2021 organisierten Aju und seine Mitstreiter:innen das erste Drag-Festival Guatemalas - mit Podiumsdiskussionen zu Sexualität und Gender, Filmvorführungen, kleinen Ständen und natürlich Dragperformances.

Es ist ein enormer Erfolg für die queere Szene, solche Events ausrichten zu können. Aber es mangelt an Inklusivität. “Queeres Empowerment in Guatemala ist ein Privileg”, sagt Aju. “Das ist traurig, aber wahr.” Die meisten Gäste auf den Dragshows sind “middle class urban kids”, wie Aju sie beschreibt. Die Events finden in den reicheren Gegenden in Guatemala-Stadt oder der touristischen Stadt Antigua statt. Das Dragfestival kostete 100 Quetzales Eintritt - also etwa 11 Euro. Das entspricht in etwa dem Mindestlohn in Guatemala für einen gesamten Tag.

Günstige Orte waren zu gefährlich

 Das zentrale Problem ist Sicherheit. Anfangs richteten auch Dragbesties ihre Events noch an Orten aus, in denen die Eintrittspreise günstiger waren. Aber nachdem mehrere Gäste ausgeraubt und angegriffen wurden, entschieden sie sich für die streng bewachten Szenelokale der Mittel- und Oberschicht. “Natürlich ist es ein Problem, nicht inklusiv sein zu können”, sagt Aju. “Aber wir mussten an diese Orte gehen, um uns sicher zu fühlen.”

 Der Konflikt spiegelt die tiefe Spaltung der guatemaltekischen Gesellschaft. “Es gibt viel Rassismus und Klassismus”, sagt Aju. “Auch in der LGBTQ-Community.” Aber deshalb aufzuhören sei keine Option. Viel wichtiger sei es, weiter Menschen zu empowern und für die Anerkennung queerer Lebensrealitäten zu kämpfen. Denn bei all der Sichtbarkeit, die sich queere Personen in Guatemala erkämpfen, sind die Bedrohungen und die Repression noch immer Realität.

 Für dieses Jahr hat das Kollektiv Dragbesties geplant, sich offiziell ins Handelsregister eintragen zu lassen. Das Ziel ist es, dass die Queens von ihren Shows und Auftritten leben können und Drag mehr als ein Nebenjob wird. So könnten sie Stipendien vergeben, mehr Jobs schaffen, mehr ökonomische Unabhängigkeit aufbauen. Es wäre ein großer Schritt Richtung Selbstwirksamkeit - und für queeres Empowerment in einer widerspenstigen Umgebung.
Diese Recherche entstand im Rahmen des Stipendienprogramms “Internationale Journalisten-Programme (IJP) Lateinamerika”

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