Ian Kaler zeigt beim Festival ein autobiografisch inspiriertes Stück. Foto: Dorothea Tuch
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"Queer Manifestos" im HAU Vielklang der Körper

Manifeste für eine queere Zukunft: Der Choreograf Ian Kaler und die Performerin Sanni Est treten beim HAU-Festival „The Present is not enough“ auf.

So heiter und gelöst hat man Ian Kaler selten erlebt. Mitte Mai trat der österreichische Choreograf und Tänzer bei einem Konzert von Jam Rostron aka Planningtorock im Berghain auf. Kaler und Ambrita Sunshine rahmten Rostron tanzend ein – die beiden waren hier aber nicht nur Dekor, auch sie warben nebenbei für ein nicht-binäres Geschlechterverständnis.

Nun ist Kaler wieder in seinem Berliner Stammhaus HAU zu sehen: beim Festival „The Present Is Not Enough – Performing Queer Histories and Futures“ (20. bis 30. 6. auch im Schwulen Museum). Kaler gehört zu den 26 Künstler*innen, die an drei Abenden ihre „Manifestos for Queer Futures“ präsentieren.

Für das Festival hat er seinen Monolog aus dem Stück „LIVFE“ überarbeitet, das um autobiografische Motive kreist. „Das war das erste Mal, dass ich mein Trans-Sein thematisiert habe – auf eine Art und Weise, die klarmacht, dass es eine sehr subjektive Erfahrung ist, dass wir aber gleichzeitig vieles teilen, unabhängig davon, wie unsere Genderidentität ist.“

Eine eigene Bewegungssprache entwickeln

Ian Kaler, der in Wien und Berlin lebt, avancierte innerhalb weniger Jahre zu einem der aufregendsten Choreografen der zeitgenössischen Tanzszene. Zum Tanz ist er über die bildende Kunst gekommen. Er hat zunächst „Transmediale Kunst“ in Wien studiert, in Berlin absolvierte er danach einen Pilotstudiengang am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz. Mit dem Trio „Insignificant Others (learning to look sideways)“ machte Kaler bei den Tanztagen Berlin 2010 auf sich aufmerksam. In seinen Arbeiten legt er den Fokus nicht allein auf das Thema Queerness. „Mir war es von Anfang an wichtig, Stücke zu machen, die eben nicht nur dieses Thema berühren, sondern die sehr stark auf formaler Ebene arbeiten.“

Seine Stücke sind zwar abstrakt, aber es geht ihm darum, eine eigene Bewegungssprache zu entwickeln und Körperbilder zu entwerfen, die sich allen Zuschreibungen und Eindeutigkeiten entziehen. „Wir alle haben Körper und sind Körper. Deswegen ist die Frage, was für Körper wir auf der Bühne sehen, total wichtig.“

Die Arbeit mit Jam Rostron hat seine Arbeit verändert

Seit er sein Geschlecht angeglichen hat, wird Kaler oft gefragt, ob sich seine Arbeit durch die Transition verändert hat. Sein Körper ist muskulöser geworden, die Stimme tiefer. Aber die Frage greift zu kurz, findet er. „Es gibt so viele Faktoren, die maßgeblich sind dafür, wie ich in den letzten Jahren meine Arbeit entwickelt habe. Einer davon ist meine Zusammenarbeit mit Jam Rostron. Mit dieser Musik zu arbeiten, die klare Beats und Rhythmen hat, hat viel mehr in meiner Bewegungsarbeit verändert als die Transition.“

Ian Kaler und Jam Rostron entwickeln schon seit 2015 eine gemeinsame Praxis. Hier treffen nicht nur zwei Gleichgesinnte aufeinander, die beiden sind sich sehr zugetan, das ist zu spüren. Die Livemusik von Planningtorock verleiht den Performances von Kalers „o.T.“-Serie eine hypnotische Qualität. Verschiedene Intensitäten will er schaffen – und das gelingt hervorragend. Denn Kaler besitzt eine starke Bühnenpräsenz und ein ausgeprägtes Formbewusstsein. „Das hat mit Visualisierung zu tun“, sagt er. „Von der bildenden Kunst her kommend habe ich eine sehr genaue Wahrnehmung von Raum und der Figur im Raum.“

Allianzen schaffen, andere Perspektiven verstehen

Seine künstlerische Entwicklung lässt sich nicht als reine Selbstsuche beschreiben, und abgeschlossen ist dieser Prozess noch lange nicht. „Ich suche mir immer neue Herausforderungen“, erzählt er. In New York hat er vor Kurzem mit einem Schauspielcoach gearbeitet. Künstlerische Sensibilität und politisches Bewusstsein gehören für ihn zusammen.

Kaler ist sich bewusst, dass er als weißer trans Mann privilegiert ist. Dass er so gut passe, also als Mann durchgehe, mache sein Leben viel einfacher in vielen Bereichen. In anderen sei es aber immer noch schwierig. Für ihn stellt sich stets die Frage: Wie kann man Allianzen schaffen und Perspektiven verstehen, die nicht die eigenen sind?

Sanni Ests Hau-Performance kreist um die Dualität von Licht und Dunkelheit. Foto: Dorothea Tuch Vergrößern
Sanni Ests Hau-Performance kreist um die Dualität von Licht und Dunkelheit. © Dorothea Tuch

Damit spricht er Sanni Est wohl aus der Seele. Die brasilianische trans Frau, die in klassischer Musik ausgebildet wurde und seit 2007 in Berlin lebt, ist DJ, Musikerin, Performerin, Aktivistin – und äußerst umtriebig: Im Mai hat sie eine Lesung im Rahmen des Queer History Month 2019 im HKW gegeben. Bei der Queer Week im Gorki Studio war letzte Woche eine Videoinstallation von ihr zu sehen. Für das HAU hat sie eine kurze Performance mit Text und Sound entwickelt, die um die Dualität von Licht und Dunkelheit, Weiß und Schwarz kreist.

Als trans Brasilianerin aus der Favela habe sie das Gefühl, dass ihre Realität kaum wahrgenommen werde, sagt sie. „Ich organisiere ein queeres Musikfestival und konnte feststellen: Ich bin nicht allein mit dem Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Das liegt nicht nur an Berlin, sondern hat auch damit zu tun, wie die Narrative gebildet sind. Das ist chon sehr eurozentrisch und heteronormativ.“

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Als Frau of Colour ist sie mit verschiedenen Formen von Ungleichheit konfrontiert: nicht nur mit dem alltäglichen Rassismus, sondern überdies mit Sexismus, der auch vor der Berliner Clubszene nicht haltmacht. Sanni Est hat einige Semester Soziologie studiert. Sie spricht sehr reflektiert über strukturelle Diskriminierung. Als Künstlerin will sie aber auch ihre emotionalen Erfahrungen zum Ausdruck bringen. Viele ihrer Texte sind aus biografischer Not entstanden, erzählt sie.

Empowerment-Projekte für queere Künstler*innen

Auf ihrem Elektro-Album „War In Her“ hat sie die unglückliche Beziehung mit einem weißen Mann verarbeitet. „Das hat so viele schmerzhafte Gefühle hervorgerufen, dass es sich wie ein Krieg innerhalb von mir selbst anfühlte.“ Sanni Est musste lange um Anerkennung kämpfen, heute versucht sie, anderen Mut zu machen. Sie leitet mehrere Empowerment-Projekte für queere Künstlerinnen und Künstler mit Migrationshintergrund.

Viele, die bei dem Festival mitmachen, sind Freunde von ihr. Dass sie nun im Hebbel am Ufer auftreten und dadurch die Themen, die sonst eher Rande, im Underground behandelt werden, eine größere Aufmerksamkeit bekommen, freut Sanni Est sehr. In dieser „Polyphonie“, ist sie genau wie Ian Kaler eine wichtige Stimme.

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