Das Team vom RBFZ Lichtenberg vlnr Anna Dundurs (pädagogische Mitarbeiterin), Daniela Kühling (pädagogische Leitung) und Constanze Körner (geschäftsführende Leitung). Foto: Friderike Körner
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Neue Hilfe für queere Familien in Lichtenberg "Ein Regenbogenzentrum ist wichtig für den Ostteil der Stadt"

Auch in Lichtenberg gibt es jetzt ein Zentrum für Regenbogenfamilien. Constanze Körner spricht über Corona-Bedingungen und lesbische Sichtbarkeit.

Constanze Körner ist Leiterin und Projektkoordinatorin von Lesben Leben Familie (LesLeFam) e.V. Im Interview spricht sie über das neue Regenbogenfamilienzentrum in Berlin Lichtenberg, mangelnde Sichtbarkeit und die Arbeit unter Corona-Bedingungen

Im März nahm das erste Regenbogenfamilienzentrum im Bezirk Lichtenberg seine Arbeit auf. Träger der Einrichtung ist der Verein „Lesben Leben Familie (LesLeFam) e.V., der letztes Jahr bei der Vergabe des Regenbogenfamilienzentrums Friedrichshain abgelehnt wurde. Wie hat es jetzt doch noch geklappt?
Der Bezirk Lichtenberg hatte sich schon vorher bemüht, uns mit dem Zentrum Ost, das über die Senatsverwaltung vergeben wurde, zu unterstützen. Viele politische Akteur*innen haben sich engagiert. Dadurch gab es viel Vorarbeit und es war umso frustrierender, dass wir den Zuschlag vom Berliner Senat nicht bekommen haben. Der Bezirk Lichtenberg hat dann, als klar war, dass es mit dem Zentrum in Lichtenberg nicht klappt entschieden, das selbst in die Hand zu nehmen. Und dann ging es relativ zügig durch alle Instanzen des Bezirkes. Wir haben im Februar die Zusage bekommen und im März konnten wir schon loslegen.

Also ging die Finanzierung lediglich über den Bezirk?
Ganz genau, das ist wirklich nur ein bezirkliches Projekt. Das war die Initiative des Bezirkes, der sich für solche Themen stark macht. LesLeFam hat großes Glück, dass Lichtenberg uns vor zwei Jahren in den Bezirk geholt hat und uns seither so unterstützen.

Warum denken Sie, dass das Zentrum in Lichtenberg wichtig ist?
Ich denke, dass so ein Zentrum insgesamt für den Ostteil der Bezirke Berlins wichtig ist. Jeder Bezirk ist quasi eine Großstadt und hat jede Menge Menschen, die queer leben. Wir machen schon seit zwei Jahren die Arbeit für Regenbogenfamilien im Bezirk und haben gemerkt, dass da viel Potenzial ist. Corona hat die Begegnungen natürlich an vielen Stellen tot gemacht, aber wir stellen fest, dass wir trotzdem total gefragt und mittlerweile im Bezirk super gut vernetzt sind. Wir zeigen vielfältige Lebensentwürfe und vielfältige Familien auf und sensibilisieren für diese Themen.

Im vergangenen Jahr wurde LesLeFam vorgeworfen, dass „der Verein zu sehr auf Lesben fokussiert“ sei. Mit dieser Begründung wurde er auch als Träger für das Regenbogenfamilienzentrum im Osten Berlins abgelehnt..
Wir haben natürlich das Thema Lesben Leben Familie in unserem Vereinsnamen und machen auch Projekte, die sich vor allem an lesbische Frauen* richten. Aber gerade das Thema Regenbogenfamilien schließt alle LGBTIQ*-Gruppen ein. Das ist auch beim Regenbogenfamilienzentrum in Lichtenberg so. Wir merken immer wieder, dass die Finanzierung, Teilnahme und Sichtbarkeit von lesbischen Projekten in Berlin weiterhin nicht vergleichbar ist mit anderen – vor allem schwulen - Projekten. Von daher ist es ein besonders tolles Zeichen, dass wir jetzt diese Finanzierung bekommen haben.

Zumal die Zielgruppe der Regenbogenfamilien zu über 90 Prozent lesbisch ist…
Ja genau. Ich gehe aber davon aus, dass die drei Regenbogenfamilienzentren in Berlin sich thematisch unterschiedlich fokussieren werden. Das Familienzentrum in Friedrichshain – gerade mit der Ankoppelung an TransInterQueer e.V. und Queer Leben – hat eine spezielle Ausrichtung. Und der Lesben- und Schwulenverband mit dem Familienzentrum in Schöneberg hat ebenfalls eine spezielle Perspektive. Ich gehe momentan davon aus, dass wir auch eine Zielgruppe haben werden, die eventuell eher mehr Lesben anspricht. Wir wollen aber niemanden ausschließen, sondern im Gegenteil alle Familien und die, die eine Familie werden wollen, einladen.

Also könnten sich die drei Regenbogenfamilienzentren in Berlin ergänzen?
Genau, das wird sich jetzt zeigen, wie sich das entwickelt. Ich sehe im Hinblick auf die Programme, die Distanz zwischen Ost-Berlin und West-Berlin und die Ausstattung Unterschiede. Wir als LesLeFam sind ein kleiner Träger und eher regional wirkend. Der Austausch mit den anderen Zentren wird sich vor allem in der Zeit nach Corona ergeben. Wir starten seit einem Jahr nur Projekte in Corona-Verhältnissen. Das ist superschwierig für alle Zentren.

Wir stehen aber in Kontakt und wenn ein normales Arbeiten möglich ist, werden wir uns sicher mal zusammensetzen und fachlich austauschen. Das Schönberger Familienzentrum und wir sind über die Bundesinteressensgemeinschaft Regenbogenfamilien vernetzt und arbeiten auf dieser Ebene zusammen. Was mich und meine Mitarbeiterinnen betrifft, sind wir familienpolitisch und fachlich gut vernetzt und kennen zum Themengebiet Regenbogenfamilien alle Protagonst*innen, weil wir im Regenbogenfamilienzentrum in Schöneberg einst zusammengearbeitet haben.

Von daher mache ich mir nicht so viele Sorgen, dass wir keine Sichtbarkeit haben. Die Schwierigkeit ist gerade eher die allgemeine Situation, mit der alle zu kämpfen haben.

Mama, Kind, Mami: eine Regenbogenfamilie. Foto: Getty Images Vergrößern
Mama, Kind, Mami: eine Regenbogenfamilie. © Getty Images

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Inwiefern ist denn die Arbeit überhaupt unter den aktuellen Bedingungen möglich?
Wir mussten natürlich unser gesamtes Programm auf online umstellen. Aber wir haben ziemlich viele Angebote, weil wir das aufgrund unseres Leistungsvertrages mit dem Bezirk Lichtenberg so handhaben müssen, aber auch wollen. Das heißt, dass alles - von den einzelnen Beratungen bis hin zu Gruppenangeboten z.B für Alleinerziehende oder nichtleibliche Eltern - virtuell stattfindet. Wir hatten auch schon einen gemeinsamen Sonntagsbrunch im Netz. Jetzt müssen wir erst einmal versuchen, alles umzusetzen und dann von Woche zu Woche schauen, was gut angenommen wird und was gar nicht funktioniert.

Wie kommt das bei den Familien an?
Es ist nicht einfach die Menschen zu erreichen. Wir verlieren zunehmend den Kontakt zur Community. Uns fehlen die Straßenfeste, das Draußensein und die Veranstaltungen mit unseren Zielgruppen.

Erst wenn die Not groß ist, suchen die Leute im Internet nach entsprechender Beratung und das ist eine große Schwierigkeit. Die Leute sind total müde, nur noch im Netz zu sein. Das geht uns ja allen so: Auch ich verzichte lieber auf ein Zoom-Meeting als noch ein siebtes virtuelles Treffen am Tag zu haben.

Das erleichtert die Situation nicht gerade. Wir hoffen natürlich, dass wir Richtung Sommer unser Angebot wenigstens wieder nach draußen verlegen können und beispielsweise gemeinsame Picknicks oder Treffen auf dem Spielplatz organisieren können. Letztes Jahr haben wir das im kleinen Kreis gemacht und wir hoffen, dass wir auch in diesem Jahr dahinkommen, wieder draußen sein und Menschen treffen zu können. Im Moment sieht die Lage leider echt schlecht aus, aber wir machen das Beste draus.

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