Queer in Usbekistan - das ist inzwischen praktisch unmöglich. Foto: Shutterstock / esfera
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Morddrohungen, Gefängnis, Zwangsverheiratungen In Usbekistan sind queere Menschen besonders in Gefahr

Die Lage für queere Menschen in Usbekistan verschlechtert sich ständig. Ein queerer Usbeke erzählt seine Geschichte: „Das ist ein neues Level von Paranoia."

Es ist Pride Monat. 30 Tage, in denen queere Menschen weltweit feiern sie selbst sein zu können, aber auch 30 Tage, in denen diskriminierende Strukturen angeprangert werden, die in vielen Ländern immer noch vorherrschen. Besonders bedroht sind queere Menschen aktuell in Usbekistan, ihre Situation verschlechtert sich stetig.

Das liegt vor allem an Artikel 120 des Strafgesetzbuches, der sexuelle Beziehungen zwischen Männern unter Strafe stellt. Schwulen und bisexuellen Männer drohen bis zu drei Jahren Haft, allein im Jahr 2021 sollen 36 Personen aufgrund des Artikels verurteilt worden seien, 25 davon zu Haftstrafen. Die Zahlen gehen aus einem Bericht hervor, den mehrere Menschenrechtsorganisationen gemeinsam veröffentlicht haben.

Queere Personen sind ständig in Gefahr

Die Statistiken würden jedoch nur die Spitze des Eisbergs darstellen, heißt es darin, tatsächlich lebten deutlich mehr Menschen „unter der drohenden Gefahr von Artikel 120“. Queere Personen liefen ständig Gefahr, Menschenrechtsverletzungen zu erleiden - ohne vor Gericht ziehen zu können oder juristische Unterstützung zu erhalten.

Einer von ihnen ist Nadir, der eigentlich anders heißt aber anonym bleiben möchte, um sich und seinen Partner zu schützen. Nadir kommt aus dem Süden Usbekistans, an der Grenze zu Afghanistan. Heute lebt er in Europa im Exil, wo er für ein Menschenrechtsprogramm arbeitet und queere Menschen in seinem Heimatland unterstützt.

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Als er Anfang zwanzig war, verbrachte Nadir einige Jahre in einem westlichen Land, wo er viele queere Freund*innen kennenlernte und an Pride-Paraden teilnahm. „Meine Erfahrung, mich zu outen und mich auszuleben, fand dort statt. Ich bin zwar nicht in einem religiösen Haushalt aufgewachsen, aber einem traditionellen. In manchen Bereichen waren meine Eltern liberal, aber nicht beim Thema Ehe.“

Als Nadir 2010 nach Usbekistan zurückkehrte, wurde ihm schnell klar, dass er seine sexuelle Orientierung zukünftig verheimlichen müsse. „Ich wusste, dass meine Familie mich nicht unterstützen würde. Sie hat immer die Bedeutung von Männlichkeit hervorgehoben.“ Zunächst wollte er die Dating-Apps, die er in den USA genutzt hatte, weiter verwenden, stellte aber schnell fest, dass die meisten User gar keine Bilder verwendeten.  „Ich wusste damals nicht, wie gefährlich das ist. Vielleicht war das naiv. Ich musste erst lernen, das geheime Leben eines queeren Mannes zu führen.“

„Ein neues Level von Paranoia"

Aus Angst datete er eine ganze Weile gar nicht und vertraute sich niemandem an. „Das war ein neues Level von Paranoia. Viele queere Männer in Usbekistan haben dieses Trauma, weil sie in ständiger Angst und im Stress leben.“ Gerade für queere Menschen sei es wichtig ein System zu haben, das einen unterstütze. Gleichzeitig könne es sehr gefährlich sein, sich vor anderen zu outen, weil man an die Polizei verraten werden könne.

Auch der Menschenrechtsbericht hält fest, dass Polizisten die Kriminalisierung von Homosexualität und die damit verbundene Scham ausnutzen, um schwule und bisexuelle Männer einzuschüchtern und Geld von ihnen zu erpressen. Sie drohen ihnen damit, Verwandte oder Arbeitgeber zu informieren; in einigen Fällen wurden die Männer außerdem gefoltert und misshandelt. Auf Anweisung von Beamt*innen des Innenministeriums führen Ärzt*innen sogenannte „Analuntersuchungen“ durch, obwohl diese von der Weltgesundheitsorganisation als Folter eingestuft wurden und der Weltärztebund dazu aufgefordert hat, sie einzustellen.

Unter Druck gesetzt und zwangsverheiratet

Ähnlich wie Nadir erging es auch seiner Cousine, die lesbisch war. Sie wurde von ihrer Familie massiv unter Druck gesetzt und zwangsverheiratet. „Der Druck der Gesellschaft und der Familie, die ihr das Gefühl vermittelten falsch zu sein, wurde immer größer. Sie hatte keine Möglichkeit, ihre Sexualität kennenzulernen und war ganz alleine. Letztlich beging sie Suizid.“

Auch der Druck auf Nadir wuchs stetig. „Ich fühlte mich total schwach und verletzlich und war in einer sehr ähnlichen Situation.“ Immer wieder forderten seine Eltern, dass er heiraten und Kinder bekommen sollte. Früher hätten sie ihn angespornt zu studieren und sich frei zu entwickeln; plötzlich „verwandelten sie sich in Fremde, die sich nur noch danach richteten, was die Gesellschaft von ihnen erwartete.“  Mehrmals die Woche zwangen sie Nadir dazu, eine sogenannte Konversionstherapie zu machen, die in vielen Ländern verboten ist.

Ein Alltagsbild aus der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Der Druck der Gesellschaft auf queere Menschen ist groß. Foto: imago images/Sujay Govindaraj Vergrößern
Ein Alltagsbild aus der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Der Druck der Gesellschaft auf queere Menschen ist groß. © imago images/Sujay Govindaraj

Damals wäre Nadir am liebsten ins Ausland geflohen, doch sein Vater, der in einer hochrangigen Regierungsposition arbeitete, drohte ihm, die Ausreise zu verhindern. „Ich war auf meine Eltern angewiesen“, erinnert sich Nadir, bis sie ihm ein Ultimatum stellten: Entweder heiraten und dafür ausreisen oder in Usbekistan bleiben.

Nadir entschied sich zu heiraten. Für seine damalige Frau bot die Ehe die Möglichkeit, ihrem gewalttätigen Elternhaus zu entkommen. In Usbekistan gebe es außerdem zahlreiche lesbische und bisexuelle Frauen, die schwule Männer heirateten, sagt Nadir, und für solche „Fake Hochzeiten“ gäbe es sogar eigene Websites. 

Selbst nach der Hochzeit Demütigungen

Aber selbst nach der Hochzeit ebbten die Demütigungen nicht ab; immer wieder musste Nadir Ausreden erfinden, weshalb seine Frau nicht schwanger wurde. „Es war hart, dieses Doppelleben zu führen. Das war schmerzhaft und ich wurde depressiv.“ Einmal brachten seine Brüder in sogar in ein Krankenhaus, wo Ärzte sogenannte Analuntersuchungen durchführten. Nadir entschied sich daraufhin trotz aller Hürden die Scheidung einzureichen und in eine eigene Wohnung zu ziehen, woraufhin der Großteil seiner Familie den Kontakt abbrach. „Ich hatte Glück, dass ich keine Kinder hatte. Wenn ein Kind involviert ist, ist es beinahe unmöglich zu entkommen. Lesbische Frauen sind in den meisten Fällen gefangen in übergriffigen Beziehungen.“

Nadir begann ehrenamtlich in einem HIV-Zentrum zu arbeiten, wo er auch seinen Partner kennenlernte. „In dem Zentrum sah ich, wie Menschen nicht nur aufgrund ihrer Queerness, sondern auch wegen ihrer HIV-Diagnose stigmatisiert wurden. Das Gesundheitssystem hat sie überhaupt nicht aufgefangen.“ 

Auch der Menschenrechtsbericht legt offen, dass Personen, die HIV-positiv sind, einer erhöhten Gefahr ausgesetzt sind: Demnach hat die Polizei häufig Zugang zu persönlichen Daten von schwulen und bisexuellen Männern, die in Behandlungszentren registriert sind. „Wir haben Fälle dokumentiert, in denen Mitarbeiter von HIV-Zentren die Polizei über die sexuelle Orientierung des Mannes informiert haben und ihn damit der Gefahr der Verfolgung aussetzten“, berichtet Yuri Yourski von ECOM, der „Eurasian Coalition on Health, Rights, Gender and Sexual Diversity". „Dies ist ein Verstoß gegen das Recht auf Privatsphäre und stellt ein großes Hindernis für den Zugang zu dringend benötigter medizinischer Versorgung dar.“

Shavkat Mirziyoyev, Präsident Usbekistans. Foto: Imago/Itar-Tass Vergrößern
Shavkat Mirziyoyev, Präsident Usbekistans. © Imago/Itar-Tass

Als im Jahr 2016 in Usbekistan die Wahlen stattfanden und Shavkat Mirziyoyev zum Präsidenten gewählt wurde, schöpften Nadir und sein Partner neue Hoffnung, dass sich grundlegend etwas ändern würde; dass es endlich ein Recht auf freie Meinungsäußerung geben könnte. Denn zeitgleich wurden soziale Medien wie Facebook und Instagram immer populärer und es wurde leichter sich mit anderen queeren Menschen zu vernetzen.

„Wir glaubten, dass dies der Moment sei, um das Wort zu ergreifen, um für unsere Rechte zu kämpfen.“ Die beiden trafen sich mit Journalist*innen, internationalen Organisationen und Botschaften.  Im Internet gaben sie Tipps, wie man sich schützen kann, um nicht Opfer von Menschenhandel und Polizeimissbrauch zu werden, wo queere Menschen medizinische Versorgung finden, und sie begleiteten Menschen zu HIV-Zentren und boten Unterstützung bei der Suche nach Therapie und psychologischer Hilfe an.

Morddrohungen gegen Aktivisten

Aber ihre Hoffnungen auf eine Verbesserung der Menschenrechtslage wurden zerstört, denn je präsenter sie als Aktivisten wurden, desto mehr Morddrohungen erhielten sie. Auch die Polizei setzte sie zunehmend unter Druck. Nadir entschied sich deshalb für ein Menschenrechtsprogramm in Großbritannien, wohin sein Partner ihn eigentlich begleiten sollte. Doch weil die beiden auf dem Papier weder verheiratet noch in einer Beziehung waren, erhielt sein Partner kein Visum. Stattdessen wurde er mithilfe einer westlichen Botschaft nach Georgien evakuiert, wo er immer noch lebt.

In Usbekistan spitzt sich die Situation seither zu: Erst im vergangenen Jahr haben die usbekischen Behörden ein neues Strafgesetzbuch ausgearbeitet, aber Artikel 120 nicht aufgehoben. Stattdessen ist das Verbot gleichgeschlechtlicher Beziehungen in dem Entwurf unter Artikel 154 festgehalten - einem Abschnitt, des Gesetzes, der Bezug nimmt auf „Verbrechen gegen die Moral und die Familie“. Die Vereinten Nationen haben Usbekistan deshalb wiederholt dazu aufgefordert, Artikel 120 endgültig aus dem Strafgesetzbuch zu streichen – bisher erfolglos.

Hoffnung auf Druck auf Usbekistan

Nadir sieht einen Großteil der Verantwortung für die Anti-LGBT-Politik bei Russland und erkennt Parallelen zu Tschetschenien, wo queeren Personen ebenfalls der Tod droht. „Die usbekische Bevölkerung orientiert sich stark an Russland und ist beeinflusst vom russischen Fernsehen. Viele Sentiments kommen daher.“  Seine Schilderung deckt sich mit dem Menschenrechtsbericht, der zu dem Schluss kommt, dass die Kriminalisierung homosexueller Männer, die weit verbreitete gesellschaftliche und religiöse Queerfeindlichkeit, der Einfluss russischer Politik und die antiwestliche Stimmung insgesamt „eine giftige Mischung für LGBT Menschen“ bildeten.

„Das Land geht sogar offen mit den vielen Festnahmen um“, sagt Nadir, der die Entwicklungen mit großer Sorge beobachtet. Er hofft, dass der internationale Druck auf Usbekistan wächst. Und dass die ukrainischen, russischen und belarussische queeren Geflüchteten, die aufgrund der Visafreiheit nach Usbekistan reisen, besser geschützt werden. Die seien aktuell nämlich besonders in Gefahr.

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