Das Märchen "Vom Rehlein und seinem Geweih". Illustration: Lilla Bölecz
© Illustration: Lilla Bölecz

„Märchenland für alle“ auf Deutsch Das Kinderbuch, das Viktor Orbán hasst

Inga Hofmann

Der ungarische Band „Märchenland für alle“ erzählt alte Geschichten auf inklusive und diverse Weise neu. Jetzt ist er in deutscher Übersetzung erschienen.

Es waren einmal ein schwuler Prinz, eine Ballkönigin mit alkoholabhängigem Vater und ein trans Rehkitz, das sich bei den Ricken nicht wohl fühlte und lieber ein Geweih wie die Böcke gehabt hätte.  So beginnen die Erzählungen aus dem Buch „Märchenland für alle“ – einem Sammelband, der traditionelle Märchen neu und inklusiv erzählt. Es kam zuerst in Ungarn heraus und liegt jetzt in deutscher Übersetzung vor.

Schneewittchen, Dornröschen und Co sind von heteronormativen Denkmustern geprägt und reproduzieren häufig diskriminierende Bilder. Schauspieler Peter Dinklage hat das kürzlich deutlich gemacht, als er die Disney-Neuverfilmung von „Schneewittchen“ für die Darstellung von Kleinwüchsigen kritisierte.

Fantasievolle Fortsetzungen und alternative Perspektiven

In „Märchenland für alle“ ist das anders: Dort werden 17 empowernde Geschichten erzählt, über einen Hasen mit drei Ohren, der dank seines guten Gehörs das Leben der gesamten Waldgemeinschaft rettet. Oder über eine Prinzessin, die lieber Abenteuer erlebt, anstatt sich von einem Prinzen retten zu lassen und ihn anschließend zu heiraten. 

[Boldizsár M. Nagy (Hg.), Lilla Bölecz (Illustr.): „Märchenland für alle“. Dorling Kindersley Verlag, 180 S., 16,95 €. Ab 6 Jahren]

Oder über ein junges Reh, das schließlich doch noch ein Geweih von der Fee gezaubert bekommt und als Rehbock akzeptiert wird– ganz ohne dafür eine Heldentat vollbringen zu müssen, denn: „Jedes Wesen hat verdient, so zu leben, wie es sich fühlt.“

Dabei werden einige Märchen wie „Däumelinchen“ fortgesetzt und aufgebrochen, indem die Protagonistin lernt, sich selbst zu helfen. Andere Geschichten werden aus einer neuen Perspektive erzählt, im Fall von Hänsel und Gretel etwa aus Sicht der sogenannten Hexe.

Das Märchen "Wie der Prinz die Ehe schloss". Illustration: Lilla Bölecz Vergrößern
Das Märchen "Wie der Prinz die Ehe schloss". © Illustration: Lilla Bölecz

Die inklusiven Darstellungen stoßen allerdings nicht nur auf Zuspruch. Im Herbst 2020, als das von Boldizsár M. Nagy herausgegebene Buch mit dem Titel „Meseorszag mindenkie“ in Ungarn erschien, löste es sogar eine politische Debatte aus. Die rechtsextreme Parlamentsabgeordnete Dóra Dúró bezeichnete das Werk als "homosexuelle Propaganda" und sah darin einen "Angriff auf Ungarn“.

Regierungschef Viktor Orbán nutzte es als Aufhänger für eine Kampagne gegen queere Menschen, sodass das ungarische Parlament im vergangenen Juni ein Gesetz beschloss, das verhindern soll, dass Kinder und Jugendliche sich über queere Themen informieren können. Aufgrund dieser neuen Regelung darf „Märchenland für alle“ in den Buchläden nicht offen ausgelegt werden.

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Das ändert aber nichts daran, dass es längst internationale bekannt wurde: Im vergangenen Jahr schaffte das Buch es sogar auf die „White Ravens“-Liste, die 200 hochwertige internationale Kinder- und Jugendbücher aufführt.

Dass es einen Bedarf für Bücher wie „Märchenland für alle gibt“, zeigt eine für den „Observer“ durchgeführte Studie von 2018, die die beliebtesten Kinderbücher untersuchte. In den Werken gab es doppelt so viele männliche Hauptfiguren wie weibliche, und ein Fünftel der Bücher enthielt überhaupt keine weiblichen Figuren. Darüber hinaus wurde sogar Tieren stereotype Geschlechtereigenschaften zugeschrieben, indem beispielsweise männliche Wesen als wild und potenziell gefährlich dargestellt wurden.

[Lesen Sie hier weitere Kinder- und Jugendbuchbesprechungen.]

Für eine diversere Repräsentation sorgen die Autor*innen von „Märchenland für alle“ aber nicht nur auf Ebene der Geschlechter. So finden sich unter den Protagonist*innen etwa zahlreiche People of Color. Schneewittchen zum Beispiel ist nicht „weiß, wie Schnee“, sondern hat „goldbraune Haut wie das Herbstlaub und rabenschwarzes Haar wie die Baumstämme“ und heißt hier Goldlaub.

Umrahmt werden diese Geschichten von den farbenfrohen Illustrationen von Lilla Bölecz. Auf ihren ganzseitigen Zeichnungen ist die Anzahl weiblicher und männlicher Held*innen sehr ausgewogen und nicht alle dargestellten Personen sind weiß. Insofern ist „Märchenland für alle“ gar nicht unbedingt ein Kinderbuch, sondern eignet sich mindestens genauso gut für Erwachsene, die ihren märchenhaften Horizont erweitern wollen.

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