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"LGBT-freie Zonen" in Polen "Man kann hier einfach nicht offen schwul sein, ich musste wegziehen"

Ein Drittel Polens hat sich zu "LGBT-freien" Zone erklärt. Darüber haben wir - vor dem Ausbruch der Epedemie - mit dem Aktivisten Mateusz Krobski am Rande einer Demo in Berlin gesprochen.

Wie sieht die Situation in Zielona Gora aus, wo Sie bis vor Kurzem gelebt haben?
Ich bin dort Vorsitzender eines Bündnisses, das sich für Equality einsetzt. Wenn wir mit Politikern über unsere Themen sprechen wollen, bekommen wir überhaupt keine Unterstützung. Unsere Forderungen werden gar nicht wahrgenommen und rundum abgelehnt. Ein Beispiel: Wir wollten in Zielona Gora eine Petition auflegen: Zielona Gora bleibt frei von Hass. Mehrere Politiker antworteten: Das ist eine Gender-Ideologie, die Familien zerstört und nicht den polnischen Normen entspricht.

Gab es Versuche, Zielona Gora ebenfalls zur LGBT-freien Zone zu erklären? Bisher noch nicht.
Zielona Gora liegt in West-Polen, dort gibt es bisher nur eine Woiwodschaft - also einen Verwaltungsbezirk -, die sich zur LGBT-freien Zone erklärt hat. West-Polen ist noch vergleichsweise offen, selbst wenn es dort auch so krasse Reaktionen gibt wie gerade geschildert.

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Haben Sie Kontakt zu Ortschaften, die zu LGBT-freien Zonen erklärt worden sind?
In diesen Gemeinschaften wird nur begrenzt über LGBT-Themen gesprochen. Die Gespräche werden auf mehreren Ebenen kontrolliert (Schulen, Elternräte, öffentlichen Informationsbulletins) - und von einer ultrakonservativen Minderheit blockiert.

Wer treibt die Ausrufung LGBT-freier Zonen voran?
Das ist die Organisation Ordo Iuris, eine katholische Stiftung. Sie hat selbst in kleinen Orten Filialen und schreibt die Anträge für die Gemeinderäte. Die Initiative der Stiftung trägt den Namen „Stoppt die Pädophilie“. Allein das ist infam, sie bedient damit nämlich das Vorurteil, sexuelle Minderheiten würden zur sexuellen Gewalt gegen Kinder neigen. Ordo Iuris hat auch eine Anzeige gegen die drei Menschen erstattet, die einen „Atlas des Hasses“ veröffentlicht haben, der auf einer Karte alle LGBT-freien Zonen zeigt. Diese Aktivisten werden jetzt massive Probleme bekommen.

Wie sieht der Alltag in Polen als lesbische Frau oder als schwuler Mann aus?
In Polen kann man einfach nicht offen schwul sein. Das ist auch der Grund, weswegen ich jetzt nach Paderborn gezogen bin. Ich kann in Polen nicht mehr leben.

LGBT-feindlicher Aufkleber der polnischen Wochenzeitung „Gazeta Polska“ Foto: Kacper Pempel/File Photo/REUTERS Vergrößern
LGBT-feindlicher Aufkleber der polnischen Wochenzeitung „Gazeta Polska“ © Kacper Pempel/File Photo/REUTERS

Es gibt erschreckende Berichte über gewalttätige Übergriffe gegen Homosexuelle in Polen.
Diese passieren ständig. Nach der Pride Parade in Zielona Gora bin ich selber angegriffen und zusammengeschlagen worden. Schon eine Regenbogenfahne zu zeigen bedeutet: Gleich kann man überfallen werden.

Würden Sie sich Unterstützung aus Deutschland wünschen? Manche sagen, das würde als paternalistisch empfunden.

Es gibt eine Unterstützung, die wir dringend brauchen. Die deutschen Partnerstädte solcher polnischen Gemeinden sollten sich mit diesen zusammensetzen und offen darüber sprechen: Bei uns ist die Situation ganz anders. Sie müssen gegenüber den polnischen Partnern aufzeigen, wie man frei und ohne Hass leben kann.

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