Rut Elisa Escobar Singh, die von Venezuela nach Brasilien gekommen ist. Foto: Lisa Kuner
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„Lesbischsein wollte man mir austreiben“ Queere Menschen sind in Südamerika auf der Flucht

Viele queere Menschen migrieren von Venezuela nach Brasilien, sie hoffen dort auf besseres Leben. Aber der Neuanfang ist oft schwieriger als erhofft.

„Venezuela ist ein sehr homophobes Land“, sagt Rut Elisa Escobar Singh. Das Spanisch der jungen Venezolanerin klingt ruhig, bestimmt und selbstbewusst, immer wieder fügt sie auch Erklärungen auf Portugiesisch ein.

Bei einem Treffen in Boa Vista, der Hauptstadt von Brasiliens nördlichstem Bundestaat Roraima, trägt sie dunkle Kleidung.

Das lange schwarze Haar hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, die über 30 Grad im Schatten scheinen ihr nichts auszumachen. „Für deine Art dich zu kleiden, zu sprechen, du wirst für alles diskriminiert“, sagt sie und wirkt dabei deutlich älter als die 21 Jahre, die sie alt ist. Vielleicht liegt das daran, dass sie schon mehr gesehen hat also eine junge Frau, oder überhaupt ein Mensch, sehen sollte.

600.000 Menschen kamen seit 2017 nach Brasilien

Escobar Singh ist eine von mehr als 600.000 Personen, die seit 2017 aus Venezuela nach Brasilien migriert sind, weil sie aufgrund der politischen und sozialen Krise dort keine Zukunft mehr für sich sehen. Darunter sind viele queere Menschen, die in Brasilien eine tolerantere Heimat suchen.

In Venezuela gibt es keine legal anerkannte Form von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften und Diskriminierung im Alltag, beispielsweise bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche, aufgrund der sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität kommt häufig vor. Darum haben queere Menschen dort besonders oft prekäre Lebensbedingungen und leiden somit auch überdurchschnittlich stark unter den aktuellen Krisen.

Kein einfacher Ausgangspunkt für ein neues Leben

Entweder kommen die Venezolaner*innen auf legalem Weg oder über Schmugglerrouten durch den Dschungel nach Brasilien. Egal auf welchem Weg - in der Grenzregion erreichen die Menschen auf ihrer Flucht zuerst den Bundestaat Roraima und dessen Hauptstadt Boa Vista. Dabei ist die Stadt kein einfacher Ausgangspunkt für ein neues Leben: Es gibt wenig Arbeit, es ist sehr heiß, und Brasiliens wirtschaftliche Zentren sind noch tausende Kilometer entfernt.

Queeres Sehnsuchtsland Brasilien: „Ich dachte hier wird das Leben wunderbar“, erinnert sich Rut Elisa Escobar Singh. Foto: Imago/agefotostock Vergrößern
Queeres Sehnsuchtsland Brasilien: „Ich dachte hier wird das Leben wunderbar“, erinnert sich Rut Elisa Escobar Singh. © Imago/agefotostock

Auch Rut Elisa Escobar Singh ist erstmal ernüchtert, als sie 2019 in Basilien ankommt: „Ich dachte hier wird das Leben wunderbar“, erinnert sie sich. „Aber dann habe ich erstmal auf der Straße gelebt.“

Trotzdem erscheint ihr fast alles besser als die Hölle in Venezuela: Sie kommt aus dem venezolanischen Bundesstaat Bolívar. Sowohl ihr Vater als auch ihr Bruder hätten sie dort nicht akzeptiert, besonders schlimme Erfahrung hat sie aber im Wehrdienst beim Militär gemacht.

Das Lesbischsein sollte ihr ausgetrieben werden

„Frauen werden dort hauptsächlich als Sexobjekte gesehen“, erzählt sie. „Mir haben sie immer wieder gesagt, dass sie mir das Lesbischsein schon austreiben werden.“ Immer wieder musste sie Annäherungsversuche abwehren. Zuhause schlug ihr Vater sie und ihre Zwillingsschwester immer wieder.

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Aber nicht immer hört die Diskriminierung von queeren Menschen an der Grenze zu Brasilien auf. Das spiegelt sich auch in den Einrichtungen für die Migrant*innen in Boa Vista wider. Insgesamt bieten die Notunterkünfte im Bundestaat Roraima Platz für rund 5000 Menschen, zeitweise gab es eine Unterkunft speziell für Frauen und die LGBTIQ-Community, um sie besonders zu schützen.

Das harte Leben in den Flüchtlingscamps

Denn auch das Leben in den Flüchtlingscamps ist hart; sehr viele Menschen leben auf engstem Raum. Die Stimmung ist angespannt, es kommt immer wieder zu Konflikten und auch immer wieder zu Anfeindungen gegenüber queeren Menschen.

Ana Carolina de Barros França arbeitet für die Nichtregierungsorganisation AVSI und soll Diskriminierung verhindern, denn sie ist in der Flüchtlingsunterkünfte Rondon 2 am Rande von Boa Vista für den Schutz von Minderheiten und besonders vulnerablen Gruppen zuständig. „Wir haben und hatten am Anfang viele Probleme“, gibt sie zu.

Besonders häufig seien LGBTIQ-feindliche Kommentare, aber es gab auch schon Gewaltandrohungen und körperliche Aggression. „Es kam zum Beispiel vor, dass andere Migranten nicht am selben Ort essen wollten, wie die queere Community.“ Mit Bildungsprogrammen, Aufklärung und Schutzräumen versucht de Barros França gegen diese Diskriminierungen vorzugehen.

Queere Geflüchtete sind besonders vulnerabel

Das ist nicht immer einfach. Die queeren Geflüchteten seien auch deshalb besonders vulnerabel, weil sie oft ganz allein in Brasilien ankommen: Konflikte und Ablehnung durch Familien und das persönliche Umfeld sind nämlich oft ein Fluchtgrund für sie. „Wir können zwar hier in den Unterkünften einigermaßen sicherstellen, dass die Regeln eingehalten werden, aber die Übergriffe passieren auch oft außerhalb, auf der Straße“, sagt de Barros França. Mehrere Male seien queere Personen so schwer verletzt zurück in die Unterkunft gekommen, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden mussten. 

Auch der 19-jährigen Roderik José Calderón Urquia und sein 24 Jahre alter Freund Rance Gregorio Garcia Florez  sind ohne Begleitung und unabhängig voneinander in Brasilien angekommen. Die beiden Männer sehen jung aus und sind zurückhaltend. Seit Kurzem leben sie im Rondon 2.

In den ersten Monaten schlief er auf der Straße

„In Venezuela musste ich meine Sexualität verstecken“, erzählt Calderón Urquia. „Es gibt keinerlei Schutz oder Respekt für die queere Community“. Er kam über Schmugglerrouten aus dem venezolanischen Bundesstaat Monagas nach Brasilien. In den ersten Monaten schlief er auf der Straße, hatte oft Hunger, wurde ausgeraubt und besaß schließlich nur noch die Kleider, die er am Körper trug. Das Leben im Camp kommt ihm da schon deutlich besser vor, hier muss er bloß hin und wieder dumme Blicke oder Bemerkungen aushalten.

Rance Gregorio Garcia Florez (links) und sein Freund Roderik José Calderón Urquia. Foto: Lisa Kuner Vergrößern
Rance Gregorio Garcia Florez (links) und sein Freund Roderik José Calderón Urquia. © Lisa Kuner

Für die Zukunft wünschen sich Calderón Urquia und  Garcia Florez im Moment vor allem Sicherheit, Stabilität und eine gute Arbeit. Der Weg dahin wirkt für beide noch lang – aber sie sind zuversichtlich. Garica Florez fängt bald seinen ersten Job in Brasilen an. Er hofft, dass er dann bald eine eigene Wohnung findet, seine kranke Oma nachholen und vielleicht in einen anderen, etwas kühleren Teil von Brasilien ziehen zu können. Außerdem will er einen richtigen Beruf erlernen und sein Portugiesisch verbessern.

„Sicher auf der Straße“

Aber auch schon jetzt fühlt sich das Paar hier besser als in Venezuela: „Natürlich gibt es auch hier Vorurteile, die meisten kommen allerdings von Venezolanern“, sagt Calderon Urquia. „Aber trotzdem fühle ich mich frei und sicher und kann mit meinem Partner zusammen auf der Straße herumlaufen.“ In Venezuela sei das anders gewesen.

In den Flüchtlingscamps wird die Situation laut der Mitarbeiter*innen langsam besser: „Aber solche Sensibilisierungsprozesse brauchen natürlich Zeit“, erklärt Caroline Peres Sanches, die ebenfalls für den Schutz von Minderheiten im Rondon 2 arbeitet. Deswegen gibt es auch weitere Schutzmaßnahmen: „Hier haben wir inzwischen zum Beispiel eigene Bad-Container für die queere Community“, erzählt sie. Die seien eingerichtet worden, weil immer es immer wieder zu Übergriffen auf den Toiletten gekommen ist.

Eines der kargen Flüchtlingscamps in Boa Vista (Archivbild). Langsam wird die Situation dort besser, sagen Helfer*innen. Foto: imago images / Agencia EFE Vergrößern
Eines der kargen Flüchtlingscamps in Boa Vista (Archivbild). Langsam wird die Situation dort besser, sagen Helfer*innen. © imago images / Agencia EFE

Außerdem gibt es auch Konsequenzen, wenn sich Menschen nicht an die Regeln in den Flüchtlingsunterkünften halten – bis zum Rauswurf der Täter aus den Unterkünften. „Das ist natürliche eine extreme Maßnahme, aber trotzdem kommt es jeden Tag vor und es ist oft das einzige Mittel, wie wir hier Sicherheit garantieren können“, sagt Peres Sanches.

Rut Elisa Escobar Singh ist schon einen Schritt näher an einem selbstbestimmten Leben in Brasilien. Sie hat inzwischen einen Job bei der Caritas. „Viele meiner Kollegen hier sind auch homosexuell, damit gehen alle offen um“, erzählt sie. „Homophobie wird nicht toleriert.“ Das erste Mal seit langem fühlt sie sich sicher. „Ich muss nicht mehr von einer besseren Zukunft träumen, ich kann im jetzt leben“, freut sie sich.

Inzwischen kam auch die Zwillingsschwester

Anfang des Jahres konnte sie mit ihrem Gehalt auch Schmuggler bezahlen, die ihre Zwillingsschwester nach Brasilien brachten. Zusammen mit ihr mietet sie nun eine Wohnung in Boa Vista. Einen Teil ihres Gehalts schickt sie jeden Monat nach Venezuela zu ihrer Familie, die ihre Homosexualität bis heute nicht akzeptiert. „Ich bin nicht glücklich darüber, was ich mit ihnen durchmachen musste“, sagt sie. „Aber ich bin ihnen trotzdem für manches dankbar und jetzt bin ich auch irgendwie für meine Familie verantwortlich.“

In ihrer Freizeit liest sie viel, sie möchte Fremdsprachen lernen und auf jeden Fall sobald wie möglich ein Studium anfangen. Am liebsten Psychologie – vielleicht aber auch Informatik, da könne man schließlich mehr Geld verdienen. „Ich will hier noch mehr erreichen, aber ich bin auch jetzt schon glücklich“, sagt sie.
Hinweis der Redaktion: Die Recherche für diesen Text wurde mit der Unterstützung der Deutschen Gesellschaft der Vereinten Nationen realisiert.

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