Verdammt, verliebt. Mawada Qadi (links) und Sara Al Mansoori brechen ein Tabu in ihren Land. Foto: privat
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Lesbische Frauen aus Saudi-Arabien Gefährliche Gefühle

Nazeeha Saeed

Weil Homosexualität in Saudi-Arabien verboten ist, flüchten Mawada und Sara nach Deutschland. Heute setzten sie sich für lesbische Sichtbarkeit in der arabischen Welt ein.

Ich habe nach Freiheit gesucht“, sagt Mawada Qadi, Saudi-Araberin, 31 und lesbisch. „Wahlfreiheit, Meinungsfreiheit und die Freiheit zu lieben, wen ich will. Das hat mich dazu gebracht, mein Land zu verlassen.“

Seit 2019 lebt Mawada Qadi mit ihrer Partnerin Sara Al Mansoori (31) und ihrem Hund Blacky in Deutschland im Exil. Sie hatte keine Hoffnung, sagt sie, dass sich die Situation in ihrer Heimat ändern würde. „Ich konnte dort nicht länger bleiben, ich wollte mein Leben leben.“

Bereits viereinhalb Jahre lang sind Mawada und Sara ein Paar. Sie erzählen, wie sie um ihre Liebe kämpfen mussten. Wie sie Angst hatten, sich zu treffen, weil sie fürchteten, die Beziehung könnte ans Licht kommen. Inzwischen haben sie sich vom Islam abgewandt und halten sich nicht länger an seine Regeln. In ihrem Heimatland würde das für sie wohl Lebensgefahr bedeuten, sagt Mawada.

Saudische Frauen werden wie Minderjährige behandelt

Saudi-Araberinnen leiden unter dem missbräuchlichen System männlicher Vormundschaft. In dem konservativen Wüstenstaat kontrolliert ein Mann das Leben einer Frau von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod. Jede saudische Frau muss einen männlichen Vormund haben, meist ist das ihr Vater oder Ehemann. In einigen Fällen haben auch die eigenen Brüder und Söhne die Macht, wichtige Entscheidungen in ihrem Namen zu treffen. Der saudische Staat behandelt Frauen grundsätzlich wie Minderjährige.

Bisher wurde sehr wenig getan, um das System zu beenden, das laut der Organisation Human Rights Watch nach wie vor das größte Hindernis für Gleichberechtigung im Land darstellt. Aktuell bleiben in Saudi-Arabien mindestens acht Frauenrechtsaktivistinnen inhaftiert. Berichten von Menschenrechtsorganisationen zufolge haben saudische Vernehmer mindestens vier von ihnen mit Elektroschocks gefoltert, sie ausgepeitscht und sexuell misshandelt.

Mawada will fliehen – und sie hat Glück

Systematische Diskriminierung und häusliche Gewalt veranlassen einige Frauen dazu, gefährliche Fluchtversuche zu unternehmen. Frauen wie Mawada. Ihre Flucht plant sie während eines Familienurlaubs in Malaysia, weil sie dort Zugang zu ihrem Pass hat. Sie bucht einen Flug nach Tunesien über Deutschland und sagt ihren Eltern, sie möchte das Land mit ihren Freundinnen besuchen. Mawada hat Glück, die Eltern stimmen zu. Was sie ihrer Familie nicht sagt, ist, dass sie nicht vorhat, nach Hause zurückzukommen. Sobald sie deutschen Boden betritt, beantragt sie Asyl.

„Ich habe drei Jahre lang von diesem Moment geträumt“, erzählt die junge Frau, die aus einer religiösen Familie stammt. Heute ist Mawada nicht mehr gläubig. Je mehr sie über Religion nachgedacht habe, desto fassungsloser sei sie angesichts von so viel Frauenfeindlichkeit geworden. Sie habe, sagt sie heute rückblickend, „in einer Blase gelebt“.

Mit 16 wurde sie zwangsverheiratet

Das wird auch Sara klar, kurz nachdem sie Mawada in Saudi-Arabien zum ersten Mal trifft. Saras Familie ist zwar weniger konservativ, dennoch ist ihre Freundin die erste Atheistin, mit der sie in ihrem Leben Kontakt hat. „Wir haben lange über Religion diskutiert. Am Ende habe ich viele Dinge eingesehen“, erzählt Sara. In Saudi-Arabien brauchen Frauen zum Beispiel immer noch die Zustimmung ihres Vormundes, wenn sie heiraten möchten, während Männer bis zu vier Ehefrauen gleichzeitig haben dürfen.

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Auch Mawada wird mit 16 gezwungen, einen Mann zu heiraten. Sogar ihre Lehrer ermutigen sie dazu. „Ich war naiv und wusste nicht, was es bedeutet“, erinnert sie sich heute. Doch die Ehe dauert nicht lange. Bereits nach wenigen Monaten verlässt Mawada ihren Mann und flüchtet zurück ins Elternhaus. Zufällig – über einen Psychologen, den beide Frauen besuchen – lernt sie Sara kennen. Erst jetzt spürt sie echte Liebe. Lange halten sie ihre Beziehung geheim, bis sie nach Europa fliehen.

Sie kämpfen auf Twitter & Co. für Anerkennung

Heute drücken Sara und Mawada ihre Gefühle offen aus – auch in den sozialen Medien. Dass sie ihre Identität auf Twitter und Instagram preisgeben, sei eine bewusste Entscheidung, sagen sie. „Wir wollen homosexuelle Beziehungen sichtbarer machen und dazu beitragen, dass gleichgeschlechtliche Liebe in der arabischen Welt, insbesondere in Saudi-Arabien, akzeptiert wird.“ Damit möchten sie jungen Mädchen Hoffnung geben, und ihnen Mut machen, sich treu zu bleiben. „Auch wenn sie unter einem repressiven Regime leben, müssen sie nicht für immer dort bleiben“, sagt Sara.

Vorkämpferinnen. In Deutschland angekommen, setzen sich Mawada und Sara für mehr Anerkennung ein. Foto: privat Vergrößern
Vorkämpferinnen. In Deutschland angekommen, setzen sich Mawada und Sara für mehr Anerkennung ein. © privat

Ihre Beiträge bescheren den beiden Vorkämpferinnen viel Zuspruch im Netz. Besonders überrascht habe sie, dass ausgerechnet so viele Jugendliche ihre Posts teilen und sie unterstützen. Das zeige, wie aufgeschlossen die neue Generation sei.

Mobbing und Morddrohungen sind die Kehrseite

Doch nicht allen gefällt, was Sara und Mawada öffentlich von sich geben. Hassrede und Mobbing sind die Kehrseite der Medaille. „Wir haben mehrfach Morddrohungen erhalten“, sagen sie.

Trotz Gegenwind bleiben sie zuversichtlich – und lernen fleißig Deutsch, damit sie künftig einen Job wählen können, der ihnen Spaß macht. Mawada hat einen Bachelor in englischer Sprache. Sara ist Sozialwissenschaftlerin mit einem Diplom in Bewegungsgrafik. Jetzt möchte sie noch Fotografie studieren. Klar vermissen sie ihre Heimat, sagen beide unisono, das Essen und die Muttersprache. Das sei aber nur ein kleiner Preis für die Freiheit.
Aus dem Englischen übersetzt von Aleksandra Lebedowicz.

Dieser Text ist im Rahmen des Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung erschienen. Der Tagesspiegel veröffentlicht seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist*innen unter dem Titel #jetztschreibenwir. Die Körber-Stiftung macht mit ihren Projekten im Programmbereich "Exil" die journalistischen, künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland sichtbar. Dafür kooperiert sie z.B. mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“ und „Amal, Hamburg!“ oder organisiert Fachveranstaltungen (Exile Media Forum)

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