Die Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer. Foto: Christian Hilgert
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„Lasst uns zu echter Geschlechtergerechtigkeit kommen“ Was wünschen Sie sich zum 8. März, Frau Ganserer?

Tessa Ganserer

Zum Frauentag plädiert die Grünen-Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer für die Bekämpfung von Sexismus und Gewalt gegen Frauen - und für Respekt gegenüber trans Frauen.

Ein eigenes Konto eröffnen, arbeiten zu gehen, ohne die Erlaubnis des Ehemanns einholen zu müssen, das allgemeine Wahlrecht – all das ist heute selbstverständlich. Aber diese Rechte mussten sich Frauen mühsam erstreiten. Und auch 111 Jahre, nachdem das erste Mal der Frauentag gefeiert wurde, ist die Liste an Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten noch sehr lang.

Um diesen Kampf in Zukunft nicht mehr allein führen zu müssen, wünsche ich mir, dass sich auch der männliche Teil der Bevölkerung endlich dafür einsetzt, dass strukturelle Mechanismen wie etwa steuerliche Anreize, die junge Paare auch heute noch dazu verleiten, in die traditionelle Aufteilung der Geschlechterrollen zu fallen, endlich abgeschafft werden.

Damit sich Frauen und Männer Erwerbs- und Carearbeit endlich gleichberechtigt teilen. Außerdem wünsche ich mir von Männern, dass sie nicht nur am 8. März (oder am Valentinstag) Rosen verteilen, sondern dass sie sich an 365 Tagen im Jahr gegen Hass und Herabwürdigungen gegen Frauen einsetzen. Dass sie mit uns auf die Straße gehen, um für gleiche Rechte zu protestieren.

"Ich wünsche mir, dass alle Frauen ihre Feminität und ihren Körper feiern können"

Dass sie für eine paritätische Besetzung politischer und wirtschaftlicher Gremien stimmen, dass sie sich für gleiche Bezahlung stark machen. Dass sie aber auch einschreiten, wenn sie sogenanntes Catcalling mitbekommen und als das Geißeln was es ist: verbale sexuelle Belästigung. Dass Femizide und misogyne Gewalt auch von Männern laut und deutlich verurteilt werden!

Ich wünsche mir, dass die Finanzierung von Frauenhäusern langfristig und ausreichend gesichert ist, damit dort alle Frauen, die Schutz vor Gewalt suchen, diesen auch finden. Noch viel mehr wünsche ich mir jedoch, dass es so etwas wie Frauenhäuser überhaupt nicht mehr geben muss.

Ich wünsche mir, dass alle Frauen ihre Feminität, ihre Sinnlichkeit und ihren Körper feiern können und sich keine Gedanken machen müssen, ob sie mit dieser Kleidung auf die Straße gehen können. Dass Frauen keine Angst haben müssen, wenn sie nachts allein unterwegs sind und sie, wenn sie dann zu Hause angekommen sind, nicht mehr ihre Freundin anrufen müssen, damit diese Bescheid weiß, dass sie gut angekommen ist.

Ich wünsche mir, dass wir damit aufhören, Mädchen beizubringen, dass sie sich in der Öffentlichkeit unauffällig verhalten müssen, um nicht Opfer von Gewalt zu werden, und dass wir damit aufhören, Frauen für ihre Sexualität zu beschämen.

Ich wünsche mir, dass wir Jungen endlich beibringen, Gewalt gegen Frauen zu verurteilen. Dass Männer endlich aufhören, mit ihrer Sexualität zu prahlen und endlich akzeptieren, dass Nein einfach Nein heißt, dass Kleidung niemals eine Einladung ist, übergriffig zu werden, weil wir Frauen letztlich nichts zum Anziehen haben, was uns vor Gewalt schützt.

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Ich wünsche mir, dass Männer nicht nur damit prahlen, auch einen schwulen Freund zu haben und sich nicht an lesbischen Sex-Szenen ‚aufgeilen‘, sondern dass wir uns gemeinsam gegen Diskriminierung von Lesben, Bisexuellen, Schwulen, trans oder inter Menschen einsetzen und Cissexismus genauso geißeln, wie das mit Sexismus inzwischen der Fall ist.

Artikel 1 der Menschrechtserklärung als Leitbild

Und ich wünsche mir selbstverständlich, dass wir auch transgeschlechtliche Frauen als das begreifen und akzeptieren was sie sind – nämlich Frauen.

Und auch wenn ich langsam zum Ende meines Textes komme, ist meine Wunschliste noch lange nicht zu Ende. Wenn ich nur einen Wunsch frei habe, wünsche ich mir zum Welt-Frauentag vor allem eins:

Dass wir alle, egal ob Frauen oder Männer, egal ob cis geschlechtlich, trans*, inter oder non-binär, egal ob hetero, bi, homo oder asexuelle, nicht nur heute sondern auch an allen übrigen Tagen im Jahr den ersten Artikel der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" zum Leitbild unseres Denkens und Handelns machen: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Dann nämlich würden wir die menschenfeindlichen Ideologien der Ungleichwertigkeit überwinden und zu echter Geschlechtergerechtigkeit kommen. Dann würden auch all meine Wünsche in Erfüllung gehen und wir müssten nicht noch weitere 111 Jahre warten.

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