Nasta Mancewicz, geboren 1983, lebt in Minsk. Foto: Pavel Antipov
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Interview mit Dichter*in Nasta Mancewicz „Belarus scheint sich momentan in einer unsichtbaren Zone zu befinden“

Dichter*in und LGBTIQ-Aktivist*in Nasta Mancewicz ist zu Gast beim Poesiefestival Berlin. Ein Gespräch über Protest, Pride, Repressionen und die Ukraine.

Nasta Mancewicz, Sie sind derzeit mit einer Schreibresidenz in Berlin und kehren dann nach Minsk zurück. Wie frei können Sie sprechen?
Leider gibt es einiges, worüber in Belarus lebende Menschen nicht offen reden können. Es ist riskant, denn man kann selbst für Dinge, die man auf Facebook schreibt, verhaftet werden. Ein schwieriges Thema sind beispielsweise die Proteste nach der Wahl vor zwei Jahren. Viele Menschen wurden damals in Gefängnisse gesteckt.

Und die Repressionen haben seitdem nicht abgenommen, eher im Gegenteil. Jetzt, wo Russland Krieg in der Ukraine führt, ist Weißrussland nicht mehr auf der Tagesordnung. Mir kommt es so vor, als befänden wir uns jetzt in einer unsichtbaren Zone. Die Augen der Welt sind nicht mehr auf das Land gerichtet.

Sie sind auch LGBTIQ-Aktivist*in. Wie ist die rechtliche Situation für queere Menschen in Belarus? Gibt es so etwas wie ein Gesetz gegen „Homo-Propaganda“ wie in Russland?
Einen solchen Paragraf gibt es in Belarus nicht. Es ist nicht illegal queer zu sein, aber es gibt auch kein Gesetz, das die Diskriminierung queerer Menschen verbietet. Doch wenn wir über die rechtliche Situation sprechen, muss betont werden, dass sich das Land in einer von Gewalt geprägten politischen Krise befindet und das Recht zusammengebrochen ist.

Vor 2020 gab es übrigens eine Initiative von Pro-Life- und Anti-Gender-Aktivist*innen sowie von der katholischen und der orthodoxen Kirche, die forderte, ein ähnliches Gesetz wie in Russland auch bei uns einzuführen. Sie haben 50.000 Unterschriften gesammelt. Im Augenblick spricht darüber niemand mehr.

Was natürlich nicht bedeutet, dass queere Menschen sicher sind. Wie sichtbar kann die LGBTIQ-Community derzeit sein?
In einer Situation wie der momentanen werden verletzliche Gruppen noch verletzlicher und noch isolierter. Die Zivilgesellschaft ist in Belarus praktisch völlig zerstört worden, was es für diese Gruppen erheblich erschwert, ihre Rechte zu schützen oder sichtbar zu sein.

Die Situation ist komplex, denn viele queere Menschen haben das Land verlassen oder wollen es verlassen, können es aber nicht. Einige sind im Gefängnis, andere in die Ukraine geflohen. Dort ist ihr Pass nun problematisch, denn der russische Angriff erfolgt zum Teil von belarussischem Territorium aus. Sie fliehen nun vor dem Krieg dort.

Pride-Protest in einer Minsker Tram 2012. Foto: Imago Vergrößern
Pride-Protest in einer Minsker Tram 2012. © Imago

Als Mitglied des „Makeout“-Kollektives haben Sie dazu beigetragen, die queere Community in Belarus sichtbarer zu machen. Was war das Ziel dieser Gruppe?
Es war ein feministisches Community-Projekt, das 2014 von einer Gruppe von Freund*innen gestartet wurde, um einen Raum von queeren für queere Menschen zu schaffen – sowohl online als auch offline. Wir schrieben Texte für unser Internet-Portal, in denen wir unsere Bedürfnisse formulierten. Außerdem trugen wir ein Archiv der belarussischen LGBTIQ-Bewegung zusammen. Anfang 2022 haben wir unsere gemeinsame Arbeit beendet, wofür es interne Gründe gab, aber auch viele externe wie Corona und den Zustand unseres Landes. Unser Portal ist jetzt noch im archivierten Zustand zugänglich – auch damit die nachfolgende Aktivist*innen-Generation einen Anknüpfungspunkt hat.

Hierzulande ist derzeit Pride Saison. Wie kann man sich Pride-Aktionen in Minsk vorstellen?
Zum ersten Mal gab es 1999 ein Pride Festival, zwei Jahre später dann zum ersten Mal eine kleine Pride-Demonstration. Es gab noch weitere Versuchen, etwa 2008 und 2011. Aber es war nie einfach und zunehmend gefährlich in Belarus, Aktionen auf der Straße zu machen. Der letzte öffentliche Pride-Demo fand deshalb 2012 in einer Tram statt.

Die Aktivist*innen hatten Musik dabei, tanzten und hielten Plakate an die Fenster. Solche Aktionen wurden immer unter großer Geheimhaltung geplant und durchgeführt. Ich war einmal als Journalist*in dabei. 2014 habe ich dann bei der Organisation eines Queer-Festivals mit Workshops, Diskussionen und Filmvorführungen geholfen.

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In Ihrem ersten und bisher einzigen Gedichtband „Ptuški“ (Vögel), der vor zehn Jahren erschien, gab es Gedichte, in denen es auch um queere Liebe ging. Wieso war es Ihnen wichtig, diese Perspektive einzubringen?
Ich habe darüber gar nicht nachgedacht. Damals schrieb ich ein Online-Tagebuch, in dem es um mein Leben ging. Ich bin eine queere Person, weshalb meine Erfahrungen sich in den Texten spiegelten. Es gab in dem Journal auch literarische Texte und einige Gedichte. Ein Freund hatte dann die Idee, daraus ein Buch zu machen und ich stimmte zu.

Wie waren die Reaktionen?
Es gab viele hasserfüllte und verärgerte Kommentare. Die Texte wurden sofort als „lesbische Gedichte“ gelabelt, wogegen ich mich damals wehrte, denn ich identifiziere mich nicht als Lesbe, sondern als nicht-binäre Person. Ich versuchte, zu erklären, dass es einfach Dichtung über mein Leben ist. Inzwischen – nach jahrelanger Erfahrung als Aktivist*in - würde ich mich nicht mehr wehren, sondern das Wort „lesbisch“ als etwas akzeptieren, das ein größeres Publikum versteht.

Denn es ist mir wichtig, zu verdeutlichen, dass es sich nicht um eine heteronormative Perspektive handelt. Vielleicht hat genau das den Hass ausgelöst bei Menschen, die es nicht gewohnt sind, ihre eigene heteronormative Sicht einmal nicht in einem Text wiederzufinden.

[Buchvorstellung von „Belarus – Die Anthologie der Dichterinnen“ 19.6., 11 Uhr der Akademie der Künste Berlin, Hanseatenweg 10. Mit Nasta Mancewicz und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch]

Proteste im September 2020 in Minsk. Foto: via REUTERS Vergrößern
Proteste im September 2020 in Minsk. © via REUTERS

Und wie hat das queeren Publikum reagiert? Und kannten Sie andere queere belarussische Dichtung, bevor Ihr Band herauskam?
Von queerer Seite habe ich viel Unterstützung bekommen. Ich glaube, dort wurde verstanden, was ich sagen wollte. Und nein, soweit ich es erkennen konnte, gab es zuvor keine queeren Gedichtbände. Inzwischen bringen allerdings einige Leute ihre Queerness in ihre Lyrik ein.

Wir leben in einer sehr lauten Zeit. Gedichte sind eine eher leise Form. Haben Sie das Gefühl, überhaupt Gehör zu finden momentan?
Das ist eine schwierige Frage. Ich weiß gar nicht, ob ich gerade etwas zu sagen habe und laut sein möchte. Derzeit bin ich ziemlich desorientiert. Was gerade passiert in treffende Worte zu fassen, ist unglaublich schwer. Aber es hilft mir, die Gedichte von anderen zu lesen. Dichtung kann einen Raum für Trauer, Sorge, Schmerz und die Wut erschaffen. Wenn ich solche Gedichte lese, fühlt es sich an, als gäbe es darin einen Platz für meine Empfindungen.

Wessen Gedichte sind das zum Beispiel?
Ukrainische und auch belarussische Dichter*innen. Kryscina Banduryna und Artur Kamarouski, die das „Taubin Magazin“ herausbringen, haben zum Beispiel gerade eine Ausgabe mit dem Titel „Make Poetry, Not War“ herausgebracht mit ukrainischen Gedichten in belarussischer Übersetzung.

Protest nach der Wahl 2020 in Minsk. Foto: via REUTERS Vergrößern
Protest nach der Wahl 2020 in Minsk. © via REUTERS

In einem Ihrer Gedichte erwähnen Sie, wie Sie von Kiew nach Minsk zurückkehren. Was ist Ihre Beziehung zur Ukraine?
Nach der Revolution von 2020 bin ich mehrmals in Kiew gewesen. Es war ein sicherer Ort, an dem ich durchatmen und mich sammeln konnte, um dann wieder nach Belarus zurückzukehren. Mit der Zeit wurde das immer schwieriger für mich, und beim letzten Mal kam mir dieser Gedanke, der nun eine Zeile im Gedicht ist: „Wie oft noch kann ich diese Grenze überqueren“.

Denn es ist tatsächlich eine physische Erfahrung nach Belarus zurückzukommen – man tritt ein in eine andere Welt. Ich bin den Menschen, die mich in Kiew in harten Zeiten unterstützt haben, sehr dankbar. Ich würde ihnen so gern etwas zurückgeben. Dass ich es nicht kann, ist extrem schmerzhaft für mich.

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Schmerz ist auch das Gefühl, das ihr Gedicht „Ich will aber leben, auch wenn da nichts zu wollen ist“ transportiert. Es kommt jetzt auf Deutsch in einer Anthologie mit belarussischer Dichtung heraus. Ist es im Angesicht der aktuellen Entwicklungen entstanden?
Es wurde vor langer Zeit geschrieben und war in dem Band „Vögel“ enthalten. Eigentlich war ich mir sicher, dass es von etwas Persönlichem handelt und nicht politisch ist. Doch inzwischen denke ich viel über die Verbindung zwischen innerer und äußerer Welt nach. Wenn ich etwa zu mir selbst gewalttätig bin, liegt das vielleicht auch daran, dass ich konstant von Gewalt umgeben bin? Wo verläuft die Grenze?

Sie haben da wohl schon etwas vorausgeahnt, denn das Gedicht klingt sehr aktuell.
Ich weiß, dass dieses Gedicht immer wieder an Menschen geschickt wird, die im Gefängnis sind. Es scheint also etwas darin zu stecken, das ihnen hilft, mit der Situation umzugehen. Es klingt jetzt völlig anders als ich es damals gemeint habe. Die Repressionen waren noch nicht so deutlich sichtbar, aber natürlich waren sie trotzdem immer da. Das Regime ist schließlich seit 28 Jahren an der Macht.

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