Die Berliner Historikerin, Autorin und Aktivistin Katharina Oguntoye. Foto: Carolyn Gammon
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Interview mit Autorin und Aktivistin Katharina Oguntoye „Die Frauen,- und Lesbenbewegung hat das Thema Rassismus in den Mainstream gebracht“

Katharina Oguntoye ist Historikerin, Aktivistin und Autorin. Sie hat die deutschen Frauen- und Lesbenbewegung sowie die afrodeutsche Bewegung maßgeblich geprägt.

Sie haben kürzlich das Bundesverdienstkreuz erhalten. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Das fühlt sich ziemlich gut an, aber auch unglaublich, denn ich habe nicht damit gerechnet, dass ich zu meinen Lebzeiten noch so eine Anerkennung bekommen würde. Meine Arbeit hat sehr lange außerhalb des Mainstreams stattgefunden. In den 1980er Jahren ging es in der Frauen- und Lesbenbewegung darum, überhaupt Sichtbarkeit zu erlangen. Und auch die Schwarze Bewegung war für Viele damals etwas ganz Obskures — so nach dem Motto „Rassismus — das gibt es bei uns nicht“.

Gab es solche Aussagen auch innerhalb der Frauen- und Lesbenszene, als Sie Anfang der 80er nach Berlin gekommen sind?
Die Diskussion um Rassismus gab es da noch gar nicht. Als Schwarze Menschen in Deutschland lebten wir in Vereinzelung, den unreflektierten, kruden Rassismus erlebten wir voneinander isoliert. Auch in die deutsche Frauen- und Lesbenbewegung kam das Thema erst, nachdem Audre Lordes Texte übersetzt worden waren. Erst danach entwickelten wir überhaupt eigene Namen für uns, nannten uns Afrodeutsche oder Schwarze Deutsche und ersetzten damit Fremdbezeichnungen.

Auf Audre Lordes Anregung hin erschien 1986 ihr Sammelband „Farbe bekennen, den sie zusammen mit May Ayim herausgegeben haben. Was passierte danach?
Die zehn Jahre danach waren sehr aufregend für die Schwarze Community: Plötzlich war es möglich, Dinge sichtbar zu machen und darüber zu sprechen. Wir haben viel Community-Building gemacht und untereinander Kontakte geknüpft. Gleichzeitig war ich weiterhin in der Frauen- und Lesbenbewegung engagiert, wo Rassismus plötzlich auch  heftig diskutiert wurde.

Gab es auch Widerstände innerhalb der Frauen- und Lesbenbewegung, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen?
Ich denke, dass das Thema überhaupt im Mainstream angekommen ist, ist ein Verdienst der Frauen- und Lesbenbewegung. Denn von dort strahlte es in die Gesellschaft, in den Mainstream hinein. Aber natürlich gab es auch Widerstände: Eine unserer ersten Veranstaltungen war 1987 auf den Berliner Lesbenwochen. Viele Frauen haben mich gefragt, warum wir uns ausgerechnet Afrodeutsche nennen wollen. Als Deutsche wurden sie im Ausland teilweise stigmatisiert.

Die Massenvernichtung von einem Teil der Bevölkerung, der Nachbarn und Freunde als eigene Geschichte zu ertragen, war nicht leicht. Aber bei diesem Deutsch-Sein geht es auch um Rechte, die uns Schwarzen Deutschen immer wieder abgesprochen wurden. Darauf wollten wir aufmerksam machen.

[Dieses Interview ist eine Auszug aus dem Queerspiegel-Newsletter, der alle zwei Wochen erscheint. Gratis-Anmeldung hier]

Das Thema Antisemitismus war zu dieser Zeit schon länger bearbeitet worden. Nun kamen Migration und Rassismus als Themen hinzu…
Auf Plakate und Transparente haben wir immer in wechselnder Reihenfolge „Schwarze, jüdische und migrantische Frauen“ geschrieben. Uns war wichtig, Migrationshintergrund, Jüdisch-Sein und Schwarz-Sein als Positionen gleichberechtigt, aber dennoch einzeln zu benennen, weil die verschiedenen Identitäten und Diskriminierungserfahrungen sonst unsichtbar gemacht worden wären.

Und uns war klar: Wenn wir es nicht schaffen, diese Themen zu bewältigen, dann wird die Frauenbewegung das nicht überleben. Und ein stückweit ist es ja auch so gekommen.

Was meinen Sie?
Der Diskurs ist Mitte der 90er Jahre abgebrochen. Im Grunde waren wir damals gerade an dem Punkt, wo wir begriffen haben, dass Anti-Rassismus-Arbeit in Kooperation mündet: Wir wussten, wer wir waren, was unsere Verortung ist und unsere Identität. Der nächste Schritt wäre gewesen, Bündnisse mit anderen zu schließen: mit Schwulen und Männern, aber auch mit Frauen verschiedener Herkünfte oder körperlicher Fähigkeiten. Die Bewegung ist dann aber über das trans Thema gestolpert und letztendlich zum Halt gekommen.

Sie meinen den Ausschluss von trans Frauen?
Heute werden ältere Feministinnen oft dafür beschimpft, dass sie trans Frauen ausgeschlossen hätten. Wenn ich in den Raum der anderen gehe, um zu kooperieren, ist das aber etwas anderes, als zu sagen „Dein Raum ist mein Raum“. Wir hatten uns gerade unseren Raum erkämpft — da war es schwer, ihn zu öffnen. Wir hätten darüber diskutieren müssen, doch dafür fehlten uns die Worte. Und dann ist die Lesbenwoche praktisch über das Thema explodiert, weil einfach keine Kommunikation mehr möglich war. 

Was denken Sie heute, was das Problem war?
 Ich denke, das Problem war eine Starrheit, eine Nicht-Flexibilität, die dazu führte, dass die Frauen diese Unterschiedlichkeit nicht in ihre Arbeit und ihr Denken einbeziehen konnten. Es wäre vielleicht auch eine Lektion, die man daraus ziehen kann: Wenn ich kämpfe, dann muss ich radikal sein, um Schlagkraft zu gewinnen. Auf der anderen Seite muss ich aber auch flexibel bleiben, sonst breche ich irgendwann. Flexibilität ist also genauso wichtig wie Radikalität.

Was würden Sie sich von der jungen queeren Generation wünschen?
Ich habe nicht genau verfolgt, an welcher Stelle sich die queere Bewegung jetzt befindet. Aber ich denke, es geht darum, gut miteinander umzugehen und sich nicht in Wörtern zu verlieren. Jede Generation hat ihre eigenen Begrifflichkeiten. Natürlich ist es spannend, solche Unterschiedlichkeiten zu beleuchten und auszudiskutieren. Aber wichtiger sind die Gemeinsamkeiten: Wo kann ich gemeinsam kämpfen und Kräfte bündeln?

Und einiges hat die junge Generation in den letzten Jahren ja schon bewirkt, zum Beispiel was die Anerkennung von trans und inter Personen angeht. Das ist doch ein Erfolg! Jetzt muss es darum gehen, dass auch die Oma in Buxtehude versteht, was wir damit meinen. Und dass es nicht bei reinen Lippenbekenntnissen bleibt. Denn da fehlt die Analyse: Warum gibt es diese Form der Unterdrückung und wem nützt das etwas.

Sie haben gerade ein Crowdfunding gestartet. Wofür wird das Geld benötigt?
Ich bin ich aufgrund einer Krebs- und Rheumaerkrankung seit ein paar Monaten auf einen Rollstuhl angewiesen und kann meine Wohnung im vierten Stock deshalb nur schwer verlassen. Eigentlich würden meine Partnerin und ich gerne in die Räume meines Vereins Joliba ziehen, die sich im Erdgeschoss befinden. Aber auch diese müssten erst kostenintensiv umgebaut werden. Dafür habe ich allerdings keine Rücklagen, denn als Aktivistin habe ich 25 Jahre lang ohne Gehalt gegen Rassismus, Sexismus und Homofeindlichkeit gekämpft.

Ich denke, dass jungen Leuten oft gar nicht bewusst ist, wie viele der Vorkämpfer*innen heute in schwierigen Situationen sind. Ich bin froh, dass ich ein sehr positiver Mensch bin und auch positiv in die Zukunft blicke. Und auch wenn ich nie Berufsausländerin werden wollte oder Lesbisch-Sein als politische Arbeit machen wollte, war mir immer klar: Das ist mein Leben, darüber gibt es gar keine Diskussion.
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