Matthias Freihof als Philipp in "Coming Out" - im Osten gab es viel positives Feedback, im Westen fanden einige den Film "altbacken". Foto: mauritius images
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Homosexualität im Osten Am Tag des Mauerfalls hatte die DDR ihr „Coming Out“

Inga Hofmann

"Coming Out", der einzige DDR-Film zur Homosexualität, hatte ausgerechnet am 9. November 1989 Premiere. So denkt Hauptdarsteller Matthias Freihof heute darüber.

„Mich hat mal ein Journalist gefragt, ob ‚Coming Out' ein Schwulenfilm ist. Das ist er nicht. In allererster Linie ist es ein Liebesfilm“, sagt Matthias Freihof, während er sich in einen der roten Sitze fallen lässt. Hier im Kleinen Theater in Friedenau probt er derzeit für sein neues Stück „Drei Männer im Schnee“. „Coming Out“ ist nicht nur der einzige DDR-Film, der Homosexualität thematisiert. Darüber hinaus fand die Premiere ausgerechnet in jener Nacht statt, in der die Mauer fiel.

„Viele denken, dass der Film im Jubel über den Mauerfall untergegangen sei, aber das Gegenteil war der Fall“, sagt Freihof. „Der Film lief lange und erfolgreich im Kino International, und nach dem Mauerfall kamen natürlich auch Menschen aus dem Westen, um ihn sich anzuschauen.“

Der Film handelt von Philipp (Matthias Freihof), einem jungen Lehrer in Ost-Berlin, der mit seiner Kollegin Tanja (Dagmar Manzel) eine Beziehung führt; seine Homosexualität hat er verdrängt. Philipp lernt den jüngeren Matthias (Dirk Kummer) kennen, beide verlieben sich. Weder gegenüber Tanja, die von ihm ein Kind erwartet, noch Matthias öffnet er sich vollständig. Als sich die drei auf einem Konzert begegnen, kommt es zum Bruch.

Aktuell probt Freihof im "Kleinen Theater" am Südwestkorso "Drei Männer im Schnee". Er appelliert an junge Menschen, sich heute mehr für ihre Interessen einzusetzen. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Aktuell probt Freihof im "Kleinen Theater" am Südwestkorso "Drei Männer im Schnee". Er appelliert an junge Menschen, sich heute mehr für ihre Interessen einzusetzen. © Thilo Rückeis

An die Premiere vor 30 Jahren erinnert sich Freihof noch genau. Nach der Filmvorführung, beim Publikumsgespräch, sei den Anwesenden der dichte Verkehr vorm Kino aufgefallen. „Aber nur in eine Richtung: Trabi-Lawinen Richtung Bornholmer und Invalidenstraße.“

"Man kann gar nicht fassen, auf welche banale Weise die DDR endete"

Noch in der Nacht seien er und seine Kollegen zur Bornholmer Straße gelaufen, um sich davon zu überzeugen, dass die Grenze tatsächlich offen war. „Wenn man überlegt, wie repressiv das System und wie scheinbar unüberbrückbar diese Mauer war, kann man gar nicht fassen, auf welch banale Weise die DDR endete.“

Eines hat mit historischen Ereignis allerdings nichts zu tun: dass „Coming out“ auf der Berlinale im Februar 1990 lief. Die Einladung erhielt das Team schon vor dem Mauerfall.

[Anlässlich des Jubiläums wird „Coming Out“ noch einmal am 9. November um 20.30 Uhr im Kino International gezeigt. Mit dabei sein werden die Hauptdarsteller Matthias Freihof, Dagmar Manzel und Dirk Kummer.]

Während es im Osten überwiegend positives Feedback gab (Freihof: „Ich wurde sogar von fremden Menschen auf der Straße umarmt“), fielen die Reaktionen im Westen nüchterner aus: „Es gab Leute, die sagten, dass unser Film altbacken und langweilig sei im Gegensatz zu dem, was bereits im Westen gezeigt wurde.“

In der DDR sei „Coming out“ aber nicht nur wegen des Themas provokant gewesen, sagt Freihof, sondern auch wegen der Hauptfigur des Lehrers. Dieser ruft seine Schüler dazu auf, selbstbewusst zu sein. „In der DDR hieß es immer: Vom Ich zum Wir. Aber unser Film proklamiert das Gegenteil – vom Wir zum Ich.“ Der Film sei eine Einladung an die Zuschauenden, sich mit den Figuren zu identifizieren.

Von den Plänen für den Film erfuhr der Schauspieler über eine Bekannte beim Theater. „Für mich war es zum einen wichtig, dass der Film gemacht wird, weil ich selbst schwul bin. Die DDR hatte in dieser Hinsicht einiges versäumt“.

Die Stasi hatte ein Auge auf die Dreharbeiten von "Coming Out"

Zum anderen sei es aber auch eine große Chance gewesen, eine Rolle von „einem der besten, wenn nicht sogar dem besten DEFA-Regisseur“ angeboten zu bekommen. Heiner Carow („Die Legende von Paul und Paula“) sei es zu verdanken, dass der Film überhaupt zustande kam – was von der ersten Idee bis zur Premiere sieben Jahre dauerte. Immer wieder hätte sich Carow mutig gegen staatliche Versuche gestellt, den Film zu zensieren. Dabei habe es ihm geholfen, dass er sowohl in Ost- als auch in West-Berlin Mitglied in der Akademie der Künste war. Trotzdem habe die Stasi - so war ein allgemeines Gefühl bei der Filmcrew - ein Auge auf die Dreharbeiten gehabt, sagt Freihof.

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Dennoch habe er keine Bedenken gehabt, die Rolle anzunehmen. „Zum Glück wurden uns weder die Wohnungstüren beschmiert, noch wurden wir verprügelt. Denn auch in der DDR gab es Skinheads, die sogar in einer Filmszene gezeigt werden.“

Rechtes Gedankengut sieht Freihof bis heute als große Bedrohung. In den 90er Jahren habe sich zwar eine Liberalisierung abgezeichnet, wodurch immer mehr Menschen den Mut gefunden hätten sich zu outen. Heute sei die Gesellschaft aber konservativer denn je. „Nach wie vor zeigen Statistiken, dass homosexuelle Teenager häufig gemobbt werden und in den schlimmsten Fällen sogar Suizid begehen.“

Freihof träumt, dass die Deutschen mehr für ihre politischen Recht kämpfen

Vor der Wende träumte Freihof davon, die Alpen, die er nur von Bildern kannte, einmal mit eigenen Augen zu sehen. Dieser Wunsch erfüllte sich nach dem Mauerfall, als ihm plötzlich die ganze Welt offen stand. Heute hat Freihof andere Träume: Er wünscht sich, dass die Menschen in Deutschland wieder mehr für ihre politischen Rechte kämpfen.

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Er appelliert besonders an junge Menschen, sich für ihre Interessen einzusetzen: „Nehmt eure Rechte nicht als gegeben hin, denn diese können euch genauso schnell wieder genommen werden.“ Seine Befürchtung: „Wir hatten das in den 20er Jahren, als alle wild gefeiert haben und dann die Nationalsozialisten kamen.“

Veranstaltungen wie der Christopher Street Day sollten nicht nur als Partys wahrgenommen werden, sondern müssten Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen nehmen und politische Forderungen stellen. Dazu gehöre auch, sich klar gegen rechte Parteien wie die AfD zu positionieren. "Denn wenn die AfD in die Regierung kommt, dann war’s das endgültig mit den Rechten schwuler und lesbischer Menschen."

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