Daniel Wesener über die pädophilen Umtriebe bei den Grünen in den Achtzigern

Daniel Wesener für die Berliner Grünen gemeinsam mit Bettina Jarasch. Foto: picture alliance / dpa
Grünen-Vorsitzender Wesener über queere Politik "Ohne die Ehe für alle keine Koalition"

Vor einem Jahr veröffentlichten die Berliner Grünen den Bericht über pädophile Umtriebe in der Partei in der 80er Jahren. Plattform dafür war vor allem der „Schwulenbereich“. Können Sie sich aus heutiger Sicht erklären, warum damals keiner dagegen eingeschritten ist?

Es gab feministische Gruppen in der Partei, die schon früh versucht haben, das Thema in die Partei zu tragen. Das soll aber nichts beschönigen. Das Gros der Partei – und zwar nicht nur in den Achtzigern, sondern bis tief in die Neunziger – hat weggeschaut. Nachvollziehen kann ich das nicht. Die pädosexuelle Szene hat sich damals sehr geschickt die gesellschaftspolitische Aufbruchsstimmung und die junge grüne Partei zunutze gemacht.

Die Partei hat es zugelassen.

Ja, es gehören immer zwei dazu: Die, die instrumentalisieren, und die, die sich instrumentalisieren lassen. Was für mich besonders bitter ist: Natürlich gab es diesen Zusammenhang zwischen einer schwulen Emanzipationsbewegung in Berlin und Leuten, die sie infiltriert haben. Es tut weh zu realisieren, dass da teilweise aus taktischen Gründen weggeschaut wurde - nach dem Motto: Das ist zwar etwas schmuddelig, aber die wollen wir als Verbündete nicht verlieren.

Es war von bis zu 1000 Opfern der pädosexuellen Szene in Berlin die Rede. Wie viele haben sich bei Ihnen seitdem gemeldet?

Tatsächlich beziehen sich die Schätzungen auf die gesamte pädosexuelle Szene in Berlin, nicht auf die Grünen. Die grüne Schuldfrage stellt sich in zweierlei Hinsicht: Was hat man durch programmatische Debatten dazu beigetragen, Täter zu ermutigen und Betroffene zu entmutigen? Wo hat es Missbrauch innerhalb grüner Strukturen gegeben? Letzteres werden wir nur von den Opern erfahren. Man muss zugeben, dass wir da bisher gescheitert sind. Es haben sich nur wenige Betroffene gemeldet. Die „Anerkennungskommission“, die auf Bundesebene arbeitet, wird in diesem Jahr einen weiteren Bericht vorlegen. Da werden wir noch einmal mehr wissen.

Wie kriegt man als Politiker Abstand von solchen Themen und insgesamt vom Alltagsgeschäft?

Ich kann nur Batterien wieder aufladen, wenn ich wegfahre. Drei bis vier Mal im Jahr nehmen mein Partner und ich konsequent Urlaub. Wir hatten anfangs einen Reiseschwerpunkt in der arabischen Welt, auch in China waren wir oft, vor allem aber Ostmitteleuropa.  Da gucken wir immer nach schwuler Infrastruktur, nach schwulen Nischen.

Was haben Sie da entdeckt?

Wir waren jetzt in St. Petersburg. Da ist man ja doch mit einem gewissen Russlandbild im Kopf unterwegs, und dann stellt man fest: Was für eine Stadt! Da gibt es dann auch Bars, die  schwule Embleme an der Haustür haben. Man fragt sich: Moment, fällt das nicht unter schwule Propaganda? Überall auf der Welt findet man diese queere Szene, mal mehr, mal weniger versteckt. Das ist ein Aha-Erlebnis, wo man selber steht – man kann von Glück sagen, dass wir hier so viel weiter sind. Es ist aber auch ein Ansporn, wenn man sieht, unter welchen Bedingungen und mit welchem Mut Menschen es dort schaffen sich zu behaupten.

Haben Sie Lieblingsorte in Berlin?

Fußläufig muss es sein! Ich wohne in Kreuzberg 61, da war ja früher alles, dann ging es mit den queeren Bars und Clubs etwas zurück. Jetzt gibt es glücklicherweise den neuen Club am Boiler am Mehringdamm. So richtig der Tanzbär bin ich aber eh nicht.

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