Küssen in der Öffentlichkeit kann für Frauenpaare gefährlich sein. Foto: Unsplash/Elena Rabkina
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Gewalt gegen queere Frauen „Wir gehen davon aus, dass das Dunkelfeld sehr groß ist“

Das Berliner Antigewaltprojekt L-Support unterstützt queere Frauen. Projektleiterin Sabine Beck im Gespräch über Gewalt im Alltag und die Arbeit in der Pandemie.


Frau Beck, das vom Senat geförderte Projekt L-Support ist ein Hilfsangebot für gewaltbetroffene lesbische, bisexuelle und queere Frauen. Ist Berlin insgesamt ein sicherer Ort für die angesprochenen Frauen?
Diese Frage würde ich gerne mit ja beantworten, aber mit gutem Gewissen kann ich das nicht, weil die Fälle, die bei uns gemeldet werden, eine andere Realität aufzeigen. Die Ausgrenzung von nichtheteronormativen Lebensentwürfen und die Gewalt gegen lesbische, bisexuelle und queere Frauen gehören für viele zum Alltag, wie auch die Übergriffe beim alternativen CSD im Sommer gezeigt haben.

Welche Bilanz können Sie bisher für dieses Jahr ziehen, gerade auch während der Coronakrise?
Nach unserer bisherigen Einschätzung sind die Fallzahlen im Vergleich zum letzten Jahr, als wir 23 Fälle registrierten, nicht überproportional angestiegen. Wir gehen aber davon aus, dass das Dunkelfeld sehr groß ist. Wir mussten unsere Arbeit in diesem Jahr stark einschränken, weil Großveranstaltungen wie der CSD, das Lesbisch-Schwule Stadtfest oder auch Partys abgesagt worden sind.

Dadurch hatten wir kaum persönlichen Kontakt zu lesbischen, bisexuellen und queeren Frauen, der für unsere Arbeit aber extrem wichtig ist. Das heißt ja nicht, dass es keine Übergriffe mehr gibt. Frauen werden weiterhin auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Einkaufen angepöbelt, bedrängt und mit sexualisierter Anmache konfrontiert.

Deshalb wollen wir betroffene Frauen ermutigen, ihren Fall bei uns über unsere Homepage oder über unsere Hotline zu melden. Wir sammeln zunächst alle Vorkommnisse, auch wenn beispielsweise auf Familienfeiern ein homophober Spruch kommt, und erstellen eine anonymisierte Statistik. Wir nehmen auch Fälle von nicht-binären und trans* Menschen auf, und auch heterosexuelle Frauen, die homophob angegangen werden, können sich an uns wenden. Es geht um das Bild, das der Täter oder die Täterin hat, und nicht darum, wie eine Person sich selbst identifiziert.

Haben Sie noch weitere Auswirkungen durch Corona festgestellt?
Viele Räume, die sich FLINT* Personen (Frauen*, Lesben, inter, nicht-binäre und trans* Personen) in Berlin geschaffen haben, funktionieren durch die Einschränkungen nicht richtig oder sind komplett weggebrochen. Das bedeutet, dass neben den direkten Kontakten auch Wohlfühlräume für diese Menschen nicht mehr vorhanden sind.

Außerdem besteht zurzeit und in den kommenden Monaten die Gefahr, dass neue Projekte nicht entstehen und bereits bestehende nach Corona nicht mehr da sein werden. Diesbezüglich würde ich mir mehr Unterstützung für die Community wünschen, vor allem auch vom Land Berlin. Denn lesbische, bisexuelle und queere Frauen werden unserer Erfahrung nach noch immer strukturell benachteiligt.

Projektleiterin Sabine Beck bei L-Support: „Homophobe Gewalt und die Angst davor bestimmen den Alltag von vielen Frauen." Foto: Jana Demnitz Vergrößern
Projektleiterin Sabine Beck bei L-Support: „Homophobe Gewalt und die Angst davor bestimmen den Alltag von vielen Frauen." © Jana Demnitz

Warum ist der direkte Kontakt so wichtig für Sie?
Auf Events sind wir mit Infoständen Vorort, wo wir immer sehr schnell und unkompliziert mit Frauen ins Gespräch kommen. Wir erklären unser Anliegen, dass wir lesbenfeindliche und homophobe Gewalt gegen Frauen sichtbar machen wollen und betroffenen cis und trans* Frauen Unterstützung anbieten.

Oft erzählen uns die Frauen, dass sie solche Vorfälle noch nicht erlebt hätten. Je länger wir aber über das Thema sprechen, desto mehr zeigt sich, viele Frauen gehen erst gar nicht mit ihrer Partnerin händchenhaltend durch die Stadt, weil sie Angst vor Übergriffen haben. Für uns ist das ein klares Indiz dafür, dass homophobe Gewalt und die Angst davor den Alltag von vielen Frauen bestimmen.

Dennoch gibt es auch Frauenpaare, die in der Öffentlichkeit sichtbar sind.
Frauen, die wiederum erkennbar mit ihrer Partnerin unterwegs sind, erzählen uns, dass sie angepöbelt, beleidigt oder auch bespuckt werden. Sobald Frauen als Paar auf der Straße sichtbar sind oder vermeintlichen Klischees entsprechen, werden sie auch als „scheiß Lesbe“ angefeindet. Wir hören auch von Frauen, die von ihren Nachbarn beschimpft werden. Oft nehmen die Frauen das erst einmal gar nicht als Gewalt wahr. Erst im Gespräch stellt sich heraus, dass viele Frauen diese Übergriffe länger beschäftigen und sie im Nachhinein doch noch bei uns melden.

Vieles hat sich in diesem Jahr ins Internet verlagert. Sie hatten im Sommer die Internetkampagne „Melde Deinen Fall!“ gestartet.
Das Meldeformular auf unserer Webseite wurde bisher rund 30 Mal ausgefüllt und an uns zurückgeschickt. Im kommenden Frühjahr werden die genauen Zahlen vorliegen und dann werden wir sie veröffentlichen. Wir können aber bereits sagen, dass uns bisher mehr Fälle gemeldet wurden als im gesamten letzten Jahr. Der leichte Anstieg der Meldung kann auch damit zu tun haben, dass wir langsam immer bekannter werden.

Warum zögern Betroffene, Vorfälle zu melden?
Viele Frauen bagatellisieren solche Fälle zunächst gegenüber sich selbst. Nach dem Motto: Ich bin angepöbelt worden, was solls? Für viele gehören solche Vorfälle leider zum Alltag. Manche haben sich über all die Jahre auch ein sehr dickes Fell zugelegt. Wir vermitteln den Frauen, sie sind nicht allein, wir verstehen und unterstützen sie.

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Meine Partnerin und ich erleben ja auch solche Attacken. Letztens waren wir unterwegs und es kamen zwei Typen mit dem Fahrrad vorbei. Sie haben uns schon von Weitem angestarrt und beim Vorbeifahren immer wieder gesagt: „Oh guck mal, Lesben, ich bekomme einen Ständer.“ Das hat sich eklig und widerlich angefühlt. Für diese Typen schien dieses Verhalten selbstverständlich zu sein, und sie kommen ja auch oft damit davon.

Solche sexualisierten verbalen Übergriffe und Anmachen passieren permanent. Viele Frauen sind dadurch sehr abgehärtet, oder sie sind es auch gewohnt, sich kleinzumachen, und wischen solche Attacken einfach beiseite. Selbst wenn man solche Vorfälle unter Frauen bespricht, kommt oft die Reaktion, hättest Du Dich mal unauffälliger verhalten, dann wäre das auch nicht passiert. Da kommt auch sehr stark die Sozialisation von vielen Frauen zum Vorschein: sich anpassen, nicht auffallen, gefällig sein.

Internetkampagne von L-Support „Melde Deinen Fall!“ Foto: L-Support Vergrößern
Internetkampagne von L-Support „Melde Deinen Fall!“ © L-Support

Wie ermutigen Sie Frauen, sich dennoch zu öffnen und darüber zu sprechen?
Darüber reden und die Erzählungen von Betroffenen ernst zu nehmen, ist sehr wichtig. Zu wissen, dass andere Frauen Ähnliches erleben, hilft dabei, über die eigenen Erlebnisse zu sprechen. Auch verbale Angriffe hinterlassen psychische Verletzungen, die das Leben von Menschen beeinflussen und die auch mit dazu führen, dass man sich z.B. nicht mehr mit seiner Partnerin sichtbar in der Öffentlichkeit zeigt. Viele lesbische Frauen fühlen sich unwohl oder noch schlimmer, sie haben Angst.

Was ich persönlich auch sehr bedenklich finde, dass weibliche Homosexualität gesellschaftlich anders bewertet wird als männliche Homosexualität. Lesbische Frauen werden oft belächelt oder sind dafür da, wie in Pornos männliche Fantasien zu bedienen. Wenn man sich Klischeebilder und diese Objektifizierung von lesbischen Frauen anschaut, ist es vielleicht auch nicht sonderlich erstaunlich, dass sich viele lesbische, bisexuelle oder queere Frauen zurückziehen, sich sichere Räume suchen oder sich eben auch ein Stück unsichtbar machen.

Wie läuft eine persönliche Beratung unter normalen Bedingungen bei Ihnen im Büro ab?
Wir sind zwei hauptamtliche Mitarbeiter*innen und mit vielen ehrenamtlichen Helfer*innen bieten wir eine fachliche und psychologische Opferberatung an. Jede Beratung ist vertraulich und individuell. Grundsätzlich geht es uns in einem Gespräch erst einmal darum, der betreffenden Person zu signalisieren, dass sie ernst genommen wird und wir ihr vermitteln, der Übergriff war nicht ihre Schuld.

Die Beratung orientiert sich an den Bedürfnissen der betreffenden Person. Bei manchen Menschen geht es zunächst um eine emotionale Stabilisierung, zu unterstützen und darum, gemeinsam Handlungsstrategien zu erarbeiten. Wir beraten auch zum Thema Anzeige und vermitteln bei Bedarf an sensibilisierte Ärzt*innen, Psycholog*innen und Anwält*innen. Bei uns stehen die Bedürfnisse der betroffenen Frau im Mittelpunkt. Falls jemand zur Polizei gehen möchte, können wir Kontakt zu Ansprechpersonen vermitteln.

Internetkampagne von L-Support „Melde Deinen Fall!“ Foto: L-Support Vergrößern
Internetkampagne von L-Support „Melde Deinen Fall!“ © L-Support

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Polizei?
Viele der betroffenen Frauen möchte nicht zur Polizei gehen. Es gibt viele Ängste und Vorbehalte. Wir würden uns wünschen, dass es einen größeren Austausch zwischen der Polizei und der Community gibt. Es kann auf jeden Fall noch mehr Vermittlungsarbeit erfolgen. Wenn eine Frau ihren Vorfall bei der Polizei anzeigen möchte, raten wir, sich auf jeden Fall an die sensibilisierten Ansprechpersonen für LSBTI bei der Polizei zu wenden.

Wofür sind Ihre gesammelten Daten wichtig?
Generell möchten wir betroffenen Frauen dazu ermutigen, alle Erlebnisse bei uns zu melden. Das ist sehr wichtig, um einen immer besseren Überblick über die genauen Zahlen zu erhalten. Es ist ja mitnichten so, dass homophobe Übergriffe in unserer Gesellschaft weniger geworden sind. Wir sammeln die Daten auch, um zu erfassen, was lesbischen, bisexuellen und queeren Frauen in Berlin überhaupt widerfährt, weil auch so wenig darüber gesprochen wird.

Wir möchten wissen, was sind die genauen Bedürfnisse von den betroffenen Frauen, um sie zu unterstützen. Die Daten sind wichtig, um Druck auf die Politik auszuüben und bessere Präventionsmaßnahmen zu entwickeln. Und es ist auch ganz klar eine unserer Aufgaben, das riesige Dunkelfeld weiter aufzuklären.

Wer ist in der Verantwortung mehr gegen homophobe Gewalt zu tun?
Hasskriminalität und Gewalt gegen lesbische, bisexuelle und queere Frauen und trans* Frauen muss auf vielen Ebenen angegangen werden. In Schulen muss mehr Bildungsarbeit stattfinden. Es muss gesellschaftlich mehr aufgeklärt werden und es muss auch eine viel größere Repräsentation von nichtheteronormativen Lebensweisen in den Medien erfolgen.

Können Sie konkrete Verhaltensstrategien für Frauen empfehlen?
Man kann es nicht verallgemeinern. Jede Situation ist individuell. Oft ist es sinnvoll, deeskalierend zu wirken. Es kommt auch darauf an, welches Aggressionspotenzial gerade vorhanden ist und was für ein Mensch man selbst ist. Manche Frauen haben das Bedürfnis, sofort mit einem Spruch verbal zurückzuschlagen. Manch eine fühlt sich wohler, andere Personen anzusprechen, miteinzubeziehen und um Hilfe zu bitten, wenn die Möglichkeit besteht.

Viele wollen nur so schnell wie möglich raus aus der Situation. Es ist, glaube ich, auch sehr wichtig, auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Was unserer Erfahrung nach Frauen auch helfen kann, ist ein Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungskurs, wo das Verhalten in solchen Situationen in Rollenspielen besprochen und geübt wird. Aber noch einmal, wir möchten alle betroffenen Frauen ermutigen, ihre Erlebnisse auch immer bei uns zu melden.

 L-Support ist unter l-support@l-support.net oder der Homepage zu erreichen.

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