Out and proud: Benjamin Radjaipour spielt Parvis in "Futur Drei". Foto: Edition Salzgeber/Jüngline Film
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"Futur Drei" auf der Berlinale Queer und postmigrantisch in der Kleinstadt

Ein doppelter Coming-Out-Film als aktivistisches Popcornkino: Faraz Shariat und sein Kollektiv zeigen auf der Berlinale ihr tolles Debüt „Futur Drei".

Die Kleinstadt ist das Fanal vieler Coming-out-Geschichten, Ausgangspunkt eines Aufbruchs. Die Durchschnittlichkeit der Provinz dient als Gegenentwurf zum glamourösen Leben, das man als queerer Jugendlicher führen möchte. Der Schritt aus der Isolation kostet Überwindung, davon handeln die meisten Coming-out-Filme.

Parvis (Benjamin Radjaipour) hat diese Sorgen nicht. Als Kind iranischer Eltern, aufgewachsen in einer niedersächsischen Kleinstadt, genießt er Freiheiten, von denen viele deutsche Jugendliche nur träumen können. Dass er schwul ist, akzeptieren die Eltern als Teil der Freiheit, die sie ihm durch ihre Flucht aus dem Iran ermöglicht haben.

Den Preis dafür versteht er in seinem jugendlichen Übermut nicht. „Manchmal glaube ich, dass Parvis gar nicht weiß, mit wie viel Mühe wir ihm dieses Leben aufgebaut haben,“ meint die Mutter einmal.

Ein queeres und ein kulturelles Coming-out

„Futur Drei“, das Debüt des Filmemacherinnen-Kollektivs Jünglinge, erzählt ein doppeltes Coming-out, ein queeres und ein kulturelles. Parvis läuft arschwackelnd durch die Straßen und Clubs von Hildesheim, er ist „out and proud“, wie Regisseur Faraz Shariat sagt.

Aber wenn er Farsi sprechen muss – nach einem Ladendiebstahl leistet er in einem Wohnheim für Geflüchtete Sozialarbeit –, realisiert er, dass er kaum einen Bezug zur Heimat seiner Eltern hat. „Ich verstehe ihren Dialekt nicht“, versucht er der verzweifelten Iranerin zu erklären, der die Abschiebung droht. „Ich muss auch mit Leuten aus Sachsen arbeiten,“ entgegnet eine Polizistin.

Im Wohnheim kann Parivs seine Queerness nicht ausleben

Im Heim begegnet Parvis Amon (Eidin Jalali) und dessen Schwester Banafshe (Banafshe Hourmazdi), die auf ihre Aufenthaltserlaubnis warten. Schon aus dem ersten verstohlenen Blick, mit dem Amon ihn vor dem Wohnheim taxiert, spricht das pure Begehren.

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Amon hält ihn ebenfalls für einen Geflüchteten: „Hier bist du nie allein.“ Später bittet er Parvis, ihn vor den anderen nicht anzusprechen. „Das ist ansteckend“, warnen die Freunde Amon. Im Wohnheim kann Parvis seine Queerness nicht ausleben. Am ersten Arbeitstag lässt er seine Ohrringe verschwinden.

"Futur Drei" kommt mit Vorschusslorbeeren auf die Berlinale

„Futur Drei“ läuft als Weltpremiere im Panorama der Berlinale – und kommt dennoch mit Vorschusslorbeeren nach Berlin. 2019 wurde das Debüt von Faraz Shariat, der Produzentin Paulina Lorenz und der Casterin Raquel Molt (das Kollektiv Jünglinge) als bester Nachwuchsfilm mit dem First Steps Preis ausgezeichnet – obwohl „Futur Drei“ ohne Unterstützung einer Filmhochschule entstand. Radjaipour, Hourmazdi und Jalali gewannen den Götz-George-Nachwuchspreis.

Die drei Jünglinge sind beim Treffen in einem Hinterhof in Berlin-Mitte entsprechend nervös. Als sie während des Studiums in Hildesheim mit den Dreharbeiten begannen, waren sie theoretisch geschult; sie verbindet ihr Interesse an postkolonialer und queerer Theorie sowie populärer Kultur. Aber nur Shariat hatte zuvor Regieerfahrung am Theater gesammelt.

Casterin Raquel Molt, Produzentin Paulina Lorenz und Regisseur Faraz Shariat vom Filmkollektiv Jünglinge begannen während des Studiums mit dem Dreh. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Casterin Raquel Molt, Produzentin Paulina Lorenz und Regisseur Faraz Shariat vom Filmkollektiv Jünglinge begannen während des Studiums mit dem Dreh. © Thilo Rückeis

Die Jünglinge legen Wert darauf, dass ihr Film als Gemeinschaftsproduktion wahrgenommen wird. Dazu gehören neben den (ausgebildeten) Hauptdarstellerinnen auch die Komparsen, die Molt über drei Jahre in Geflüchtetenheimen und queeren Notunterkünften gefunden hat. „Im deutschen Kino werden Geflüchtete immer von Migranten aus der zweiten Generation gespielt,“ merkt sie kritisch an.

Repräsentation ist der entscheidende Punkt im Film "Futur Drei"

Repräsentation – wer letztlich wem eine Stimme gibt – ist der entscheidende Punkt in „Futur Drei“. Doch wie ihr Film für diese zunächst akademische Frage eine Poesie aus Bildern und Sprache findet, ohne in das Sujet des Problemfilms zu verfallen, ist für ein Do-it-yourself-Debüt außergewöhnlich.

Im Gespräch merkt man Shariat, Lorenz und Molt, alle Mitte zwanzig, an, wie viele Gedanken sie sich um jedes noch so nebensächlich erscheinende Detail machen. Dass Bana und Amon nun doch von Deutsch-Iranerinnen aus der zweiten Generation gespielt werden, sehen sie kritisch. „Aber wir haben gemerkt, dass die Arbeit mit Laien eine andere wäre,“ sagt Molt. „Und weil uns die Fiktion wichtig war, wollten wir uns von dokumentarischen Arbeitsweisen abgrenzen.“ Lorenz ergänzt: „Wir erzählen selbstbewusst andere Geschichten, ohne die Realität zu leugnen.“

[23.2., 21 Uhr (Cinemaxx), 24.2., 16.15 Uhr (Cubix), 29.2., 19.30 Uhr (Zoo Palast). Alles zur Berlinale lesen Sie in unserem Newsblog.]

Parvis’ Eltern werden von den Eltern des Regisseurs gespielt, am Anfang läuft ein Homevideo, in dem der kleine Faraz in einem Sailor-Moon-Kostüm tanzt. Diese Wechsel zwischen den Registern von Fiktion, dokumentarischem Material und stilisierten Tableaus sorgen für eine lyrische Durchlässigkeit und eine berührende Nähe zu den Figuren.

Vorbilder sind Beyoncé und Solange Knowles

Man sieht „Futur Drei“ an, dass die Vorbilder von Shariat, Lorenz und Molt nicht in erster Linie aus dem Kino kommen. Als Vorbild nennen sie die visuellen Alben von Beyoncé und Solange Knowles: das Motiv der Rückaneignung, die ermächtigende Funktion von Musik und Selbstinszenierung. Shariat: „Pop ist ein Sehnsuchtsort. Aber auch ein Ort, an dem die Schönheit innerlich ist, der den Figuren eine Fragilität und Sensibilität zugesteht. Das ist ein politisches Statement.“

Es ist nicht kokett, wenn Shariat den Film „aktivistisches Popcornkino“ nennt. Für das Gefühl der inneren Zerrissenheit (als Migrant zweiter Generation wie Parvis und als Geflüchtete), zwischen der Person, „die ich hätte sein können, und der, die ich bin“, wie Bana am Ende sagt, finden Shariat, Lorenz und Molt so klare wie traumhaft-verschwenderische Bilder. Das neue filmische Tempus für ein künftiges Leben, das man sich als queerer Jugendlicher oder als Migrantin in der Fantasie ausmalt. Futur Drei.

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