Mit Maske auf dem CSD - hier ein Bild vom "Sternenmarsch" Ende Juni in Berlin. Foto: imago images/Bernd Elmenthaler
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Fußmarsch ohne Trucks Politik statt Party beim Berliner CSD

Der CSD Berlin geht wieder auf die Straße: Wegen der Pandemie soll der Zug eine Nummer kleiner ausfallen – und politischer werden. Auch die Route wird geändert.

Viele große Trucks, wummernde Musik in der gesamten Innenstadt. In normalen Jahren geht es hoch her, wenn der Christopher Street Day durch Berlin zieht.

Doch in diesem Sommer soll alles mehrere Nummern kleiner werden: Zugelassen sind nur fünf Wagen, die der CSD-Verein selber stellt. Von den Trucks werden 35 Redner*innen gesellschaftspolitische Ansprachen halten, DJ-Sets treten in den Hintergrund. Mehr Politik, weniger Party, lautet die Vorgabe.

Grund dafür ist – natürlich – die Coronapandemie. Im vergangenen Jahr fand der traditionelle CSD deswegen fast ausschließlich virtuell statt, in diesem Jahr gibt es immerhin schon wieder eine Demonstration.

"Keine falschen Bilder senden"

Die soll aber eben eher den Charakter eines Fußmarschs haben und nicht den einer ausgelassenen Sause. „Es sollen nicht in der ganzen Welt falsche Bilder gesendet werden – wie etwa: Die Berliner Szene feiert ohne Rücksicht auf die Pandemie“, sagt Nasser El-Ahmad vom CSD-Verein.

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Maske ist daher immer noch Pflicht, die Teilnehmenden sind angehalten Abstand zu halten. Auch bei der Strecke wird alles anders: Diese wird quasi umgedreht. Statt wie sonst vom Kudamm zum Brandenburger Tor geht sie dieses Mal von Ost nach West.

Start ist am übernächsten Samstag in der Leipziger Straße, über den Potsdamer Platz, Brandenburger Tor und die Straße des 17. Juni ziehen die Demonstrierenden zum Endpunkt An der Urania. Eine zentrale Abschlussfeier ist nicht vorgesehen (mehr zum Programm hier).

Dass der CSD am Nollendorfkiez endet, ist eine bewusste Entscheidung, sagt El-Ahmad: „Wir müssen denen, die unter Corona am meisten gelitten haben, etwas zurückgeben“, sagt er. Gemeint sind damit die Bars und die queere Infrastruktur im Nollendorfkiez.

Die Straßen im Nollendorfkiez werden gesperrt

Dorthin sollen die Demonstrierenden nach der Parade gehen und den Wirt:innen viele Gäste bescheren. Durchaus ein heikles Unterfangen – zu voll soll es dort wiederum auch nicht werden. Die Straßen im Kiez werden daher für Autos gesperrt, um mehr Platz zu schaffen.

Natürlich habe man überlegt, ob in diesem Sommer überhaupt ein CSD zu verantworten ist. Aber gerade angesichts des Wahljahres sei es wichtig, auf der Straße zu gehen, sagt Ulli Pridat, der mit El-Ahmad zum fünfköpfigen CSD-Vorstand gehört: „Wir freuen uns darauf.“ 

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Politisch zu tun gebe es genug, man denke nur an die Zahl der Übergriffe gegen Lesben, Schwule und trans Menschen, die in Berlin weiter steigen. 32 Forderungen sind insgesamt aufgestellt, erstmals werden sie direkt an die Adressaten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gesendet.

Angemeldet sind 20.000 Demonstrierende

Angemeldet haben die Veranstalter 20.000 Demonstrierende, das ist ein Bruchteil der gut eine Million Menschen, die sonst zum CSD auf die Straße gehen. Wie viele dann wirklich kommen, „ist ein Blick in die Glaskugel“, sagt Pridat.

Was passiert, wenn es doch deutlich mehr werden? Auch dafür werde es eine Lösung geben, mit der Polizei sei man in ständigem Kontakt. Der CSD habe auf jeden Fall CSD-Tourist:innen abgeraten, nach Berlin zu kommen – allein deswegen würden es wohl kaum die Massen wie in den Vorjahren werden.

Nicht alle in der queeren Community sehen sich vom CSD repräsentiert - daher gibt es alternative Pride, wie hier im Bild den Sternenmarsch im Juni. Foto: Imago Vergrößern
Nicht alle in der queeren Community sehen sich vom CSD repräsentiert - daher gibt es alternative Pride, wie hier im Bild den Sternenmarsch im Juni. © Imago

Auch jenseits der Pandemie befindet sich der CSD in einer schwierigen Lage. Am CSD-Verein gab es in der Vergangenheit immer wieder Kritik. Sei es wegen Rassismusvorwürfen, sei es weil der Vorstand nicht divers genug ist: Auch im neuen Vorstand sitzen ausschließlich cis-Männer.  

Der CSD macht sich bewusst klein

Längst sehen sich nicht mehr alle in der Berliner queeren Community vom CSD-Verein repräsentiert, in diesem Jahr gibt es deswegen zahlreiche weitere Pride-Umzüge in Berlin. Vor einem knappen Monat fand bereits der „CSD Berlin Pride“ als Sternenmarsch statt.

Auch vor diesem Hintergrund habe sich der traditionelle CSD in diesem Jahr „bewusst klein gemacht“, sagt Ulli Pridat. Man wolle signalisieren, offen für die Anstöße aus der Community zu sein. Auf einer Pressekonferenz am Mittwoch im Admiralspalast versuchte sich der CSD als Brückenbauer zu präsentieren.

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Gemeinsame Aktionen mit anderen Einrichtungen wurden hervorgehoben, ein Beispiel ist die Deutschland-Premiere des mit vielen Stars besetzten Films „Ammonite“ am Donnerstag im Freiluftkino am Kulturforum, die das Lesbian Non-Binary Filmfest initiiert hat.

Der CSD habe einen „Bildungsauftrag“, sagte Pridat – und sei dazu mit Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) im Gespräch, wie Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler beim Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt besser geschult werden können. Überhaupt sehe es der CSD als wichtige Aufgabe, wieder bei jüngeren Generationen sichtbarer zu werden.

2022 soll es wieder größer werden

Was wird mit dem CSD in den nächsten Jahren? Bleibt es bei dem kleineren Format, selbst wenn die Pandemie irgendwann vorbei sein sollte? „Wir schneiden die Pflanze CSD in diesem Jahr zurück, damit sie im nächsten wieder aufblühen kann“, sagt Ulli Pridat. „Wir wollen wieder zu der alten Größe zurückkommen.“

Die Kritik, die Parade sei insbesondere wegen der vielen Unternehmens-Trucks in den Vor-Pandemie-Jahren zu groß und zu kommerziell geworden, könne er dann doch nicht nachvollziehen: „Was ist so schlimm daran, wenn Firmen zu ihren diversen Mitarbeitenden stehen? Es gibt noch immer genug, die das nicht machen.“

Insbesondere wenn man in andere Länder schaue, etwa ins Nachbarland Polen, sei es doch vielmehr zu begrüßen, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen: „Es ist gut, wenn wir weiter so groß wie möglich sind, so laut und so stark wie möglich.“

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