Diese Aufnahme von Zanele Muholi trägt den Titel „Comfort“ (Trost). Sie entstand 2003 bei einer der vielen Beerdigungen von Mitgliedern der queeren Gemeinschaft. Foto: Zanele Muholi, Mit Genehmigung des/der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York
© Zanele Muholi, Mit Genehmigung des/der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Fotoausstellung im Gropius Bau Zanele Muholi queert südafrikanische Räume

Der Gropius Bau feiert das fotografische Werk von Zanele Muholi mit einer Retrospektive. Es verbindet intime Momente und Aktivismus.

Es ist verdammt kalt da draußen und novembergrau, die Menschen müssen zudem Abstand halten. In diesen Zeiten umfängt der erste Raum der Ausstellung von Zanele Muholi im Gropius Bau wie eine warme Decke: zwei Frauen, die in einem Bottich stehen und sich abseifen, zwei, drei andere kuscheln im Bett, gleich am Eingang ein Männerpaar, das vertrauensvoll nebeneinandersitzt.

Der eine legt die Linke auf die Schulter des anderen, dessen Rechte wiederum auf dem Knie des Partners ruht. Es sind die Hände von Hompi und Charles Januari, Aktivist*innen für LBTQIA*- Rechte, die 2002 zum ersten Mal heirateten und an ihrem fünften Jahrestag, ein Jahr nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Legalisierung von eingetragenen Lebenspartnerschaften in Südafrika, eine zweite Zeremonie abhielten. Zanele Muholis Aufnahme entstand nach der Feier, es zeigt sie glücklich, erschöpft. Ein Moment der Intimität.

Verschattete Augen, triumphaler Blick

Es könnte so schön weitergehen in der zusammen mit der Londoner Tate Modern organisierten Retrospektive, doch Muholi – geboren 1972 – gehört selbst zur Community Schwarzer Aktivist*innen und identifiziert sich als non-binär, also jenseits der Kategorien weiblich und männlich. Und der erste Impuls, nahestehende Menschen zu porträtieren, war nicht das Glück, sondern die bis heute virulente Verfolgung von Homosexuellen, trans Menschen, täglich erlebte Gewalt in einem Land, das 1996 mit seiner Post-Apartheid-Verfassung als erstes weltweit die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung verbot. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Sie holt das Publikum schon im nächsten Raum ein mit Bildern lesbischer Frauen, die Opfer von Hassverbrechen wurden. Sie gehen unter die Haut wie jene Aufnahme von Lungine Dladla, die mit verschatteten Augen und doch unverwandt in die Kamera schaut.

Ein Aufbegehren, ein trotziger Triumph – wie die weiße Fliege am Kragen – gegen das erfahrene Leid: eine Vergewaltigung, zynisch „corrective rape“ genannt, mit der Lesben zu Heterosexualität bekehrt werden sollen. Dladla wurde dabei mit HIV infiziert.

Oder die Bilder von Frauen, die ihre Hände vor ihrem Schoß verschränken. Schutz gab es für sie keinen. Daneben hängt die Aufnahme eines knittrigen Zettels mit der Anzeige: „Rape + Assault“ steht da und ein Stempel des Suid-Afrikaanse Polisiediens.

Zanele Muholis Porträt "Busi Sigasa, Braamfontein, Johannesburg, 2006" Foto: Zanele Muholi, Mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York Vergrößern
Zanele Muholis Porträt "Busi Sigasa, Braamfontein, Johannesburg, 2006" © Zanele Muholi, Mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Aus diesen Erfahrungen entwickelte sich Muholis künstlerischer Weg, er ging über Empowerment und begann beim Market Photo Workshop in Johannesburg, einer Fotoschule ursprünglich zur Unterstützung Schwarzer Fotograf*innen während der Apartheid. Es folgte ein Studium an der Ryerson University in Toronto. Mitglieder der Community wurden zu Muholis Motiv, deshalb Teilnehmende genannt, Antrieb war das Selbstverständnis als Aktivist*in.

So findet sich im Saal mit der ergreifenden Serie „Only Half the Picture“ eine Vitrine mit Mitgliedsausweisen, Pamphleten, Magazinen. Muholi gehört zu den Gründer*innen mehrerer Initiativen und berichtete etwa von einem Vergewaltigungsprozess für das queere Journal „Galzette“, die Unterlagen wurden aus der Wohnung gestohlen, bis heute sind sie verschwunden.

[Gropius Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 13. 3.; Mi bis Mo 10 – 19 Uhr]

Die Bilder finden schnell ihren Weg in die Öffentlichkeit, bereits die Abschlussarbeit „Visual Sexuality“ wird 2003 in der Johannesburg Art Gallery gezeigt. Muholi wird zur führenden Stimme der LBTQIA*-Community in Südafrika und auch international bekannt durch die Einladung 2012 zur Documenta nach Kassel, wo die bis heute berühmteste Serie zu sehen ist: „Faces and Phases“ bilden nun den fulminanten Abschluss im Gropius Bau. Drei Wände des Saals sind gefüllt mit Porträts von Menschen, denen Muholi im Laufe der letzten 20 Jahre begegnete. Das fortlaufende Archiv umfasst inzwischen über 500 Aufnahmen.

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Sie alle blicken die Eintretenden selbstbewusst an, werden namentlich genannt. Es ist ein Akt der Selbstermächtigung. Kuratorin Natasha Ginwala verweist nachdrücklich darauf, welche Bedeutung es noch immer im postkolonialen Südafrika hat, wenn eine Schwarze Person unverwandt zurückschaut.

Als besondere Hommage findet sich hier das Porträt von Busi Sigasa, die das gleiche Schicksal wie Lungile Dladla erlitt, dazu ein Gedicht von ihr mit dem Titel „Erinnert Euch, wenn ich nicht mehr da bin“. Genau das ist der Auftrag aller Bilder: Einen Platz in der Gesellschaft zu behaupten.

Dafür gibt es verschiedene Strategien. „Wir queeren den Raum, um uns Zugang zu verschaffen“, lautet eine. Hier bricht sich die vorher nur punktuell vorkommende Farbfotografie vollends Bahn, „Black Joy“ verbreitet sie.

Zanele Muholis Fotografie "ZaVA IV Bordeaux, 2013" (Ausschnitt). Foto: Zanele Muholi, Mit Genehmigung des/der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York Vergrößern
Zanele Muholis Fotografie "ZaVA IV Bordeaux, 2013" (Ausschnitt). © Zanele Muholi, Mit Genehmigung des/der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Die gezeigten trans Menschen posieren nicht irgendwo. Muholi platzierte sie am Constitutional Hill in Johannesburg, dem Sitz des südafrikanischen Verfassungsgerichts, oder am Strand von Durban unweit von Muholis Geburtsort Umlazi, der während der Apartheid nur von Weißen besucht werden durfte und heute als Symbol für die Aufhebung der Rassentrennung gilt.

Eine ganze Wand füllt die Fototapete mit den strahlenden Sieger*innen von Miss-Gay-Wettbewerben. Zufällige Passanten schauen irritiert, lachend auf dieses ungewöhnliche Line-up Schwarzer Beauties im Sand, sie selbst ficht das nicht an. Auch Muholi hat hier einen Auftritt in einer eigenen Serie, mit knappem Badeanzug oder Fransenkleidchen, auf Plateauschuhen, mal mit Nummer, Plastik-Diadem oder Schärpe.

Die Serie könnte die Vorarbeit für „Somnyama Ngonyama“ („Hail the Dark Lioness“ auf isiZulu, Muholis Muttersprache) gewesen sein, mit der Muholi vor zwei Jahren auf der letzten Biennale in Venedig für Aufmerksamkeit sorgte. Metergroß sprangen in den Corderie die inszenierten Selbstporträts das überraschte Publikum an. Im Gropius Bau sind sie nun in einem eigenen Saal kleiner reproduziert und als Tableau arrangiert oder werden im Durchlauf projiziert.

Erinnerung an die Mutter, die eine achtköpfige Familie durchbrachte

In Venedig traf die ganze Wucht Schwarzer Schönheiten mit ungewöhnlichen Accessoires wie Putzschwämmen oder Wäscheklammern als vermeintlichen Kronen. In Berlin ist die Geschichte dahinter zu erfahren: Muholi erinnert mit dieser Inszenierung an die eigene Mutter, die 40 Jahre lang als Angestellte in einem weißen Haushalt arbeitete, um ihre achtköpfige Familie durchzubringen.

Inzwischen setzt Muholi die melancholisch-humorvolle Serie mit anderen Requisiten fort, die eine politische Aufladung besitzen, wie jene Bleistifte, die während der Apartheid als Indiz zur „Rassenklassifizierung“ dienten: rutschte der Stift durch die Strähnen, weil sie glatt waren, wurde die Person als „weiß“ registriert. Muholi dreht den Spieß um und steckt sich ein ganzes Dutzend ins Haar.

Mit der 200 Werke umfassenden Retrospektive führt der Gropius Bau eindrucksvoll sein Fotoprogramm fort, das sich besonders um Diversität bemüht. Im vergangenen Jahr war hier die großartige Schau des in Berlin lebenden nigerianisch-britischen Fotografen Akinbode Akinbiyi zu sehen, ebenfalls von Natasha Ginwala kuratiert. Diesmal setzt das Ausstellungshaus noch eins drauf: ein exzellentes Begleitprogramm mit Talks, Führungen, Filmen, um queeres, diasporisches Leben hereinzuholen. Andere Institutionen der Stadt dürften sich umschauen.

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