Paula (Elisabeth Wabitsch, links) ist in "Siebzehn" in ihre Mitschülerin verliebt. Foto: Salzgeber
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Filmreihe im RBB Jung, stolz und queer

Der RBB startet die dritte Ausgabe seiner Spielfilm-Reihe "RBB queer". Mit dabei sind starke Coming-of-Age-Filme wie "Siebzehn", "Beach Rats" oder "Rafiki".

Um auf dem Bildschirm oder der Leinwand einer queeren Figur zu begegnen, muss man heute nicht mehr so lange suchen wie noch in den neunziger und nuller Jahren. Bei genaueren Hinschauen zeigt sich allerdings, dass noch längst nicht alles regenbogenbunt ist in der Film- und Medien-Welt.

So sind die großen Hollywood-Studios weiterhin zögerlich, wenn es um nicht-heterosexuelle Inhalte geht. Erst vor zwei Jahren kam beispielsweise mit „Love, Simon“ der allererste schwule High-School-Film eines Big Players (20th Century Fox) heraus.

Die deutsche TV-Landschaft ist wenig divers

Obwohl der Film das dreifache seiner Produktionskosten einspielte, wurde der Markt anschließend nicht eben überschwemmt mit weiteren queeren Werken großer Studios.

LGBT-Inhalte bleiben im Kino die Domäne von Independent-Firmen, im Fernsehsektor gehen die Streamingportale voran. Insbesondere Netflix hat mit Serien wie „Pose“ oder zuletzt „Hollywood“ viele starke Produktionen im Programm.

Die deutsche Fernsehlandschaft wirkt dagegen noch recht blässlich. Zwar ist hier und da mal eine Soap-Figur, ein Krimiprotagonist oder eine Heldin schwul oder lesbisch. Auch aufwendigere Mehrteiler wie „Ku’damm 56“ weisen mitunter Erzählstränge mit homosexueller Thematik auf. Doch insgesamt bewegt sich das alles eher im Randbereich. Einschlägiges Beispiel: Bei den 23 „Tatort“-Teams lässt sich in Sachen sexueller Orientierung nahezu keine Diversität feststellen.

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Bedenkt man, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung nicht heterosexuell sind, fällt die geringe TV- Repräsentanz dieser Gruppe um so stärker ins Gewicht. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland hat das im vergangen Jahr angeprangert. „Die Lebensrealität von Lesben, Schwulen und Trans kommt so gut wie gar nicht vor“, hatte Verbandssprecher Markus Ulrich gesagt. Überdies seien die anzutreffenden queere Figuren dann häufig klischeehaft gezeichnet.

Acht queere Spielfilme - spät am Abend

Für einen kleinen Lichtblick, der beweist wie es besser geht, sorgt ab diesem Donnerstag der RBB mit der dritten Ausgabe seiner queeren Filmreihe. Wöchentlich laufen dort bis zum 8. August queere Spielfilme, sieben davon als deutsche Erstausstrahlungen.

Enttäuschend ist allerdings, dass auch diesmal wieder ein sehr später Sendeplatz gewählt wurde. Das wirkt ein wenig verschämt, so als wolle der RBB zwar im Pride-Monat Juni ein wenig Solidarität beweisen, aber bitte nicht zu auffällig.

Das ist vor allem für den Auftakt mit Monja Arts Jugenddrama „Siebzehn“ schade, der in der Nacht auf Freitag um 00.05 Uhr ausgestrahlt wird. Gerade viele der jüngeren Zuschauer*innen, die hier eindeutig zur Zielgruppe gehören, werden da schon im Bett liegen. Gut, dass dieser sowie vier weitere Filme nach der Ausstrahlung sieben Tage lang in der ARD-Mediathek abrufbar sein werden.

Im Mittelpunkt des in der niederösterreichischen Provinz angesiedelten „Siebzehn“ steht Paula (Elisabeth Wabitsch), die in ihre Mitschülerin Charlotte (Anaelle Dézsy) verliebt ist. Weil die einen Freund hat, scheint da erstmal nichts zu gehen.

Der sensible Debütspielfilm von Monja Art, der 2017 den Max-Ophüls-Preis gewann, spart das Thema Coming-Out völlig aus, denn alle Begehrensformen stehen hier gleichberechtigt nebeneinander. Dass Paula auch mal mit einem Jungen Sex hat, ist für sie keine große Sache. Tiefe Gefühle hat sie trotzdem nur für Charlotte.

Robin Campillos "120 BPM" erzählt von einer Pariser Aids-Aktivistengruppe. Foto: Vergrößern
Robin Campillos "120 BPM" erzählt von einer Pariser Aids-Aktivistengruppe.

Fortgesetzt wird die „RBB queer“-Reihe, die der Sender wieder in Kooperation mit dem Salzgeber Verleih zusammengestellt hat, mit einem Meisterwerk aus Frankreich: „120 BPM“ von Robin Campillo, der darin auf eigene Erfahrungen in der Aktivistengruppe Act Up zurückgreift: Im Paris der Neunziger organisieren junge HIV-Infizierte und ihre Freund*innen spektakuläre Protestaktionen. Zu ihnen gehört auch der 26-jährige Schwule Nathan (Arnaud Valois), der selbst negativ ist. Doch Sean (Nahuel Pérez Biscayart), der Aktivist, in den er sich verliebt, geht es zusehens schlechter.

Campillo gelingt es auf ungemein bewegende Weise, einerseits die Ernsthaftigkeit und die Verzweiflung der Gruppe zu spiegeln und andererseits die Lebensfreude der jungen Männer (und einiger Frauen) nicht aus dem Blick zu verlieren. Diese manifestiert sich vor allem in den Clubszenen, von denen sich der Filmtitel ableitet.

Auftritt in der Dragbar

Von den acht Filmen der Reihe haben drei eine cis weibliche Perspektive und fünf eine cis männliche. Trans Figuren kommen höchstens einmal am Rande vor, wobei in dem auf Kuba spielenden Drama „Viva“ (23. Juli, 23.30 Uhr) nicht alle Geschlechtsidentitäten sofort ersichtlich sind.

Der irische Regisseur Paddy Breathnach erzählt darin von dem jungen Friseur Jesus (Héctor Medina), der in einer Dragbar arbeitet und sich auch als Lip-Synch-Sängerin versucht. Bei seinem ersten Auftritt schlägt ein Mann aus dem Publikum ihn nieder. Es ist sein Vater, der nach Jahren aus dem Gefängis entlassen wurde - und jetzt bei Jesus einzieht.

Happy Endings for Homos

Die meisten Filme der Reihe handeln von jungen Menschen. Und sie alle - ob in Nairobi, New York, Havanna oder São Paulo - machen Erfahrungen mit Homofeindlichkeit. Doch sie lassen sich davon nicht beirren. Es sind stolze Teenager und junge Erwachsene. Und keiner von ihnen muss das tödliche Drehbuchschicksal der homosexuellen Klischee-Figuren früherer Filmtage erleiden.

Im Gegenteil: Coming-of-Age meint hier auch immer wieder ein Übersich-Hinauswachsen. Manchmal kann ein blinder Junge dann sogar Fahrrad fahren wie in Daniel Ribeiros zartem „Heute gehe ich allein nach Hause“ (16. Juli, 23.35 Uhr). Und selbst für die kenianischen Teenagerinnen in dem farbenfrohen Drama „Rafiki“ (6. August , 23.35 Uhr) von Wanuri Kahiu gibt es nach einer schlimmen Gewalterfahrung, die sie auseinander reißt, noch eine hoffnungsvolle Aussicht. Happy Endings for Homos - so kann die Pride-Saison kommen.

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