Auch beim CSD 2019 in Berlin protestierten Teilnehmer*innen unter dem Slogan„There is no Pride on a Dead Planet“. Foto: imago images
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„Es geht buchstäblich um eine Zukunft" Die Klimakrise ist auch ein queeres Thema

Queer sollten sich der Klimabewegung anschließen, findet Stephanie Kuhnen. Denn LSBTIQ*-Rechte sind auch immer Teil eines größeren Kampfes.

„There is no Pride on a Dead Planet“ — Auf einem toten Planeten gibt es keine Prides. Der Slogan von India Kandel und Daniela Zysk ist nicht ganz neu: 2019 hatten sich die Aktivistinnen vom Vegan Rainbow Project den „Fridays-for-Future“-Demonstrationen in Köln angeschlossen, wenig später war dort die erste „Queers-for-Future“-Gruppe entstanden.

Aktueller könnte der Spruch jedoch nicht sein: Während LSBTIQ* in Berlin den Pride Month feierten, verwüstete eine Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ganze Landstriche, beinahe zweihundert Menschen starben. Eine Jahrhundertflut. Nur dass das schon die dritte in diesem Jahrhundert ist.

Höchste Zeit also, dass sich Queers der Klimabewegung anschließen? „Selbstverständlich!“, sagt die Journalistin und Autorin Stephanie Kuhnen. Sie engagiert sich seit über 30 Jahren für die queere Community, ist Herausgeberin des Sammelbandes “Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit” und hat sich immer wieder für den Slogan stark gemacht. „LSBTIQ* kämpfen für eine diskriminierungsfreie Zukunft. Aber dafür braucht es einen Zukunftsort, auf der diese utopische Gesellschaft stattfinden kann“, erklärt sie den Spruch.

Diskriminiert werden LSBTIQ* heute tatsächlich noch in vielen Bereichen, etwa beim Adoptionsrecht, der Blutspende oder durch das "Transsexuellengesetz". Der Gedanke, dass die queere Community schon genug mit "eigenen" Problemen beschäftigt ist, könnte also nahe liegen.

LSBTIQ*-Rechte immer Teil eines größeren Kampfes

Für die Journalistin steht jedoch fest: Kämpfe um soziale Gerechtigkeit können nur dann erfolgreich sein, wenn sie solidarisch miteinander geführt werden. „There is no thing as a single issue struggle, as we do not lead single issue lives“, sagte schon die lesbische Schriftstellerin Audre Lorde. LSBTIQ*-Rechte sind also immer Teil eines größeren Kampfes.

Als Community müssten wir deshalb eine Haltung entwickeln, meint Kuhnen: Ist uns nur individuelles Liebesglück wichtig oder sehen wir uns verbunden als Teil eines Ganzen? Und daraus müssten schließlich Konsequenzen folgen: Wem geben wir als eine der sichtbarsten und größten sozialen Bewegungen der Welt eine Werbeplattform? Konzernen und Banken, deren Kerngeschäft die Zerstörung des Planeten ist?

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„In den vielen Jahren seit seiner Entstehung hat sich der Christopher Street Day von einem Aufstand gegen die Unterdrückung queerer Personen, gegen Rassismus und gegen Polizeigewalt in ein konsumorientiertes Großevent verwandelt“, beklagen auch Queers-for-Future auf ihrer Webseite.

"Wie ein Festhalten an einer überkommenen Eventkultur“

Und fragen: „Sind billig produzierte Wegwerfartikel mit Regenbogenaufdruck wirklich Ausdruck dessen, was uns als Community ausmacht?“ Die Gruppe schlägt konkrete Maßnahmen innerhalb der Szene vor, etwa eine vegane Lebensweise, klimafreundliches Reisen oder keine Trucks bei den Prides.

„Die Paradengrammatik, die die meisten vor allem großen CSDs fahren, wirkt im Zeitalter der Fridays-for-Future altbacken und wie ein Festhalten an einer überkommenen Eventkultur“, findet auch Kuhnen und fordert umweltfreundliche Veranstaltungskonzepte: „Es geht buchstäblich um eine Zukunft, da ist auch die queere Community verpflichtet, die eigenen Protestartikulationen inklusiver und umweltfreundlicher weiterzuentwickeln.“

Auch vor dem Dyke*March in Berlin hat es in diesem Jahr schon Debatten darüber gegeben, wie zeitgemäß die Motorräder der den Zug anführenden Dykes on Bikes noch sind.

Die Klimakrise mag alle Menschen treffen, egal welche sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität sie haben. Ihre Auswirkungen sind für bereits marginalisierte Gruppen aber überproportional hoch: Betroffen sind vor allem obdachlose Menschen und Personen, die ohnehin Ausgrenzung erfahren - darunter zahlreiche LSBTIQ*. Auch das macht die Klimakrise zu einem queeren Thema. Es ist also kein entweder oder.

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