In der Nacht von Samstag auf Sonntag kam es in Frankfurt zu einem transfeindlichen Angriff. Foto: imago images
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Erneuter Übergriff auf queere Person Transfeindliche Attacke in der Frankfurter Innenstadt

Bei einem Angriff in Frankfurt am Main liegt ein transfeindliches Motives vor. FDP und Grüne verurteilen die Zunahme von Gewalttaten gegen LGBTIQ*.

In der Nacht von Samstag zu Sonntag ist es in der Frankfurter Innenstadt zu einem transfeindlichen Angriff gekommen. Gegenüber dem Tagesspiegel schildert Fabienne, die von dem Angriff betroffen war, was passiert ist: Sie war zwischen 22 und 23 Uhr auf dem Rückweg von einem Livestream-Event zum sechsten Jubiläum der Show-Reihe Night Queens und half einer befreundeten Drag Queen dabei, ihre Sachen ins Auto zu bringen. Auf dem Weg zum Parkhaus begegneten sie einem Mann und dessen zwei Freunden, der ihnen transphobe Kommentare zurief.

„Ich habe beim Weiterlaufen nur mit der Hand abgewunken und gemeint, er solle einfach ruhig sein", berichtet Fabienne. Der Mann hörte jedoch nicht auf. „Er stand dann relativ nah bei uns und ich habe den ersten Schlag ins Gesicht bekommen." Sie habe zwar probiert, den Mann von sich wegzustoßen, doch daraufhin schlug er ihr erneut zweimal hintereinander ins Gesicht. Auch der befreundeten Drag Queen, die immer wieder „Bitte hör auf” rief, gelang es nicht, ihn zu stoppen.

„Irgendwann wurde ich dann - auch wenn das blöd klingt - ganz ruhig und habe gesagt, die Polizei ist auf dem Weg”, berichtet Fabienne. Daraufhin seien der Täter und seine zwei Freunde Richtung Hauptstraße geflüchtet. „Ich bin danach erstmal zusammengebrochen und musste mich hinsetzen, weil ich geblutet habe.”

Ein Freund dokumentierte die Verletzungen später und fuhr Fabienne in ein nahegelegenes Krankenhaus, wo die Wunde genäht werden musste. Eine offizielle Meldung der Polizei Frankfurt bestätigt die Ereignisse. Die Polizei Frankfurt hat mittlerweile Ermittlungen aufgenommen und sucht nach Zeug*innen.

Zahl queerfeindlicher Angriffe nimmt zu

Es ist nicht der erste queerfeindliche Angriff in der Stadt. Erst Ende vergangenen Jahres kam es zu einem Übergriff, dem mutmaßlich ein homofeindliches Motiv zugrunde lag. Bundesweite Statistiken zeigen außerdem, dass die Anzahl der Straf- und Gewalttaten gegen LGBTIQ* in den vergangenen Jahren stark angestiegen ist. Der Bundesregierung zufolge gab es 2019 mindestens 564 politisch motivierte Straftaten, die sich gegen die sexuelle Orientierung der Opfer richtete - darunter 147 Gewalttaten.

Damit stieg die Zahl der Straftaten gegen queere Menschen im Vergleich zum Vorjahr um über 60 Prozent. Auch 2020 gab es zahlreiche Vorfälle bei denen queere Menschen auf offener Straße attackiert wurden.

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„Der tätliche Angriff auf eine transgeschlechtliche Frau in Frankfurt erschüttert mich”, sagt Sven Lehmann, Sprecher für Queerpolitik der Bundesfraktion der Grünen, „und er ist leider kein Einzelfall. Immer wieder werden transgeschlechtlechtliche und homosexuelle Menschen auf der Straße angepöbelt, attackiert und verletzt, sogar getötet. Das dürfen wir nicht hinnehmen.” Es brauche eine Auseinandersetzung mit Gewalt gegen queere Menschen. Die Grünen-Fraktion fordert deshalb auf Bundesebene die bessere Erhebung von LSBTIQ-feindlichen Straftaten und brachte im vergangenen Jahr einen Aktionsplan gegen Homo- und Transfeindlichkeit und für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in den Deutschen Bundestag ein.

„Unsere Gesellschaft ist erst dann wirklich offen, wenn alle Menschen verschieden sein können, aber gleich an Rechten, gleich an Würde und frei von Diskriminierung sind”, sagt Lehmann.

Bisher keine bundesweite Erfassung der Hasskriminalität

Auch Jens Brandenburg, Sprecher für LSBTI der FDP-Bundestagsfraktion, verurteilt den Angriff: „Der Angriff in Frankfurt ist ein Angriff auf die freiheitliche Gesellschaft insgesamt. Niemand soll wegen seiner geschlechtlichen Identität Angst vor körperlicher und verbaler Gewalt haben müssen”. Der Vorfall in Frankfurt sei kein Einzelfall und gehe uns alle etwas an. Die Bundesregierung dürfe nicht länger wegschauen, denn: „Der Schutz vor homo- und transfeindlicher Hasskriminalität muss endlich zur Kernaufgabe der deutschen Innenpolitik werden.”

Eine bundesweit einheitliche Erfassung homo- und transfeindlicher Hasskriminalität sei Brandenburg zufolge überfällig. Solche Übergriffe dürften nicht nur in Berlin systematisch erfasst werden, sondern es bräuche einen nationalen Aktionsplan gegen Homo- und Transfeindlichkeit.

Gute Kommunikation mit der Polizei

Julia Monro von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti) lobt die „gute Kommunikation” mit der Polizei Frankfurt und die Tatsache, dass das Motiv Transfeindlichkeit im Polizeibericht erkannt wurde. Die wachsende Hasskriminalität gegen trans Personen beobachtet sie mit großer Sorge. Transfeindliche Straftaten sollten gezielt erfasst werden, sagt Monro, und dafür bräuchte es geschultes Personal bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft und unter den Richter*innen.

Denkbar sei außerdem eine Fachstelle im Justizsystem, die präventiv Maßnahmen ergreift um Hasskriminalität gegen LSBTI vorzubeugen. „Immerhin handelt es sich um einen nicht zu unterschätzenden Bevölkerungsanteil von etwa 10 bis 15 Prozent, insbesondere bei den jüngeren Generationen”, sagt Monro, „das sollte Anlass genug sein, wenn man zukunftsorientiert arbeiten möchte.”

Unterstützung auf Instagram

Im Anschluss an den Angriff verfasste Fabienne einen Instagram-Post, in dem sie von der Attacke berichtete. Mittlerweile wurde er fast 350 Mal kommentiert. Dass der Post solche Ausmaße nimmt, habe sie nicht erwartet: „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob jemand etwas gesehen hat oder die Typen beschreiben kann.” Die Reaktionen in den sozialen Medien seien fast ausschließlich positiv gewesen, berichtet Fabienne.

Auch im Gespräch mit der Polizei habe sie sich gut aufgehoben gefühlt. Sie hofft, dass auf den Kameraaufnahmen, die die Polizei aktuell sichtet, etwas zu erkennen ist. „Was mir passiert ist, ist passiert", sagt Fabienne, "aber ich lasse mich von sowas nicht unterkriegen, sondern mache weiter. Und ich sage allen aus der Community: Lasst euch davon nicht zerbrechen.”

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