Die Leichtathletin Caster Semenya. Foto: imago images / Xinhua
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Ein verstörendes Urteil Caster Semenya wird mit willkürlichen Maßstäben beurteilt

Für ihre Ausnahme-Anlagen wurden Sportler wie Michael Phelps und Usain Bolt bejubelt. Die Leichtathletin Caster Semenya wird dafür verdammt. Ein Kommentar.

Es sind Jahrhundertsportler, olympische Helden: Athleten wie der Schwimmer Michael Phelps oder der Leichtathlet Usain Bolt. Jahrelang schwammen und rannten sie der Konkurrenz voraus, gewannen Titel um Titel. Ihre Erfolge verdankten sie auch ihren biologischen Anlagen. Phelps hat ungewöhnlich große Füße und flexible Fußgelenke, er selbst nannte seine Füße deswegen „Flossen“. Sein Körper produziert viel weniger Laktat als der anderer Athleten, seine Muskeln können sich daher unfassbar schnell erholen. Usain Bolt hat einen anderen genetischen Vorteil – nämlich einen hohen Anteil schnell zuckender Muskelfasern.

Was uns zur Leichtathletin Caster Semenya bringt. Auch sie ist außergewöhnlich erfolgreich, auch sie hat von der Natur ungewöhnliche Gaben mitbekommen. Anders als Phelps oder Bolt wird sie dafür aber nicht gefeiert, sondern angefeindet. Denn bei ihr geht es nicht um flinke Beine und Gelenke, sondern um das Geschlechtshormon Testosteron. Weil ihre Werte höher sind, muss sie sich praktisch seit Beginn ihrer Karriere rechtfertigen.

Der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) versucht Semenya in einem juristischen Krieg seit Jahren von den Wettkämpfen auszuschließen – oder sie zumindest zu zwingen, ihre Leistungsfähigkeit zu verringern. Das jüngste Gerichtsurteil gibt dem Verband mal wieder Recht. Semenya müsste jetzt Medikamente nehmen, die ihren Testosteronspiegel senken, um weiter über ihre Paradestrecke 800 Meter antreten zu dürfen. Oder anders ausgedrückt: Sie muss sich selbst manipulieren, ohne das klar ist, welche gesundheitlichen Folgen das hat.

Bei Semenya geht es um die Frage, wann eine Frau eine Frau ist

Dass ein Verband so etwas überhaupt fordert, ist verstörend. Für den IAAF geht es um „Fairness“ gegenüber den anderen Athletinnen. Wäre es dann aber nicht auch „fair“ gewesen, wenn Bolt sich einer Muskeloperation hätte unterziehen müssen, Phelps künstlich Laktat injiziert worden wäre, um ihren natürlichen Vorsprung auszugleichen? Oder wenn zu große Basketballer Spielverbot erhielten?

Auf die Idee ist zurecht nie jemand gekommen. Es wird bei Semenya also mit zweierlei Maß gemessen. Man muss kein glühender Vertreter von Geschlechtertheorien sein, um zu verstehen warum. Bei Semenya geht es um die Frage, wann eine Frau eine Frau ist, um die grundsätzliche Einteilung der Sportwelt in zwei Geschlechter. „Die sieht ja wie ein Mann aus“: Diesen oft gebrachten Spruch versucht der IAAF mit aller Macht in eine Regel zu pressen.

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Es interessiert dabei nicht, dass die jetzt gezogene Testosteron-Grenze willkürlich ist, das vom IAAF in Auftrag gegebene Gutachten zu der Frage wissenschaftlich angezweifelt wird (das Gegengutachten findet sich hier). Übrigens bringen auch Männer unterschiedlich hohe Testosteronspiegel mit. Müssten männliche Athleten mit hohen Werten jetzt nicht ebenfalls Medikamente nehmen?

Auch Männer haben unterschiedliche Testosteronwerte

Nun passt hohes Testosteron bei Männern – anders als bei Frauen – bestens ins vermeintlich „natürliche“ Männlichkeitsbild. Auch Phelps und Bolt tangierten Geschlechterbilder nicht, sondern verstärkten sie als große, starke Männer. Sie waren deswegen in der Lesart der Verbände geküsst von der Natur – Semenya hingegen ist von ihr geschlagen.

Natürlich kann man auch die Frustration von Semenyas Konkurrentinnen verstehen. Die Konkurrenten von Michael Phelps oder Usain Bolt waren allerdings genauso frustriert. Ausnahmeathleten haben nun einmal meistens Ausnahmegene. Wollen die Sportverbände etwas für mehr Fairness im Spitzensport tun, sollten sie besser den Kampf gegen unnatürliche Mittel – sprich Doping – intensivieren. Man wünschte sich, sie würden hier mit derselben Inbrunst und Besessenheit vorgehen, wie der IAAF Caster Semenya verfolgt.

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