Hier blüht was. İpek İpekçioğlu kennt sich in Istanbul genauso gut aus wie in Berlin. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

DJ Ipek im Porträt Musik gegen die Kommerzialisierung des MyFest

Sowohl in Berlin als auch in Istanbul legt DJ Ipek in Clubs auf und engagiert sich für die queere Community. Beim MyFest in Kreuzberg ist sie mit einer eigenen Bühne dabei.

Der Kaffee geht für DJ Ipek natürlich aufs Haus, wenn man sich mit ihr im Südblock trifft, einer Art Zentrale der migrantisch-queeren Community in Kreuzberg. „Alle kennen mich hier“, sagt İpek İpekçioğlu, die am liebsten bloß Ipek genannt werden möchte. Sie hat im Südblock bereits Konzerte organisiert und legt gelegentlich dort auf.

Ipek lebt offen lesbisch. Sie ist zierlich und hat die Haare kurz geschnitten. Meist spricht sie in gegenderter Sprache, was bei ihr dazu führt, dass etwa aus einer Formulierung wie „sagt man“ ein „sagt Mensch“ wird. Nebenbei zieht sie an ihrer E-Zigarette. Eigentlich möchte sie mit dem Rauchen ja aufhören, sagt sie. Aber so weit ist sie noch nicht. Am Ende des Gesprächs fragt sie nach einer Filterzigarette.

Bei Gayhane ist Ipek Resident-DJ

Als DJ spielt sie nicht den üblichen Clubsound, sondern etwas, das gerne Weltmusik genannt wird. Klänge von überall her, aus der Türkei, dem Nahen Osten, Südamerika. Ipeks DJ-Mixtur kennt keine Grenzen. Die Berlinerin wurde so in den bald 25 Jahren, in denen sie ihre Karriere als DJ verfolgt, zu einer Repräsentantin eines diversen, multikulturellen Kreuzbergs. Fast von Beginn an ist sie auch Resident-DJ bei der monatlichen Veranstaltungsreihe „Gayhane – Homo Oriental Dancefloor“, die vor Kurzem ihr zwanzigstes Jubiläum feierte. „Gayhane“ veranstaltet Partys, die sich dezidiert an Schwule, Lesben, Queers und Transpersonen mit Migrationshintergrund richten. Getanzt wird zu orientalischer Musik. Und es funktioniert. Die regelmäßig stattfindende Clubnacht hat sich als feste Größe im Berliner Nachtleben etabliert, ist überregional, sogar international bekannt. Und als Botschafterin dieser ziemlich einzigartigen „Gayhane“-Kultur wird Ipek heute als DJ in der ganzen Welt gebucht.

Sie gibt auch Workshops und schreibt über Diversität

Die 46-Jährige ist ein erfolgreicher DJ und Musikproduzentin. Gleichzeitig aber auch Aktivistin. Allein die Auswahl ihrer Musik lässt sich bereits als politische Aussage deuten, indem sie zeigt: Es gibt auch gut tanzbare Alternativen zur westlich dominierten Popkultur. Aber die studierte Sozialpädagogin politisiert nicht nur die Clubszene. Sie publiziert auch, schreibt über Themen wie Migration und Queerness. Und sie gibt Workshops, „vor allem für Frauen“, wie sie sagt – über den Job als DJ, aber auch zum Thema Diversität. Als man sie zum Gespräch trifft, kommt sie gerade aus dem Irak, wo sie zwei Wochen lang in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Soundworkshops für junge Erwachsene leitete.

Vor allem aber beschäftigt sie sich mit der Türkei, dem Land ihrer Eltern. Sie selbst ist Deutsche, wurde in München geboren, seit 1980 wohnt sie in Berlin, seit Ende der achtziger Jahre in Kreuzberg. Die deutsche Hauptstadt „ist ganz klar meine Heimat“ sagt sie. Ihr Vater starb, als sie noch ein Baby war. Mit ihrer Mutter ist sie dann in Berlin zig Mal umgezogen. „Im Wedding bin ich zur Grundschule gegangen, in Wittenau und dann in Charlottenburg auf die Oberstufe.“

Regelmäßig legt sie in Istanbul auf

Sie sei damals ein „typisches Kofferkind“ gewesen. Und zwischendurch landete sie auch in der Türkei. Für zwei Jahre ging sie in einem Internat in Izmir auf die Grundschule. „Weil meine Mutter wollte, dass ich anständig Türkisch lerne.“ Die Türkei und vor allem Istanbul haben sie seitdem nicht mehr losgelassen. „Als ich 1994 das erste Mal nach Istanbul gekommen bin, habe ich mich gleich in die Stadt verliebt“, sagt sie, und fügt hinzu: „Nach zwei Wochen dort habe ich gleich mal eine Lesbengruppe gegründet.“

Sechs bis zehn Mal im Jahr ist sie mittlerweile in Istanbul. Inzwischen hat sie dort sogar eine Wohnung und tritt immer öfter auf in den Clubs der Stadt. Somit ist sie Kennerin der dortigen Musik- und Kulturszene.

Seit der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in den Kulturschaffenden Gegner seiner konservativen und repressiven Politik ausgemacht hat, orientieren sich immer mehr von ihnen in Richtung Berlin. „Viele Leute, die ich aus Istanbul kenne und die dort das Nachtleben mitgestaltet haben, wohnen inzwischen in Berlin“, sagt Ipek, „ich treffe dauernd Leute aus der Türkei hier. ‚Was machst du denn hier?‘ frage ich sie – ,Ich lebe hier ‘, heißt es dann“. Klein-Istanbul werde Kreuzberg oft genannt, sagt Ipek. Sie habe nie genau verstanden, warum, „inzwischen ist Kreuzberg jedoch wirklich wie ein kleines Istanbul“.

Ipek gestaltet das Porgramm der MyFest-Bühne am Heinrichplatz

Warum genau kommen diese Leute nach Berlin? Wie sind ihre Lebensumstände in der neuen Heimat? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Ipek auch bei dem Festival „#disPlaced – #rePlaced“, das sie erst vor Kurzem, bereits zum zweiten Mal, im Radialsystem kuratierte. Sie lud Musiker, Tänzer, Choreografen dazu ein, sich künstlerisch mit ihrer Migration aus der Türkei nach Berlin zu beschäftigen.

Auch am 1. Mai geht es auf der von ihr gestalteten Bühne am Kreuzberger Heinrichplatz um das Thema Migration. „ImPort ExPort – Migration is our Right – Bleiberecht für Alle!“ lautet die kämpferische Parole bei ihrer Veranstaltung im Rahmen des MyFest. Von 12 Uhr bis 21 Uhr gibt es hier ein buntes Programm. Passend zum 1. Mai werden Internationale Protestsongs gesungen, DJs, Bands und Rapper mit Wurzeln in der Türkei oder dem Iran treten auf. Nach typischer Ipek-Manier wird Musik aus aller Welt gespielt. Ein Programm für Kinder gibt es auch.

Seit mehr als zehn Jahren organisiert Ipek ihre eigene Bühne am 1. Mai in Kreuzberg, erzählt sie. Einfach sei das nicht, zumindest dann nicht, wenn sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden möchte. „Viele haben ja ganz vergessen, dass der 1. Mai ein politischer Tag ist.“ Der Kommerzialisierung vom MyFest möchte sie deswegen etwas gesellschaftlich Relevantes entgegensetzen. Ein Budget dafür bekommt sie vom Berliner Senat. Auch viele Redebeiträge wird es bei ihr geben. Für mehr Toleranz, gegen Ausgrenzung. Das muss einfach so sein bei Ipek, die sagt: „Musik kann ich einfach nicht abkoppeln von Politik.“

„ImPort ExPort“ im Rahmen von Myfest am 1. Mai am Heinrichplatz ab 12 Uhr.

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