Der legendäre Club SO36 in Berlin-Kreuzberg. Foto: Imago
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Der Safe Space schließt erneut Das sagen LGBT-Institutionen in Berlin zum Lockdown

Auch queere Einrichtungen in Berlin trifft der zweite Teil-Lockdown hart. Wie ist die Lage? Und wie hoch stehen nun die Überlebenschancen? Eine Umfrage.

Der zweite Corona-Teil-Lockdown hält Einzug in Berlin: Clubs, Kulturstätten und soziale Treffpunkte müssen erneut schließen, Gastronomiebetriebe dürfen nur noch Außerhausverkauf anbieten. Das gilt bis mindestens Ende November. Bereits beim ersten Lockdown im Frühjahr hat sich gezeigt, dass einige Restaurants, Bars und Cafés erst gar nicht wieder öffneten – sie überstanden die Zeit nicht. Finanzielle Rettungspakete des Staates kamen zu spät.

Wie hoch stehen nun die Überlebenschancen während des zweiten Lockdowns? Und das für queere Clubs, Bars und Einrichtungen? Immerhin benötigen besonders queere Menschen safe spaces, in denen sie sich austauschen, identifizieren und sicher fühlen können.

Die Berliner Aids-Hilfe zum Beispiel bietet für gewöhnlich Beratungen, Therapie- und Vorsorgeprogramme und ein Café als Begegnungsort an. Ein wichtiger Pfeiler im Leben vieler queerer Menschen. „Wir sind auf den erneuten Lockdown besser vorbereitet also noch im März. Der Sommer gab uns Zeit, um Hygienekonzepte zu entwickeln, zu verfeinern und umzusetzen“, erklärt Jens Petersen, Referent der Aids-Hilfe.

Man habe den Empfangsbereich umgebaut, die Mitarbeiter*innen seien dort nun hinter einer Scheibe geschützt. Außerdem habe man neue Konzepte für Beratungsangebote erarbeitet. „Wir konnten unsere Angebote soweit möglich auf digitale Formate umstellen und sind aktuell dabei, unsere Technik an die neuen Erfordernisse anzupassen.“ Damit bleibe man als Organisation arbeitsfähig.

Die soziale Komponente bleibt jedoch auf der Strecke, bedauert Petersen. Seit März wird auf sämtliche persönliche Betreuung verzichtet. Auch Besuchs- und Beratungsdienste in Krankenhäusern können nicht mehr umgesetzt werden. Und: „Wir mussten unser ‘Café Ulrichs’ wieder schließen – das trifft besonders viele Menschen in unserem Umfeld, weil es ihre einzige Möglichkeit ist, aus der Isolation auszubrechen.“ Petersen sieht darin eine erhöhte psychische Belastung für Menschen, die die Hilfe der Aids-Hilfe dringend benötigen und denen es ohnehin schon an sozialen Kontakten fehlt.

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Der anonyme Telefondienst hingegen bleibt unter 030-19411 erreichbar. In besonderen Fällen können persönliche und telefonische Beratungen durchgeführt werden, zum Beispiel bei einer medizinischen Notfallversorgung, einer Entlassungen aus dem Krankenhaus, bei aufenthaltsrechtlichen Fragestellungen, bei Haftentlassungen, Schulden- und Rechtsberatungen.

Projekt "Community Care"

Außerdem versuche man Personen zu unterstützen, die ihre Wohnung nicht verlassen können. „Wie schon im Frühjahr werden wir über unser Projekt ‘Community Care mit Herz’ Einkäufe für Menschen tätigen und nach Hause liefern, weil eine COVID-19-Infektion für sie fatale Folgen hätte – oder die finanziellen Mittel zur ausreichenden Versorgung fehlen.“

Um anderen zu helfen, ist die Aids-Hilfe auf Spenden angewiesen – diese sind allerdings deutlich zurückgegangen. „Wir hoffen daher auf eine uns zugewandte und spendable Bevölkerung, die auch in diesen Zeiten Menschen mit HIV beziehungsweise Aids in unserer Gesellschaft nicht vergisst und uns unterstützt, damit wir anderen helfen können.“ Alle Details zu Spenden finden Sie auf der Internetseite der Aids-Hilfe.

Das Schwule Museum muss geplante Ausstellungen verschieben. Foto: imago/STPP Vergrößern
Das Schwule Museum muss geplante Ausstellungen verschieben. © imago/STPP

Auch das Schwule Museum ist geschlossen. Aktuell geplante Ausstellungen wie die „Intimacy – New Queer Art from Berlin and Beyond“ wurden verschoben. Daniel Sander, Pressesprecher des Museums in Tiergarten, sagt: „Wir haben seit letzter Woche Freitag komplett geschlossen – also die Ausstellungsbereiche, das Archiv und die Bibliothek.“ Das Schwule Museum rechnet mit der Komplettschließung bis zum 1.12.

„Damit sind es in diesem Jahr insgesamt drei Monate ohne Einnahmen durch Ticketverkäufe – das tut natürlich sehr weh. Dass die Lage für uns noch nicht existenzbedrohend ist, haben wir der institutionellen Förderung des Senats und den monatlichen Beiträgen unserer Vereinsmitglieder zu verdanken.“ So konnten zumindest Gehälter und die Miete gezahlt werden.

Das Schwule Museum stellt sich auf "sehr harte Jahre" ein

Für die Finanzierung der Ausstellung ist das Museum jedoch auf öffentliche Fördergelder angewiesen: „Jetzt ist die Sorge groß, dass diese Töpfe in den kommenden Jahren leer sind. Wie es dann weitergehen soll, wissen wir nicht. Wir stellen uns auf einige sehr harte Jahre ein“.

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Die Verschiebung von Ausstellungen und die unklare finanzielle Zukunft stellen Belastungen für das Schwule Museum dar, die die Mitarbeiter jedoch mit Zuversicht angehen. „Die Angestellten arbeiten trotz der Schließung weiter. Durch den letzten Lockdown sind wir ohne Kurzarbeit gekommen, das hoffen wir auch für diesen.“ Die meisten Angestellten arbeiten im Homeoffice, erklärt Sander. Die Ehrenamtlichen sind derzeit ihrer Aufgaben entbunden.

Ebenfalls komplett geschlossen bleibt das SO36 in Kreuzberg. Eine Sprecherin erklärt: „Es ist frustrierend und wir empfinden die Schließung als ungerecht. Erwiesenermaßen waren öffentliche Veranstaltungen nicht die großen Superspreader-Events.“

Das SO36 hofft, im Dezember wieder öffnen zu können

Das Team des SO36 versucht jedoch trotz der momentanen Schließung den Mut nicht zu verlieren – man hofft im Dezember wieder öffnen zu können. Bis dahin soll die Unterstützung vom Staat reichen, das SO36 hatte nach langem Warten ein Überbrückungsgeld erhalten. „Das Geld war für Juni, Juli und August vorgesehen, gekommen ist es Ende Oktober. Wenn die Folgeunterstützung nicht etwas schneller bewilligt wird, sieht es natürlich wieder eng aus.“

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Die Bundesregierung hat angekündigt, vom Lockdown betroffenen Unternehmen 75 Prozent der Vorjahreseinnahmen zu zahlen. Wäre das nicht vergleichsweise sogar ein gutes Geschäft? „Auf der einen Seite, klar, wenn das Geld wirklich zügig käme, würde uns das schon helfen. Aber wie bei allen bisherigen ‘Corona-Hilfen’, ist es ja noch komplett fraglich, wann wer wieviel bekommt und wie das berechnet wird“, heißt es seitens des SO36. Bisher habe man schlechte Erfahrungen gemacht und sei dadurch kritisch.

Außerdem sei das Budget in Gastronomiebetrieben ohnehin so knapp geplant, dass man trotz der 75 Prozent Minus mache. „Wir sind mehr als ein rein gewinnorientiertes Unternehmen. Wir sind als gemeinnütziger Kulturverein gleichzeitig Arbeitsplatz für Künstler*innen und Freischaffende, Entstehungsraum für neue Musikformen, soziales Zentrum, Treffpunkt für marginalisierte Bevölkerungsgruppen, Probebühne und vieles mehr.“ Für das SO36, die betroffenen Gäste, alle Arbeitenden und Künstler*innen sei der erneute Lockdown daher eine Katastrophe.

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