Eine Demo für trans Rechte in Berlin in diesem Jahr. Foto: Inga Hofmann
© Inga Hofmann

Debatte um trans Jugendliche "Die Pubertät aufschieben, nimmt den Stress raus"

Nach einem Urteil zu Pubertätsblockern für trans Jugendliche in England ist eine Debatte entbrannt. Die Nöte der Jugendlichen werden dabei oft übersehen. Ein Interview.

Sabine Maur ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Mainz und Vorsitzende der Psychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz. Sie behandelt in ihrer Praxis unter anderem transidente Kinder und Jugendliche.

Frau Maur, ein Gericht in London hat geurteilt, dass Jugendliche unter 16 Jahren nicht die geistige Reife haben, sich für eine Behandlung mit pubertätsblockierenden Hormonen zu entscheiden. Daraufhin gab es auch in Deutschland einige Aufregung. Wie schätzen Sie das ein?
Für mich ist die Debatte, die darauf hierzulande folgte, eine Scheindebatte. Diese Behandlung ist in Deutschland ohnehin nur mit Einwilligung der Sorgeberechtigten erlaubt. Es wird so getan, als könnten Jugendliche hier in Deutschland sich mit zwölf Jahren alles aboperieren lassen. Aber das ist nicht so. Das deutsche Gesundheitssystem ist in diesen Fragen sehr gut und geht sehr sorgfältig mit diesen Fällen um.

In einem Kommentar in der "Neuen Zürcher Zeitung" steht, dass Ärzt:innen in Deutschland „mit einem Bein auf der Anklagebank“ stünden, wenn sie nicht affirmativ, also die Transition unterstützend, behandelten.
Das ist Unsinn. Nur weil die Konversionstherapie verboten ist, heißt das noch lange nicht, dass man irgendjemanden in irgendeine Richtung therapieren müsste. Deshalb bin ich auch keine Freundin der Begriffe „affirmativ“ und „nicht affirmativ“, denn wir Psychotherapeut:innen müssen in erster Linie erst einmal eine gute, unvoreingenommene Diagnostik durchführen, die weitere Behandlung unterliegt der Sorgfaltspflicht. Für alles andere wären wir berufsrechtlich belangbar. Deshalb kann uns auch niemand eine Richtung vorschreiben, in die wir beraten sollen.

Kritiker der Hormonbehandlung, wie der Münchner Psychiater Alexander Korte, werfen den Behandelnden immer wieder vor, Kinder zu schnell und ohne Rückkehrmöglichkeit auf eine Schiene zur Geschlechtsangleichung zu setzen. Wie sieht denn eine Behandlung in der Praxis aus?
Wenn ein Kind zu mir in die Praxis kommt, führe ich erst einmal eine gründliche Diagnostik durch. Wenn die Diagnose uneindeutig ist, wird es eine Verlaufsdiagnostik, bei der man im Therapieverlauf immer wieder schaut, in welche Richtung sich das Kind äußert und entwickelt. Normalerweise begleiten wir Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen sowie die behandelnden Psychiater:innen die Kinder über Jahre hinweg, bevor überhaupt über eine Hormontherapie nachgedacht wird.

In der aktualisierten Begutachtungsanleitung der gesetzlichen Krankenkassen ist ein Mindestabstand von einem halben Jahr zwischen Erstuntersuchung und Beginn der Hormonbehandlung festgeschrieben – und das gilt für Erwachsene. Für Kinder ist das noch nicht festgelegt, aber da ist man eher vorsichtiger, und zwar deutlich. In der aktuellen Debatte wird so getan, als könne man zum Kinderarzt gehen, der verschreibt die Hormone und los geht’s.

Sabine Maur ist Psychotherapeutin und versucht nun ihren Patienten per Video zu helfen. Foto: privat Vergrößern
Sabine Maur ist Psychotherapeutin und versucht nun ihren Patienten per Video zu helfen. © privat

Korte kritisiert auch, dass es fast automatisch zu operativen Eingriffen kommt, wenn jemand erst eine Hormonbehandlung begonnen hat.
Ja, das liegt aber daran, dass man sich bei der Diagnose schon sehr sicher ist, bevor die Hormonbehandlung überhaupt veranlasst wird. Dieser „Automatismus“ spricht eher dafür, dass die Begleitung bis zur Hormontherapie qualitativ gut ist. Im Übrigen sind die Effekte von Pubertätsblockern erst einmal reversibel, die Pubertät kann also durch Absetzen wieder in Gang gesetzt werden, falls der oder die Jugendliche sich gegen eine weitere Transition entscheidet.

Mittlerweile tun sich Eltern von Kinder und Jugendlichen mit Transitionswunsch in Bewegungen wie „Parents of ROGD Kids” und behaupten, ihre Kinder hätten „rapid onset gender dysphoria“, also eine plötzlich einsetzende Genderdysphorie, die hauptsächlich aus den sozialen Medien „übertragen“ werde.
Was mich so erbost, ist dass hier ein Bedrohungsszenario aufgebaut wird. In einem Artikel in der FAZ war die Rede von „Transgender als wirtschaftlicher Macht“, als ob es eine internationale Trans-Lobby gibt, die unseren Kindern die Brüste abschneidet, wenn sie ihr erst in die Hände fällt. Viele trans Menschen in meiner Praxis  erlebe ich als depressiv und sozial ängstlich – das sind keine aggressiven Missionar:innen. Außerdem reden wir hier von Prävalenzen unter 0,05 Prozent der Gesamtbevölkerung.

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Und ja, es gibt mehr Zulauf in den Kliniken und bei Therapeut:innen. Das liegt aber daran, dass sowohl Genderdysphorie als Leiden als auch trans Identität lange unterdiagnostiziert waren. Ich kenne noch die 30- bis 50-Jährigen, die eigentlich seit ihrer Jugend trans sind, lange still leiden und sich erst spät trauen. In den letzten Jahren haben wir vermehrt Jugendliche und junge Erwachsene gesehen, jetzt kommen schon Kinder. Das hat auch mit Information und Sensibilisierung zu tun. „Wenn ich die Kids heute frage: Woher hast Du davon erfahren?”, dann ist die Antwort meist „Aus dem Internet“. Die setzen sich aber mithilfe dieser Informationen fundiert damit auseinander und erleben das als Erleichterung, dass ihre Empfindungen einen Namen haben und sie nicht allein sind damit.

Ein Kritikpunkt ist auch, dass man die Pubertät nicht stoppen soll, weil man erst währenddessen feststellen könne, ob es sich vielleicht eher um eine homosexuelle Orientierung handelt.
Das Problem haben wir tatsächlich bei jüngeren Kindern: da besteht noch die Frage, wer in Richtung trans und wer in Richtung Homosexualität geht. Bei Jugendlichen, etwa ab 16 Jahren, haben wir empirisch gesehen eine fast hundertprozentige diagnostische Sicherheit.

Aber die Kinder haben ja auch noch Zeit, bei Einsetzen der Pubertät kristallisiert sich meist ein klareres Bild heraus. Es gibt aber auch die Kinder, die mit vier, fünf, sechs Jahren schon klar benennen können, dass sie ein anderes Geschlecht als das bei der Geburt zugeteilt haben, und die auch ganz konstant bei ihren Aussagen bleiben über Jahre.

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Wenn man diese Kinder, die eh schon Angst oder Abneigung gegenüber ihrem Penis oder gegenüber Brüsten spüren, jetzt zwingt, diese körperlichen Veränderungen durchzumachen, zusätzlich zu der Unsicherheit und dem Stress, den eine Pubertät sowieso mit sich bringt – das erscheint mir unnötig und unmenschlich. Die Überlegung bei Pubertätsblockern ist deshalb, die Pubertät erst einmal aufzuschieben und den Stress rauszunehmen. Wir reden hier aber von Jahren therapeutischer und ärztlicher Begleitung, bis es zu dieser Entscheidung kommt.

Allerdings geht das nicht ohne Begrenzung, denn der Körper braucht die Pubertätshormone, um gesund zu wachsen, deshalb braucht es irgendwann auch Testosteron oder Östrogen. Und mit immer früherem Pubertätsbeginn sind die Jugendlichen bei Behandlungsbeginn immer jünger.
Ja, das stimmt, deshalb ist die Vorbetreuung und die Begleitung ja auch so wichtig. Die Frage ist aber: Was würde passieren, wenn wir den Jugendlichen diese Hormone vorenthalten? Das Leiden kann zu schweren Depressionen, Suizidalität, Essstörungen und andere psychischen Erkrankungen führen. Es gibt eine Reihe von Langzeitstudien, die den positiven Effekt der Hormonbehandlungen belegen und den sehe ich auch immer wieder in meiner Praxis.

Wir geben Hormone niemals leichtfertig, sondern um ein belegtes Leiden zu lindern, von dem klar ist, dass es nur so gelindert werden kann. Man kann Genderdysphorie nicht wegtherapieren, deshalb macht es auch keinen Sinn, nur Depressionen oder soziale Phobien zu therapieren, wenn der eigentliche Grund die Stigmatisierung und das Unglücklichsein mit dem eigenen Körper sind.

Weitere Kritik gibt es an dem Vorhaben der Grünen und der FDP, die Personenstandsänderung zur vereinfachen und sie unabhängig von körperlicher Transition zu machen. In dem von ihnen erwähnten FAZ-Kommentar heißt es, man würde damit „das Geschlecht abschaffen“.
Zunächst einmal muss man die Hormon- und die Personenstandsdebatte voneinander trennen. Letztere ist ebenfalls unnötig aufgebauscht, denn ich glaube nicht, dass es jetzt zu einem Ansturm auf die Standesämter kommt oder Männer, wie behauptet, massenhaft ihr Geschlecht wechseln, weil sie bei Sportveranstaltungen im Frauenfeld starten wollen.

Andererseits ist es unfassbar, was trans Menschen an Kosten für Personenstandsänderungen und psychologische Gutachten tragen müssen und wie sehr sie sich Gutacher:innen gegenüber offenbaren müssen. Auch die Bundespsychotherapeutenkammer hat sich dezidiert für eine Reform des Transsexuellengesetzes ausgesprochen.

Ein weiterer Einwand gegen die Gabe von Pubertätsblockern ist die Befürchtung, die Patient:innen könnten die Entscheidung später bereuen.
Es gibt eine große Langzeitstudie aus den Niederlanden mit fast 7000 Teilnehmer:innen. Da lag die Quote der Desister:innen und Retransitioner:innen bei deutlich unter einem Prozent, und das dürfte in Deutschland ähnlich sein. Außerdem ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die diese Behandlung früh beginnt, sehr gering. Die meisten Behandlungen mit gegengeschlechtlichen Hormonen beginnen etwa ab 16 Jahren, die Operationen ohnehin erst ab 18 Jahren. Insofern stört es mich umso mehr, dass hier Leute, die sehr unglücklich und belastet sind, zu angeblich aggressiven Lobbyisten stilisiert werden und so getan wird, als seien sie eine Bedrohung für die Gesellschaft. Außerdem wird so getan, als gäbe es keine ordentliche Behandlung – die gibt es in Deutschland aber sehr wohl.

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