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Das Queer-Lexikon Was bedeutet Terf?

Der Begriff "Terf" taucht zunehmend im öffentlichen Diskurs auf. Weil es sich um eine Zuschreibung von außen handelt, ist eine Begriffsdefinition nicht leicht.

Spätestens seit Joanne K. Rowling hat ein Begriff den öffentlichen Diskurs erreicht: „Terf“. Denn Rowling hatte sich wiederholt transfeindlich geäußert und trans Personen ihre Identität abgesprochen. Ihr Fall zeigt beispielhaft, welches Denken sich hinter dem Akronym „Terf“ (Trans-Exclusionary Radical Feminist) verbirgt.

Vorweg: Die meisten Terfs bezeichnen sich gar nicht als solche, sondern beispielsweise als "genderkritische Feminist*innen“ und lehnen die Beschreibung „Terf“ ab. Insofern handelt es sich um eine Zuschreibung von außen, was eine allgemeingültige Begriffsdefinition erschwert.

Im Fall Rowling begann alles damit, dass sie einen Zeitungsartikel teilte, in dem es um "menstruierende Menschen" ging. Rowling zog dabei die Formulierung ins Lächerliche und schrieb: „Ich bin sicher, dass es früher ein Wort für diese Menschen gab. Kann jemand helfen?“ Das Wort, das Rowling offensichtlich suchte, war „Frauen“. Worauf sie zusätzlich durch ihre veralbernden Versuche der Begriffsfindung („Wumben? Wimpund? Woomud?“) hindeutete.

Was sie ignorierte: Nicht alle Frauen menstruieren, zum Beispiel trans Frauen. Andererseits sind nicht alle Menschen, die menstruieren, Frauen, wie zum Beispiel nicht binären Personen und trans Männer, was im Zusammenhang mit Gesundheitsfragen wichtig sein kann. Weiter behauptete Rowling, dass es ohne Geschlecht keine gleichgeschlechtliche Anziehung gäbe; dass die Lebensrealitäten von Frauen gelöscht würden, wenn Geschlecht negiert würde. Was sie übersah: Dadurch,, dass trans Frauen ihre Identität leben, wird weder Geschlecht an sich negiert noch irgendjemandes Lebensgeschichte gelöscht.

Trans Frauen werden aus dem Frauenverständnis exkludiert

Deutlich wird anhand dieser Aussagen aber vor allem eines: Rowling schließt trans Frauen aus ihrem Frauenverständnis aus. Genau das haben wohl alle Terfs gemeinsam: Sie begreifen Geschlecht als biologisch festgelegt, als unveränderbar und nicht als fluide oder gar als eine Identität. Für sie existieren außerdem nur zwei Geschlechter. Sie verstehen sich als Feministinnen, schließen aber trans Personen aus ihrem Verständnis von Feminismus aus. Das lässt sich zum Beispiel daran erkennen, dass sie trans Personen häufig misgendern oder von Frauen* sprechen.

Dabei geht es bei Formulierungen wie „menstruierenden Personen“ oder „Personen mit Uterus“ vor allem darum mehr Menschen mitzudenken und sprachlich sichtbar zu machen – und zwar Menschen, die marginalisiert werden und auf Schutz angewiesen sind. Genau dieses Bedürfnis nach Schutz streiten Terfs allerdings ab und behaupten stattdessen, dass trans Frauen "biologische Männer" seien, die versuchten, in Frauenschutzräume einzudringen.

J.K.Rowling hat sich immer wieder transfeindlich geäußert. Foto: AFP/ Angela Weis Vergrößern
J.K.Rowling hat sich immer wieder transfeindlich geäußert. © AFP/ Angela Weis

Sie sehen vor allem Toiletten oder Frauenhäuser als bedroht, ohne zu beachten, welcher Gewalt und Diskriminierung gerade trans Personen ausgesetzt sind, wenn sie zum Beispiel öffentliche Toiletten oder Umkleiden nutzen wollen. Eine Studie der University of California belegt außerdem, dass die Befürchtung, trans Frauen würden in Frauenschutzräumen ihr Unwesen treiben, faktisch nicht stimmt. Demnach wird das Sicherheitsrisiko in keiner Weise dadurch erhöht, dass trans Personen öffentliche Einrichtungen nutzen, die ihrer Geschlechtsidentität entsprechen.

Viele Terfs schließen auch Sexarbeiter*innen aus

Während trans Frauen als Täterinnen dargestellt werden, behaupten Terfs im Umkehrschluss, dass trans Männer (häufig ist die Rede von „biologischen Frauen“) Opfer seien, die durch eine Transition versuchten, patriarchalen Strukturen zu entkommen. Diese Erklärung ist auf mehreren Ebenen problematisch, denn wer sich einmal mit den rechtlichen, medizinischen und gesellschaftlichen Hürden vor einer Transition auseinandergesetzt hat, sollte wissen, dass diese (gerade in Deutschland) so hoch sind, dass niemand einfach so eine Transition anstrebt. Neben trans Personen spielen im Kontext von Terfs häufig Burka- und Kopftuchverbot eine Rolle, Viele Terfs schließen neben trans Personen auch Sexarbeiter*innen aus ihrem Verständnis von Feminismus aus.

Auch im Zusammenhang mit Gefängnissen und der Kontroverse darüber, ob trans Frauen in Frauengefängnissen untergebracht werden sollen, steht das Thema regelmäßig im Fokus. Erst im vergangenen Jahr entschied das Land Berlin, die Haftbedingungen dahingehend zu ändern, dass trans, intergeschlechtliche und nicht binäre Personen mitbestimmen dürfen, ob sie in die Haftanstalten für Männer oder für Frauen kommen.

Grundsätzlich klingen viele Argumente von Terfs wohl auch deshalb auf den ersten Blick einleuchtend, weil viel Unwissen und viele verdrehte Fakten über die Lebensrealitäten von trans Personen herrschen. Diesen falschen Behauptungen kann man reelle Zahlen entgegensetzen: Dem Projekt “Trans Murder Monitoring” zufolge wurden zwischen Oktober 2020 und September 2021 weltweit mindestens 375 trans und genderdiverse Personen getötet.

Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Damit ist 2021 zum tödlichsten Jahr für trans Personen geraten. Eine weitere Studie von 2018 kam zu dem Ergebnis, dass mindestens 40 Prozent aller trans Personen einmal versuchen würden, sich das Leben zu nehmen.

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