Kreienkamp ist erst seit fünf Monaten Chefin der BVG. Foto: Britta Pedersen/dpa
© Britta Pedersen/dpa

BVG-Chefin Kreienkamp über ihr Coming-out „Vielleicht sollten wir alle einen Tick mutiger sein“

Die neue BVG-Chefin hat sich schon früh als lesbisch geoutet. Im Gespräch erzählt sie von ihren Erfahrungen und den Chancen für queere Menschen.

Eva Kreienkamp ist neue BVG-Chefin: Seit fünf Monaten leitet sie nun die Verkehrsbetriebe. Und sie ist lesbisch. Im Interview betont sie, wie wichtig Sichtbarkeit von queeren Führungspersonen und Diversität in Unternehmen ist.

Sie sind als offen lesbische Chefin eine Ausnahme. Queere Menschen halten sich im Beruf oft zurück, wenn es um ihre sexuelle Orientierung geht. Wieso ist das so? 
Ich war schon zu einem Zeitpunkt out, zu dem ich noch nicht darüber nachgedacht habe, was das für Konsequenzen haben könnte. Das war bei mir sehr früh eine bewusste Entscheidung, in einer Zeit, in der ich meine Sexualität entdeckt habe. Mit 16, 17 habe ich mir gesagt, dass ich ein gutes Leben haben möchte, als ganze Person. Meine Sexualität ist ein Teil davon - auch im Beruf.

Sie haben sich also früh geoutet. Sehr fortschrittlich! 
Irgendwann gewöhnt man sich daran. Als ich nach dem Studium in den Beruf gekommen bin, hatte ich bereits Übung mit Coming-outs. Im Gegensatz zu allen anderen um mich herum, die hatten nicht so viel Übung. Ich habe Ende der Achtziger angefangen zu arbeiten.

Da war ich mit einem Fragenkatalog konfrontiert: 'Wieso erzählen Sie mir das überhaupt? Und was hat das mit Ihrem Beruf zu tun? Das ist doch Privatsache.' Also die ganze Litanei, die man kennt. Wenn man diese aber häufig genug im Leben gehört hat, ist sie nicht mehr so störend.

Welche Erfahrungen haben Sie über die Jahre gemacht? Gab es Vorbehalte? 
Natürlich habe ich über die Jahre hinweg Erfahrungen gemacht, die zeigten, dass meine Sexualität von der Umwelt zu akzeptieren ist und dass das Bestandteil eines Coming-outs ist. Es kam dabei auch immer wieder darauf an, wo ich gelebt und in welchem Umfeld ich mich bewegt habe.

Auf der anderen Seite habe ich manche Jobs nicht bekommen, weil ich lesbisch bin. Und ich habe wahrscheinlich noch viel mehr nicht bekommen, weil ich eine Frau und lesbisch bin. Das hat mich letzten Endes aber nicht so sehr gestört, weil ich mein Leben weitergelebt habe.

Heterosexuelle cis Männer sind definitiv privilegiert, wenn es um Führungspositionen geht. Warum ist es hingegen so wichtig, offen lesbische und schwule Führungskräfte in Unternehmen zu haben? 
Ich bin davon überzeugt, dass jede Lebensform gelebt werden und damit dann auch gezeigt werden sollte. Es gibt Menschen, die sich zum Beispiel aufgrund ihrer Hautfarbe nicht verstecken können. Es gibt genauso Menschen, die einen türkischen Nachnamen haben - die können sich auch nicht verstecken. Sie sind natürlich Bestandteil der Gesellschaft.

Für homosexuelle Personen gibt es hingegen die Möglichkeit, ihre Sexualität zu verstecken. Das halte ich nicht für richtig. Warum sollten Schwule und Lesben das Privileg haben, sich zu verstecken? Vielleicht sollten wir alle einen Tick mutiger sein. Damit wird die Welt besser. Woanders müssen sich Schwule und Lesben tatsächlich verstecken, weil ihnen sonst etwas Schlimmes passiert.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Vor Kurzem gab es einen homofeindlichen Angriff in einer Haltestelle der U6. Der Mann wurde beleidigt, niemand der Umstehenden griff ein. An die Videodateien kam der Mann nicht heran, die Polizei konnte somit nicht ermitteln – wie möchten Sie gegen homofeindliche Angriffe vorgehen? In den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt es immer wieder dazu.
Immer wieder wird der Eindruck erweckt, dass es immer und täglich zu Angriffen kommt. Tatsächlich haben sich manche Menschen nicht im Griff. Je nach Gruppe kommt es zu Ausschreitungen. Wir versuchen unser Bestes, indem wir unser Sicherheitspersonal gut schulen, damit dieses erkennen kann, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Wir haben eine Sicherheitsleitzentrale, die die Kameras beobachtet und nach Zwischenfällen aller Art sucht.

Wenn etwas passiert, müssen wir es wissen - und zwar schnell. Ein Vorfall muss schnell zur Anzeige gebracht werden. Es bringt nichts, wenn etwas zum Beispiel nur gefilmt und auf sozialen Netzwerken geteilt wird. Wenn Fälle nicht gemeldet und angezeigt werden, können wir nur in Maßen reagieren.

Wie verhält sich eine Person, die in der Bahn angegriffen wird? 
Wir haben Rufsäulen in jeder U-Bahn-Station. Dann gibt es noch den Selbstschutz. Wenn man in der Lage ist, sich zu verteidigen und weiß, wie das geht, ist das schon mal gut. 'Hilfe, Hilfe' rufen bringt oft nichts, aber wenn man 'Feuer' ruft, werden viele wach. Wenn eine offizielle Person da ist, wie der oder die Busfahrer*in, kann die Person anhalten und von ihrem Hausrecht Gebrauch machen.

In U-Bahnen geht das natürlich nur bedingt. Am Besten nimmt man Kontakt zu unserem Sicherheitspersonal auf. Wir arbeiten außerdem sehr eng mit der Polizei zusammen. Die Kolleg*innen versuchen auch vor Ort zu sein.

[Dieses Interview ist ein Lesprobe aus dem Tagesspiegel-Newsletter Queerspiegel. Er erscheint monatlich, immer am dritten Donnerstag. Hier kostenlos anmelden: queer.tagesspiegel.de]

In meinem persönlichen Umfeld hat so ziemlich jede queere Person negative Erfahrungen in der Bahn gemacht. Vor allem, wenn man mit dem oder der Partner*in unterwegs ist. Also nochmal die Frage: Was tut die BVG für die Sicherheit queerer Menschen? 
Ich bin etwas überrascht, wenn das so ist. Ich fahre seitdem ich zehn Jahre alt war, mit den Öffentlichen. Ich fahre auch mit meiner Frau öffentlich. Ich habe sie geküsst und ich bin auch angeschnauzt worden. Ich habe zurückgeschnauzt. Vielleicht ist nicht mehr so viel Wehrhaftigkeit vorhanden. Das kann ich nicht beurteilen. Aber ein Teil der Wehrhaftigkeit müsste auch aus der Community kommen, die ja sonst auch eine hohe Präsenz hat. Ansonsten schulen wir unser Personal, genau hinzuschauen.

Manche sagen auch, unsere Kontrolleur*innen würden rassistisch kontrollieren. Das stimmt so nicht. Wir kontrollieren diskriminierungsfrei – nämlich alle. Wir führen zudem Sensibilisierungstrainings durch. Hier wird auch die Rolle der Fahrgäste eingenommen: Was empfinde ich dabei, wenn ich kontrolliert werde? Im Securitybereich müssen Mitarbeiter*innen auf der anderen Seite aber auch eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit mitbringen.

Wie fördern Sie Diversity bei der BVG
Wir haben ganz unterschiedliche Diversity-Kreise: Mitarbeiternetzwerke, Diversity-Tage, wir sind Mitglied der 'Charta der Vielfalt'. Was wir noch machen möchten, ist, Diversity auch auf den Betriebshöfen zu verstärken. In dem Thema sind wir noch sehr verwaltungslastig. Wir möchten das Thema weiter zu unseren Fahrern und Fahrerinnen und den Werkern bringen. Das ist unser erklärtes Ziel, um eine Sensibilität aufzubauen.

Sie sind auch Mitbegründerin der Initiative „Frauen in die Aufsichtsräte“, die sich unter anderem für eine Mindestquote von Frauen in Aufsichtsräten einsetzt. Müsste es eine solche Mindestquoten nicht auch für andere Gruppen geben, eben auch LGBTIs? 
Ich bin da zurückhaltend, weil wir erstmal in der Situation sind, dass wir tatsächlich Männer und Frauen gleichberechtigt in Funktionen bringen. Ich würde mir sehr wünschen, dass queere Personen - selbst wenn sie non-binär sind - im Zuge dessen auch ihren Anteil mit unterbringen können.

Das Gleiche gilt für Menschen mit Migrationshintergrund. Schon allein wenn klar ist, dass wir Unternehmen und eine Gesellschaft haben wollen, in der Männer und Frauen in Verantwortung sind, dann geht es dabei auch um deren jeweilige eigene Gruppen und Zugehörigkeiten. Ansonsten kommen wir dahin, dass sich jeder Mensch in seinen verschiedenen Facetten darstellen und in eine Kategorie einordnen muss. Das fände ich auch traurig.

Zur Startseite