Das queere Gedenken hat Bundestagspräsidentin Bas angekündigt. Foto: IMAGO/A. Friedrichs
© IMAGO/A. Friedrichs

Bundestag plant Feierstunde Gedenken an queere NS-Opfer

Erstmals soll 2023 im Bundestag bei einer Feierstunde der homosexuellen Opfer des NS-Regimes gedacht werden. Dafür hatten sich Aktivist*innen jahrelang eingesetzt.

Der Bundestag wird 2023 am Holocaust-Gedenktag erstmals queeren NS-Opfern gedenken. Diese Ankündigung von Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) ist in Wissenschaft und Politik begrüßt worden. Es bedeute ihm viel, dass die Bundestagspräsidentin und das Präsidium das endlich zu ihrem eigenen Anliegen gemacht hätten, sagte der Historiker und Autor Lutz van Dijk dem Tagesspiegel.

„Ein Gedenken an sexuelle Minderheiten der NS-Zeit betrifft alle Menschen in einer humanen Gesellschaft und nicht nur uns als Minderheiten.“ Van Dijk ist Initiator einer Petition, die das Gedenken seit 2018 fordert und von vielen Personen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Opferverbänden unterzeichnet ist.

Überlebende waren zum Schweigen verurteilt

Bas hatte dem Tagesspiegel gesagt: „Tatsächlich werden wir am 27. Januar 2023 bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus die Menschen in den Mittelpunkt stellen, die aufgrund ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität verfolgt, inhaftiert und ermordet wurden.“ Das habe das Präsidium bereits einstimmig beschlossen.

Man sei nun mitten in den Vorbereitungen für die Veranstaltung. Eine endgültige Rednerliste gebe es noch nicht. „Es gibt bedauerlicherweise keine Überlebenden mehr, aber wir sind ganz eng in der Abstimmung, auch mit dem Lesben- und Schwulenverband Deutschlands“, sagte Bas.

Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität in der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden, sind eine der wenigen Opfergruppen, der am Holocaust-Gedenktag bislang noch nicht extra gedacht wurde. Die entsprechende Initiative hatte Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) immer zurückgewiesen.

Van Dijk nannte mehrere Aspekte, die bei der Feierstunde 2023 berücksichtigt werden könnten. Den damals Ermordeten genauso wie den Überlebenden, die durch die über 1945 hinaus bestehende Verfolgung zum Schweigen gebracht wurden, sollte eine Stimme gegeben werden – indem sie in sorgfältig recherchierten Dokumenten zu Wort kommen, die durch offen queere Schauspieler:innen gelesen werden.

[Mehr Neuigkeiten aus der queeren Welt gibt es im Queerspiegel-Newsletter des Tagesspiegel, der zweimal im Monat erscheint - hier geht es zur Anmeldung.]

Die in den KZs bestehende Hierarchie der Opfergruppen müsse überwunden werden. So könne ein:e Holocaust-Überlebende:r berichten, warum das Erinnern an sexuelle Minderheiten für alle Opfergruppen und für die gesamte Gesellschaft von Bedeutung ist. Damalige Verfolgung müsse konkret benannt werde, so auch die Verfolgung lesbischer Frauen, zum Beispiel als „Asoziale“.

Und selbst wenn es in der Gedenkstunde zuerst um ein Erinnern gehe, „sollten wir die schlimmsten aktuellen Formen von Transphobie bei uns und der Verfolgung queerer Menschen in anderen Teilen der Welt heute zumindest benennen“, erklärte van Dijk. Das könnte etwa mit dem künstlerischen Beitrag einer trans Person deutlich gemacht werden.

Auch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) begrüßten die Ankündigung. „Um aus allen ihren Facetten Lehren zu ziehen, muss Geschichte umfassend lebendig gehalten werden“, erklärte der LSVD. Nach dem Ende des Nationalsozialismus seien Ausgrenzung und Leiden für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten in Deutschland leider immer noch weitergegangen.

Zur Startseite