Bettina Böttinger, 64, moderiert seit 2006 die WDR-Talkshow „Kölner Treff“. Neben ihr die Dackeldame Fienchen. Foto: M. Grande/WDR
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Bettina Böttinger über ihren neuen Podcast „Ich will queeren Menschen Mut machen“

Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger spricht in ihrem Podcast „Böttinger. Wohnung 17“ mit queeren Gästen. Ein Gespräch über Vielfalt, Homophobie und Mut.

Frau Böttinger, Sie laden die Gäste Ihres Podcastes „Böttinger. Wohnung 17“ zu sich nach Hause ein. Ist es bei Ihnen jetzt immer top aufgeräumt und sauber?
Ich habe zwei Wohnsitze, ein Haus in der Eifel, in dem ich mich gerade auf meine Sendung „Kölner Treff“ vorbereite und eine Stadtwohnung in Köln, die wirklich immer aufgeräumt ist, weil die meisten Klamotten einfach in der Eifel sind. In meinem Arbeitszimmer hier liegen unzählige Bücher, Unterlagen und Papier herum.

Die Aufgeräumtheit der Stadtwohnung trägt zu einer aufgeräumten Atmosphäre bei, in der sich bis jetzt alle Gäste gut gefühlt haben. Im Chaos meines Arbeitszimmer wäre das wohl eher nicht der Fall.

Wie läuft das mit der Corona-Sicherheit? Zu Hause treffen ist ja gerade schwierig.
Wir machen das natürlich nach den entsprechenden Auflagen. Alle Beteiligten werden vorher getestet. Ein Vorteil der Corona-Zeit ist, dass viele Menschen eine gewisse Sehnsucht haben, sich mal wieder irgendwohin zu bewegen. So wurden die ersten Einladungen, die wir ausgesprochen haben, tatsächlich alle positiv beantwortet.

Ich wollte auf keinen Fall Zoom-Gespräche führen oder in einem Studio sitzen, weil die private Umgebung grundsätzlich eine bessere Voraussetzung für persönliche Gespräche bietet. In dem Podcast geht es ja vor allen Dingen um persönliche Lebensgeschichten, um die Frage nach Identität, nach Geschlecht und Identität. Das geht in einem coolen Studio oder per Videochat deutlich schlechter.

Ihre Gäste sind wie sie queer. Denken Sie, das ist ein Vorteil?
Vielleicht. Jedenfalls wissen die Gäste zumindest ein bisschen etwas von meiner Geschichte. Es gehört ja auch zur Einladung zu erklären, worauf es mir eigentlich ankommt.

[Der Podcast „Böttinger. Wohnung 17“ läuft ab 14. April in der WDR-2-App, der ARD-Audiothek und bei vielen Podcast-Anbietern.]

Nämlich?
Obwohl wir schon weit gekommen sind mit der Gleichstellung und Akzeptanz von queeren Menschen gibt es natürlich immer noch in sehr vielen Köpfen Trans- und Homophobie, Frauenfeindlichkeit. Minderheiten werden weiterhin ausgegrenzt. Genau dagegen steht dieser Podcast, der auf einer persönlichen Ebene zeigen soll, dass queeres Leben ungemein vielfältig ist. Das auch für nicht-queere Menschen erfahrbar zu machen durch ein intensives persönliches Gespräch ist meine Motivation als Journalistin und als queere Person.

Wie wählen Sie die Gäste aus?
Wir wollen ein breites Bild der queeren Community und ihrer Lebenswelten zeichnen. Deshalb haben wir Gäste aus ganz verschiedenen Bereichen: Bei der ersten Folge spreche ich mit der lesbischen Komikerin Tahnee, die zweite Folge ist mit der Grünen-Politikerin und trans Frau Tessa Ganserer, die im Bayrischen Landtag sitzt und für den Bundestag kandidiert. Dann kommt der homosexuelle Berliner Modeschöpfer William Fan, der unter anderem genderneutrale Mode entwirft. Außerdem wird der schwule Autor und Roma-Aktivist Gianni Jovanovic mich besuchen und die Sängerin Nura, die bisexuell und Muslima ist.

Wenn queere Menschen Räume für sich schaffen, seien es Bars, Festivals oder auch Medien, heißt es seitens der Mehrheitsgesellschaft schnell: Ihr ghettoisiert euch selbst. Was sagen Sie dazu?
Der Podcast richten sich ja nicht ausschließlich an queere Hörer*innen, ich möchte möglichst viele Menschen erreichen. Ich hatte übrigens ursprünglich vorgehabt, den Podcast ohne den Westdeutschen Rundfunk zu produzieren. Aber die Programmdirektorin Valerie Weber hat mich überzeugt, es mit dem WDR zu machen.

Was übrigens auch ein Zeichen für eine veränderte Medienlandschaft ist: Vor zehn Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass mich eine WDR-Programmchefin auffordert, einen queeren Podcast im eigenen Programm stattfinden zu lassen – noch dazu in der App von WDR 2, dem meistgehörten Sender des Hauses.

Sie möchten im Podcast keine Interviews sondern Gespräche führen, wozu auch gehört, dass die Gäste selbst Fragen stellen können. Ungewohnt?
Nein. Es ist eher ungewohnt, persönlich zu antworten, da schlucke ich schon manchmal. Meine Redakteurin sagt dann: Jetzt musst du aber auch mal Farbe bekennen. Es sind ja nicht nur angenehme Erfahrungen, die man als queere Person gemacht hat, wenn man wie ich Mitte der 70er geoutet wurde. Meine erste Freundin war eine Mitschülerin, weshalb ich tatsächlich zur Direktorin zitiert wurde, die mir was von der Welt der Bienen erzählte, um klarzumachen, dass das unnatürlich war. Sie drohte mir mit einem Schulverweis. Ich habe dann mein Abi gemacht und Düsseldorf fluchtartig verlassen.

Sie sind trotz dieser Erfahrung seit Beginn ihrer Karriere beim WDR in den Achtzigern offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgegangen. Haben Sie das mal bereut?
Nein, auf keinen Fall. Natürlich gab es Situationen, die als Demütigung gedacht waren. Ich erinnere mich, dass mir mal eine Sekretärin, die ich um etwas bat, entgegengehalten hat: „Für so genannte Frauen wie Sie arbeite ich nicht“. Damit muss man erst einmal klarkommen. Aber ich habe ein dickes Fell und wollte mich durchsetzen.

Allerdings gibt es viele Menschen, die das nicht haben. Deswegen geht es mir mit diesem Podcast auch tatsächlich ums Mutmachen, um es mal mit einem etwas romantisch klingenden Begriff zu sagen. Denn wir haben viele Persönlichkeiten aus der queeren Community, die durchaus einen Vorbildcharakter haben.

Ja, es gibt einige prominente lesbische Frauen im deutschen Fernsehen, doch zu queeren Themen äußern sie sich bis auf Ausnahmen wie Maren Kroymann kaum einmal. Können Sie diese Zurückhaltung nachvollziehen?
Irgendwie schon. Ich habe auch von einer sehr prominenten Kollegin – wir kennen uns privat – eine Absage bekommen. Nee, lieber nicht, man landet in dieser Ecke, heißt es dann. Man möchte nicht darauf reduziert werden. So habe ich mit 45 vielleicht auch noch gedacht und hätte einen solchen Podcast nicht gemacht. Aber ich glaube, dass diese Angst nicht mehr nötig ist. Zumal wenn man eine gewisse gesellschaftliche Achtung erreicht hat.

Es gibt noch heute sehr viele junge Menschen, die vollkommen verwirrt sind und die nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen oder was sie machen sollen. Da finde ich, dass etablierte queere Personen, schon mal den Mut aufbringen können, sich öffentlich zu äußern und zu zeigen: Es kann auch gut laufen.

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Kürzlich haben sich 185 Schauspieler*innen als LGBTQI geoutet und von ihren teils Erfahrungen im Job gesprochen. Da hieß es dann teilweise in den Medien: Die sollen sich nicht so anstellen, es gehe schließlich nicht um Leben und Tod. Sind Queers zu empfindlich?
Naja, alleine die Tatsache, dass so viele Schauspieler*innen sich zusammengetan haben, um sich gegenseitig zu stützen, zeigt ja, welch große Angst noch vorhanden ist. Und das noch dazu in Berufen, bei denen man denkt, dass es etwas freier zugeht. Aber ich sehe das ähnlich wie bei MeToo, wodurch ein Tabu aufgebrochen und eine Diskussion ermöglicht wurde. Wir können jetzt auch viel breiter über queeres Leben debattieren als noch vor zehn Jahren. Von daher finde ich die Act-Out-Initiative großartig.

Derartige Aktionen werden nicht nur positiv gesehen, sondern unter dem Stichwort "Identitäspolitik" als egozentrische Klientelpolitik bezeichnet, die die Gesellschaft spaltet. Wie sehen Sie solche Vorwürfe?
Das ist völliger Unsinn und ein verstecktes Kämpfen für veraltete Vorstellungen. Ein Beispiel: Wenn der Vatikan die Segnung homosexueller Paare verbietet und damit argumentiert, dadurch den Wert der Familie der klassischen Familie zu festigen, dann zeigt das ganz genau, welche Kräfte das sind und was sie wollen. Sie wollen ein veraltete Gesellschaftsbild zurückhaben.

Dasselbe in der Politik: Wenn von konservativer Seite geäußert wird, dass es hier nur um eigensinnige Bestrebungen gehe, will man einfach nicht zur Kenntnis nehmen, dass die zahllosen Menschen, die nicht den althergebrachten Vorstellungen entsprechen, ein Recht darauf haben, ihre Meinung zu äußern und in der Gesellschaft gesehen zu werden.

Und wer wäre Ihr Traum-Gast im Podcast?
Den könnte ich mir vielleicht basteln. Das wäre dann eine bekannte Persönlichkeit, von der bisher nicht bekannt ist, dass sie queer ist und die sich auf den Podcast einlässt. Das wäre natürlich toll.

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