Achan Malonda ist Sängerin, Songwriterin und Teammitglied des CSD Berlin Pride Foto: Ben Jenak
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Achan Malonda über den Sternen-Pride „Wir müssen über intersektionale Diskriminierung reden“

Sängerin Achan Malonda ist Teammitglied des CSD Berlin Pride. Ein Gespräch über die Stern-Demo, Räume für queere PoCs und Diskriminierung in der BVG.

Achan Malonda ist Sängerin, Songwriterin und Teammitglied des CSD Berlin Pride. Sie ist außerdem Mit-Initiatorin der Petition „Stoppt Diskriminierung und Gewalt durch Fahrscheinkontrolleur:innen der BVG“.

Frau Malonda, Sie sind Teil des Stern-Pride, der am 26. Juni geplant ist. An welchem Sternenstrahl sind Sie beteiligt?
Ich bin dazu gekommen als Beratung für das Team im Bereich Anti-Rassismus, Diversität und intersektionale Awareness. Dazu werde ich auch einen Thementag kuratieren. Es ist mir außerdem ein wichtiges Anliegen, die Themen von QTIBIPoCs auf die Straße zu bringen.

Welche Rolle spielen Intersektionalität und Anti-Rassismus im Zusammenhang mit dem CSD?
Der CSD ist hier in Deutschland traditionell sehr weiß. Das hat natürlich auch viel damit zu tun, dass Weißsein und Deutschsein intrinsisch miteinander verbunden sind. Das bildet sich überall ab, auch in queeren Communities.

Da findet eine große geschichtliche Verschiebung statt, denn die eigentliche Geschichte von Stonewall ist, dass rassifizierte queere Menschen wie Marsha P. Johnson, Sylvia Rivera und Stormé de Laverie sich gegen die Diskriminierung durch die Polizei gewehrt haben.

Das bleibt hier in Deutschland noch unsichtbar. Ganz häufig finden migrantisierte oder rassifizierte Communities keine Anschlüsse. Gerade eine Community, die sich aufgrund von Marginalisierungserfahrungen selbst zelebriert, sollte aber lernen, Intersektionalität mitzudenken.

Der Begriff „Intersektionalität“ taucht gerade in öffentlichen Debatten immer häufiger auf. Haben Sie den Eindruck, dass das Konzept dadurch verwässert wird?
Was ein bisschen vergessen wird, ist, was Intersektionalität bedeutet. Kimberlé Crenshaw bezieht sich auf eine Lücke im Diskriminierungsrecht, wo es darum geht, dass Diskriminierung aufgrund von race und von Gender ineinandergreifen – nämlich da, wo Schwarze Frauen betroffen sind. Crenshaw greift etwas auf, das bereits zuvor vom Combahee River Collective oder Aktivist*innen wie Pauli Murray thematisiert wurde.

Intersektionalität beschreibt, wie Formen struktureller Diskriminierung ineinander greifen und damit eigene Dimensionen der Marginalisierung schaffen. Besonders in Deutschland ist es aber schwer, weil es kein Sprechen über race gibt. Deshalb bin ich etwas argwöhnisch, wenn ich weißen Menschen dabei zuhöre, wenn sie über Intersektionalität reden. Es braucht einen Diskurs über race, bevor Intersektionalität richtig in die Praxis kommen kann.

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In den vergangenen Jahren wurde dem Berliner CSD immer wieder vorgeworfen, nicht divers genug zu sein. Inwiefern fehlt es vor allem queeren BIPoCs an Sichtbarkeit und Repräsentanz?
Der Berliner CSD e.V. ist eine Institution unserer Community und wenn in diesem institutionellen Rahmen bereits auf oberster Ebene Ausschlüsse stattfinden, können bestimmte Perspektiven einfach nicht mitgedacht werden. Die Leute sagen immer, Diversität sei das Ziel. Eigentlich ist Diversität aber nur der Anfang. Wenn vermeintliche Freiräume, die uns als queeren Personen zur Verfügung stehen, für uns als rassistisch diskriminierte Personen überhaupt keine Freiräume sind, dann ist das ein Problem.

Es heißt oft „Bringt euch doch mehr ein“ aber warum soll ich einen Raum betreten, in dem ich mich a priori nicht willkommen fühle? Darum ist es natürlich sehr bedeutsam, dass mit Nasser El-Ahmad zum ersten Mal eine Person of Color in den Vorstand gewählt wurde.

Queere Räume fallen durch die Pandemie zunehmend weg. Für BIPoCs ist es besonders schwierig. Wo sehen Sie die größten Defizite?
Es ist eine absolute Katastrophe, weil uns jetzt sämtliche Versammlungsräume fehlen und Empowerment eben auch physischer Räume bedarf. Die Strukturen sind bereits sehr weiß. Da sind queere BIPoC Selbstorganisationen wie LesMigraS, GLADT e.V. oder Generation ADEFRA umso wichtiger, weil dadurch aus der Community heraus selbst Räume geschaffen werden. Schon vor der Pandemie wurden hier Mangel an Geldern und institutionell unabhängiger Förderung beklagt.

Aufgrund von sozialer Isolation, fehlender Alltagsstrukturen und damit verbundener Ängste sind die Beratungsanfragen gestiegen. Gerade diese Organisationen müssen jetzt ihre Arbeit machen können.

Achan Malonda trat auch beim CSD 2019 am Brandenburger Tor auf. Foto: imago images Vergrößern
Achan Malonda trat auch beim CSD 2019 am Brandenburger Tor auf. © imago images

Sie sind Mit-Initiatorin der Petition „Stoppt Diskriminierung und Gewalt durch Fahrscheinkontrolleur:innen der BVG“. Worum geht es in der Petition?
Oftmals wird sie so gelesen als ginge es nur um Rassismus. Tatsächlich geht es um strukturellen Machtmissbrauch aufgrund von unterschiedlichen sozialen Kategorien wie race, Geschlecht, Mobilität, Alter und Sexualität. Machtausübung geht oft Hand in Hand mit Machtmissbrauch und scheint fester Bestandteil der Praxis von Subunternehmen, die für die BVG arbeiten, zu sein.

Die Verantwortlichkeit, in diesen Räumen Kontrollen durchzuführen oder für die Sicherheit zuständig zu sein, sorgt dafür, dass Leute aus unterschiedlichsten Gründen geprofiled werden. Im Hausrecht, auf das sich dabei berufen wird, scheint für Schutz vor Diskriminierung wenig Platz zu sein.

Die Petition kritisiert, dass der Landesbetrieb systematisch Auskunft über Zahlen und Hergang der nicht abgeschlossener Fälle verweigert…
Ja genau, es herrscht wenig Transparenz und eine Beschwerde einzureichen bedeutet häufig, eine Täter-Opfer-Umkehr zu erleben. Das ist ein Schlag ins Gesicht. Viele Menschen wissen nicht, an wen sie sich wenden können und selbst, wenn sie es wissen, gibt es Schwellen zu überwinden. Das ganze System ist so ausgelegt, dass die eigene Handhabe sehr klein ist.

Wir waren mit verschiedenen Antidiskriminierungsstellen in Kontakt und da wurde klar, dass nur wenige Fälle dort überhaupt ankommen. Es wird einem also schwer gemacht, eine Diskriminierungserfahrungen zu Gehör zu bringen. Deshalb steckt in der Petition auch viel Systemkritik.

Was würde Ihrer Meinung nach dazu beitragen, marginalisierte Personen in den öffentlichen Verkehrsmitteln besser zu schützen?
Das ist eine schwierige Frage. Die Kriminalisierung a priori muss natürlich aufhören, denn Racial Profiling führt dazu, dass Menschen systematisch von vornherein zu Schuldigen erklärt werden. Die Kultur des Machtmissbrauchs scheint aber wie gesagt generell in diese Subunternehmen eingeschrieben zu sein…

Also bräuchte es einen Systemwandel?
Es ist tatsächlich genau das. Die Lösung ist natürlich strukturell. Es reicht nicht, wenn die BVG Teil der Charta der Vielfalt ist; damit ändert sich nichts an der Struktur. Das gilt auch für die gelegentlichen Diversitätstrainings, die oft propagiert werden.

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BVG-Chefin Eva Kreienkamp sagte in einem Interview mit dem Queerspiegel in Bezug auf die Diskriminierungserfahrungen von Fahrgäst*innen aus der queeren Community: „Ein Teil der Wehrhaftigkeit müsste auch aus der Community kommen, die ja sonst auch eine hohe Präsenz hat.“ Wie beurteilen Sie das?
Ich finde das schwierig, weil es eine Verschiebung der Verantwortung ist. Die Verantwortung für jegliche Form von Gewalt und Diskriminierung liegt in der Struktur selbst und hat nichts mit der Wehrhaftigkeit der Betroffenen zu tun.

Die Wehrhaftigkeit der gesamten zivilgesellschaftlichen Mehrheitsgesellschaft ist hier gefragt. Für mich geht das total mit, dem was Frau Kreienkamp sonst gesagt hat, auseinander.

Inwiefern?
Sie spricht sehr deutlich von eigenen Marginalisierungserfahrungen als lesbische Frau und von Jobs, die sie nicht bekommen hat. Da wäre für mich die Frage: War sie da nicht wehrhaft genug? Ist das wirklich etwas, das man ihr als Betroffenen zuschreiben könnte?

Das andere ist, dass es sich eben nicht um Lappalien handelt. Wir haben Fälle, wo Leute massiv diskriminiert wurden oder physische Gewalt erfahren haben. Durch Kontrolleur*innen oder Sicherheitspersonal im Auftrag der BVG. Da geht es nicht mehr darum, von anderen Fahrgäst*innen angeschnauzt zu werden und zurück zu schnauzen.

Frau Kreienkamp sagt auch, dass das gesamte Personal diskriminierungsfrei kontrollieren würde…
Zu sagen, dass z.B. Racial Profiling oder die Diskriminierung wohnungsloser Menschen nicht stattfinden, ist falsch. Jede Person, die sich schon mal auf einem Bahnhof aufgehalten hat, weiß das. Das zeigen nicht nur unsere individuellen Erfahrungen, sondern auch die Zuschriften, die wir bekommen. Das ist ein ziemlich überwältigender Konsens.

Die Frage ist doch auch, inwiefern die BVG überhaupt in der Lage dazu ist, einzuschätzen, ob sie diskriminierungsfrei kontrollieren. Wenn ich mir die Entscheidungsebenen anschaue, stelle ich fest, dass Diversität nicht gegeben ist.

Soll es darum auch an Ihrem Thementag beim CSD Berlin Pride gehen?

Ich freue mich, dass mit der Stern-Demo eine ganze Livestream-Woche von der Community für die Community startet. Einen Tag lang am 29. Juni planen wir Themen, Talks und Panels, die sich mit den Positionen von Menschen im queeren Spektrum, die durch Rassifizierung und Migrantisierung zusätzlich marginalisiert sind, beschäftigen. Diesen Tag werde ich kuratieren.

Ich würde Frau Kreienkamp gerne zu einem Gespräch einladen, wo wir unterschiedliche Perspektiven offen evaluieren und darüber sprechen, welche strukturellen Lösungen es überhaupt geben kann. Wir müssen über intersektionale Diskriminierung reden und diskutieren, wie man Intersektionalität sensibel in die Arbeitspraxis eines so wichtigen Betriebes integrieren kann. Queere Personen sind darauf angewiesen, öffentliche Verkehrsmittel sicher benutzen zu können. Das ist eine große Verantwortung.

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