"Porno hilft immer"

30 Jahre Schwules Museum Berlin "Wir überlassen unsere Geschichte nicht den Heteros"

In der neuen Ausstellung „Tapetenwechsel“, die Stücke aus der 30-jährigen Geschichte des Museums zeigt, wird auch ein Porträt Helmut Kohls zu sehen sein. Das dürfte viele überraschen. Warum zeigen Sie den Ex-Kanzler?

Er ist ja der Befreier der Schwulen, denn in seiner Regierungszeit wurde der Paragraf 175 endgültig aufgelöst. In der Installation wird steht auch ein Farbtopf mit Kopien von Willy Brandt und Helmut Schmidt, die das nicht geschafft haben. Als die FDP auf eine Abschaffung des Paragrafen drang, hat Schmidt ja sogar gesagt: Ich bin der Kanzler der Deutschen, nicht der Kanzler der Schwulen.

Wobei Schmidt dieses Zitat später bestritten hat. Nun sind Zeugnisse der queeren Geschichte lange nicht gesammelt und von großen Institutionen ausgeblendet worden. Wie baut man unter solchen Umständen eine Sammlung auf?

Immer wenn wir einen Künstler ausgestellt haben wir die Bedingung gestellt, dass ein Werk bei uns bleibt. Im Lauf der Zeit sind Nachlässe dazu gekommen, wir haben vieles gekauft. Vieles ist auch unseren Privatsammlungen. Aber es ist ein schwieriges Geschäft.

Was war das erste Bild, das Sie selber gekauft haben?

Es ein Gemälde von Rinaldo Hopf mit Klaus Mann. Das ist jetzt aber nicht ausgestellt, weil wir nächstes Jahr im Herbst eine Klaus- und Erika-Mann-Ausstellung planen.

Das Museum ist 2013 vom Homo-Kiez am Mehringdamm in die eher unbelebte Lützowstraße gezogen. Wie hat sich das ausgewirkt?

Wir krebsen schon immer noch ein wenig am Rande rum. Bei einem Umzug dauert es immer, bis er sich amortisiert hat. Wir haben hier schöne Räume, die sind aber auch teuer. Gerade letztes Jahr hatten wir eine schlimme Durststrecke.

Wie hat sich das Publikum geändert?

Das ändert sich wirklich von Ausstellung zu Ausstellung. Ich habe mal eine Ausstellung über Adolf Wohlbrück kuratiert. Der galt als schönster Mann des deutschen Films. Wir hatten 90 Prozent alte Damen über 70, die alle in ihrer Jugendzeit für Adolf Wohlbrück geschwärmt haben und alle kamen. Das war ein totaler Austausch des Publikums. Eine unserer erfolgreichsten Ausstellungen im neuen Haus war „Porn that way“. Die hat uns gerettet. Sie hatte wirklich keine Presse, aber das Thema ist ein Selbstläufer. Wenn wir früher Geldsorgen hatten, haben wir immer etwas Pornografisches gemacht. Porno hilft immer.

Seit 2008 tragen Sie das Sternchen im Namen, um zu zeigen, dass es dem Museum um vielfältige sexuelle Identitäten geht. Wieso haben Sie den Namen nicht ganz geändert?

Wir wollten den Titel nicht aufgeben. Ich habe mich immer vehement dagegen gewehrt. Ein Vorschlag war gay. Wir sind aber nicht gay, wir sind schwul. Wenn man das Wort schwul historisch betrachtet, haben sich da früher auch die Frauen drunter gefunden. Das hat sich dann gewandelt.

Unter dem Sternchen versammeln sich ja durchaus vielfältige Gruppen. Wie kann man die Erweiterung der Perspektive mit Leben füllen?

Es geht um alles jenseits der Heteronormativität. Wir sind aus unserer Gründungsgeschichte ein schwules Projekt. Dann kamen die Lesben dazu. Frauen haben es zudem auf der ganzen Welt schwer. Die ganze Schwulenbewegung war doch nur erfolgreich, weil es die Frauenbewegung gab, ich würde sogar die These aufstellen, dass wir die Kriegsgewinnler der Frauenbewegung sind. Für die Erweiterung braucht es Zeit, bis da was entsteht: die Kontakte, die Sammlungen. Bei Transgender entsteht das alles erst. Man kann denen das aber auch nicht wegnehmen, sie müssen das selbst machen.

Homosexualität scheint heute doch weitgehend etabliert zu sein. Welche Funktion hat das Schwule Museum* noch?

Kulturgeschichte ist nie abgeschlossen, da gibt es immer wieder neue Impulse. Bewegungen müssen ihre Wurzeln auch erstmal entdecken. Das muss beforscht werden. Im Gegensatz zu den USA ist das in Deutschland immer noch ziemlich schwach entwickelt. Bei den Sexualwissenschaften sind fast alle Institute wieder abgewickelt. Da fragt man sich schon warum.

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