Nur Wasser und Bäume. Einsamer Wanderspaß am Pilgerweg im Dalsland. Foto: Jochen Overbeck
© Jochen Overbeck

Pilgerweg zwischen Wäldern und Beeren Schweden in Häppchen

Elche, Blaubeeren, Flechten, Seen, Kanus, rote Häuschen – und Vollbartträger: Auf dem Pilgerweg im Dalsland erleben Wanderer das Beste Skandinaviens.

Und dann gibt Patrick Allier kleine Plastiktüten aus. „Jetzt könnt ihr Blaubeeren sammeln“, sagt er. „Aber passt bitte auf, dass ihr sie nicht mit den Moorbeeren verwechselt. Die schmecken nach nichts.“ In der Tat: Schaut man genau hin, fällt auf, dass die kleinen blauen Beeren am Boden von zwei verschiedenen Pflanzen stammen, deren Früchte sich ähneln. Um ganz sicher zu gehen, kann man sie zerquetschen: Ist sie dunkelrot, liegt man richtig.

Es ist ein milder Spätsommertag in der westschwedischen Provinz Dalsland. Die Luft trägt den Geruch von Nadelhölzern in sich. Ab und an hört man einen Specht, der Klopfzeichen gibt. Einmal raschelt es. Ist aber nur Patrick, der Guide. Ein Engländer, der seit ein paar Jahren hier lebt und neben der Arbeit mit den Touristen auf seiner Farm Gemüse anbaut.

Auf den ersten Blick ist das nicht zu vermuten. Der 42-Jährige trägt Hornbille, Trucker- Käppi und Vollbart. Man würde ihn eher in einem Hipster-Café in Williamsburg, Södermalm oder Berlin-Mitte vermuten, weniger auf einem Pilgerweg in Schweden. Auf jeden Fall bückt sich Patrick gerade, um ein Stück Müll aufzuheben und in einen schwarzen Sack zu verstauen.

Er behandelt den Weg zärtlich, hat ein Auge für Unregelmäßigkeiten. Als er einen Pilz an einer Baumrinde entdeckt, senkt er seine Stimme: „Seht ihr die Tropfen? Der Pilz schwitzt quasi. Das ist so ähnlich wie bei uns Menschen.“

Aus diesem Mehlspeicher wurde das Hotel Upperud 9:9. Foto: Jochen Overbeck Vergrößern
Aus diesem Mehlspeicher wurde das Hotel Upperud 9:9. © Jochen Overbeck

Wo heute Wanderer ehrfürchtig der Natur gegenüberstehen, pilgerten früher demütig Gläubige. Ab dem 10. Jahrhundert waren sie in der Region, die etwa doppelt so groß wie das Saarland ist, Richtung Norden unterwegs, um den Nidarosdom im norwegischen Trondheim aufzusuchen. Dort befindet sich der Sankt-Olav- Schrein, in dem die Überreste des Wikinger-Königs Olav II ruhen, der 1031 heilig gesprochen wurde. 1527 wurde das Pilgern vom schwedischen König im Zuge der Reformation verboten, der Olavs- Weg in Dalsland geriet in Vergessenheit.

Das möchte man nun ändern, wenngleich auf einer Grundlage, die für Anfänger geeignet ist: Wochenlange Marschierkontemplation in Jakobsweg-Manier ist nicht möglich, der Weg zieht sich über lediglich vier Etappen. Dass man die etwa 100 Kilometer ohne allzu große Hindernisse bewältigen kann, ist eine recht aktuelle Entwicklung.

Vintagemöbel in die Provinz

Erst in den 70er Jahren fingen die Einheimischen wieder an, die Strecke zu begehen. Vor etwa zehn Jahren wagte die lokale Tourismusbehörde einen neuen Anlauf. Teil des Projektteams war damals Kerstin Söderlund, die dabei in Upperud, auf halber Höhe des Trails, auf einen roten Bau am Wasser stieß – einen früheren Mehlspeicher, der zuvor einen Kunsthandwerksladen und ein Aquarium beheimatete.

„Ich dachte mir: Irgendwo müssen die Leute doch auch schlafen können, die hier wandern wollen!“, sagt die 61-Jährige. Sie wandelte den Bau in ein Hotel um, das man so an dieser Stelle nicht erwarten würde. Das Upperud 9:9 wirkt mit seinen Vintagemöbeln recht urban, andererseits ist die Herberge schon aufgrund ihrer Vorgeschichte so eng mit dem Wanderweg verknüpft, dass man nie den Verdacht schöpft, in einem Designhotel zu nächtigen.

An den richtigen Stellen wird pragmatisch gedacht: So gibt es für die Gäste etwa Räume mit Waschmaschinen: „Viele unserer Besucher waren vielleicht gerade ein paar Tage in der Wildnis unterwegs. Die freuen sich, ihre Sachen durchwaschen zu können“, sagt sie. Und der See, der direkt vor dem Hotel in der Sonne schimmert, kann natürlich befahren werden. Mit dem Ruderboot oder einem der silbernen Kanus, die vor dem Haus liegen.

Und irgendwo neben diesem Weg wachsen Beeren. Foto: Jochen Overbeck Vergrößern
Und irgendwo neben diesem Weg wachsen Beeren. © Jochen Overbeck

Der Dalsländer Pilgerweg beginnt bei Vänersborg, einer kleinen Stadt eineinhalb Autostunden von Göteborg entfernt, und zieht sich bis Edsleskog nahe Åmål, das mancher aus dem Film „Fucking Åmål“ kennen mag. Während der erste Teil bis Upperud noch ein Wanderweg im herkömmlichen Sinne ist, der sich mal geschottert, mal asphaltiert durch kleine Dörfer und an Mittelalter-Kirchen vorbei schlängelt, wächst ab Upperud der Anspruch.

Der Weg wird zum Trail: Es beginnt ein heiteres, aber nicht zu unterschätzendes Auf und Ab. In den Senken marschiert man über Bohlenwege, die die Füße trocken halten und an Seenufern entlang. Einmal durchläuft man einen Weiler, die Holzhäuser stehen leer, das Schweden-Rot ist zu einem matten Grau verblasst.

An den Hängen des Bergwaldes ermöglichen die Wurzeln der Heidel-, Moor- und Preiselbeersträuche einen Gang wie auf Wolken. Weiter oben finden sich Fels und Flechten, die Steigungen, die der Wanderer zurücklegen muss, sind kurz, aber knackig. Als grobe Orientierung: Wer die vierte Etappe von Högelund nach Edsleskog marschiert, hat nach 24 Kilometern etwa 500 Höhenmeter auf der Uhr. Belohnt wird man mit atemberaubenden Fernblicken.

Wildschweine machen das Leben schwer

Elche könnten einem hier begegnen. Rein theoretisch. „Wenn der Elch den Menschen hört, sucht er das Weite“, sagt Patrick Allier. Luchse und Wölfe haben hier ebenfalls ihren Lebensraum, aber auch die halten sich zurück. Sorgen bereitet hingegen ein zugewandertes Tier: Die Wildschwein-Population ist in den Wäldern Dalslands in den letzten Jahren gestiegen, mittlerweile werden die Tiere zum Ärgernis. Schöner sind die kleinen Eidechsen, die ab und an über den Weg huschen und die vielen Frösche, die in den vielen Seen quaken.

Natürlich ist das noch nicht richtige Wildnis. An wohl keiner Stelle des Weges ist die Zivilisation mehr als zwei, drei Fußstunden entfernt. Und doch erkennt man einen deutlichen Unterschied zu den Fernwanderwegen Deutschlands. Man begegnet kaum einer Menschenseele.

Wie viele den Weg pro Jahr gehen? Da es kein zentrales Verzeichnis gibt, in das man sich als Wanderer einträgt und da deren Mehrzahl mit Zelt und Schlafsack unterwegs ist, kann das niemand genau sagen. Die Schätzungen reichen von ein paar Dutzend Wanderern pro Tag bis zu ein paar Dutzend pro Woche. Der Weg ist gut ausgetreten, selten verliert sich die Spur für einige Meter in einem sprießenden Jungbaumhain oder im Gras einer Lichtung. Aber auch hier helfen die orangenen Markierungen, die den Wanderer auf der gesamten Strecke begleiten.

Ganz klar Schweden: rotes Landhaus zwischen Wäldern. Foto: Jochen Overbeck Vergrößern
Ganz klar Schweden: rotes Landhaus zwischen Wäldern. © Jochen Overbeck

Und die Menschen: Kerstin, die irgendwann aus der Großstadt flüchtete, zunächst einen Bauernhof betrieb und dann in den Tourismus ging. Patrick, der Brite, der eine Farm betreibt, die wiederum mit ihrem Gemüse Kerstins Hotel beliefert. Und Johan Postma, der aus Holland einwanderte, am Ende des Trails das Hotel Edsleskogs Wärdshus betreibt, einen fantastischen Calvados brennt und auch eine Rolle bei der Wiederbelebung des Pilgerwegs spielte.

Eine Gruppe seiner Stammgäste lief vor zehn Jahren die noch nicht erneuerte Strecke, machte Notizen und gab Anregungen, die dann von Kerstin und ihrem Team aufgenommen wurden.

Auf die Frage, warum sich der 50-Jährige genau hier in Dalsland niedergelassen hat, grinst er nur und zeigt theatralisch aus dem Fenster seines roten Holzhauses: Der blaue Himmel spiegelt sich im See, der vor allem bei Hechtfischern beliebt ist. „Du musst morgen schwimmen gehen, gleich nach dem Aufwachen. Es ist zauberhaft.“

Reisetipps für Schweden:

Hinkommen: Entweder mit einer Fähre der Stena Line von Kiel nach Göteborg fahren (pro Auto ab 95 Euro) oder das Flugzeug nehmen. Direktflüge von Berlin werden aktuell nicht angeboten. Umsteigeverbindungen beispielsweise mit Eurowings kosten minimum 150 Euro. Von Göteborg sind es noch einmal 90 Kilometer bis zum Ausgangspunkt des Pilgerwegs: der Stadt Vänersborg.

Untrkommen: Das Upperud 9:9 im alten Silo verfügt über fünf Doppelzimmer, ab 193 Euro pro Nacht. Achtung: Zwischen den Holzbalken kann man noch das eine oder andere Korn aus alten Zeiten finden. Mehr Details unter upperud.se.

Edsleskogs Wärdshus, Doppelzimmer ab 101 Euro pro Nacht, mehr Infos unter edsleskogswardshus.se.

Rumkommen: Alle Informationen um den Pilgerweg kann man auf Deutsch nachlesen unter vastsverige.com/de/mellerud/produkter/pilgrimsleden. Die Reise wurde unterstützt von Visit Sweden.

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