Warum auch Martenstein schon auf dem Gehweg radelte

Im Streit verbunden: Harald Martenstein und Pierre Baigorry aka Peter Fox treffen sich im Tagesspiegel. Foto: Mike Wolff
Peter Fox trifft Harald Martenstein "Aus deinen Kolumnen spricht manchmal die Angst!"

Baigorry: Fährst du eigentlich auch Fahrrad?

Martenstein: Gar nicht selten. Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer sind ja meistens in abwechselnden Rollen unterwegs. Es klingt trivial: Wir sollten aufeinander Rücksicht nehmen. Die Fahrradfahrer nutzen ihre Stärke aus, wenn sie auf dem Bürgersteig fahren, und gefährden die Schwächeren. Auf dem Bürgersteig sind die Radfahrer die Bösen, ausgenommen Eltern mit Kindern.

Baigorry: Auf der Straße sind die Radfahrer die Schwächeren. Straßen sind nicht für Radfahrer gebaut, sondern für Autofahrer. Das Berliner Verkehrskonzept stammt aus den 50er-Jahren. Zack, rechts fliegt die Autotür auf, links überholt ein anderes Auto …

Martenstein: … ich schreibe ja auch über andere Themen.

Baigorry: Du hast dich auf Radfahrer eingeschossen.

Martenstein: Der Grund dafür ist das fehlende Unrechtsbewusstsein dieser Leute. Mich nervt das moralische Überlegenheitsgefühl der Radfahrer.

Baigorry: Autofahrer wie du, ihr seid euch jeder Schuld bewusst?

Martenstein: Unter den Autofahrern gibt es im Großen und Ganzen das Bewusstsein, dass es nicht okay ist, Leute umzufahren, ja.

Baigorry: Von dir stammt der Satz: „Pauschalurteile über Menschengruppen sind immer falsch und ungerecht.“

Martenstein: Ein kluger Mann, der das geschrieben hat. Sollte ich jemals so verstanden worden sein, dass ich etwas gegen Radfahrer im Allgemeinen habe, wäre das eine Missinterpretation der allerböswilligsten Sorte. Ich habe als Radfahrer schon …

Baigorry: … rüpelhaftes Verhalten gezeigt?

Martenstein: Ich bin tatsächlich schon auf dem Bürgersteig gefahren, das mache ich jetzt nicht mehr. Als Radfahrer beobachte ich regelmäßig eine Verhaltensannäherung von Auto- und Radfahrern. Du wirst ja, wenn du als Autofahrer einen Fehler machst, sehr oft angepöbelt, kriegst den Vogel gezeigt. Das ist Berliner Alltag – jetzt auch auf Radwegen. Ich habe ein Rennrad, mit dem ich langsam fahre …

Baigorry: … das heißt, keine weiten Strecken, sondern eher so vom Haus zum Einkaufen?

Martenstein: Maximal fünf, sechs Kilometer. Dabei werde ich oft beschimpft, weil ich zu langsam fahre. Ich könnte ja auch behindert sein und nicht schneller fahren können! Der Stärkere muss auf den Schwächeren Rücksicht nehmen. So ist das halt im Leben.

Baigorry: Du würdest die Stadt mehr voran bringen, wenn du schriebst: Verdammt nochmal, wo ist der Platz für Radfahrer in dieser Stadt? Stattdessen steht da so Gemecker wie: „Die S-Bahn fährt nie.“ Aber die S-Bahn ist trotz Missmanagements sensationell, bringt auch dich von der Yorckstraße nach Wannsee in 25 Minuten! Versuch’ das mal während des Berufsverkehrs mit dem Auto. Schau dich doch mal in São Paulo oder Rom um, dann merkst du, wie gut hier alles funktioniert. Da würde ich mir von dir mehr positive Energie wünschen, so nach dem Motto: Nutzt die Öffentlichen! Und du, obwohl du ein kleines Kind hast, wünschst dir eine Autostadt ohne Baustellen.

Martenstein: Jeder setzt seine Schwerpunkte woanders. Das Baustellenchaos hat bei mir dazu geführt, dass ich mir, wenn ich mit dem Auto irgendwohin fahre, immer etwas zu lesen mitnehme.

Baigorry: Das ist doch absurd. In der S-Bahn müsstest du nicht an jeder Ampel schalten, da könntest du mal 20 Minuten am Stück lesen.

Martenstein: Ich fahre gerne Auto.

Baigorry: Das merkt man.

Martenstein: Weil mein Auto ein persönlicher Raum ist, den ich gestalte, wie ich das will – natürlich nicht mit nickendem Hund oder umhäkelter Klorolle oder was du jetzt denkst. Es ist wie ein fahrendes Zimmer, in dem ich mich wohl fühle. Eine Kapsel.

Baigorry: Dir ist schon klar, wenn das weltweit jeder täte, kämen wir auf keinen grünen Zweig.

Martenstein: Die Autos sind ja nicht mehr so schlimm, sie verbrauchen viel weniger als vor 20 Jahren. Jetzt gibt es das Elektroauto und bald das selbstfahrende Auto …

Baigorry: … vom Drei-Liter-Auto wurde in den 80er-Jahren geredet, gibt’s immer noch nicht. Selbst der Smart verbraucht fast 5 Liter.

Martenstein: Mit dem selbstfahrenden Auto lassen sich endlich vom Nahverkehr abgehängte Regionen wieder erreichen …

Baigorry: … aber Kreuzberg gehört jetzt nicht dazu, oder redest du von Wannsee?

Martenstein: Ich rede von der Uckermark. Da ist das Netz sehr dünn. Dort gibt es viele Dörfer, die lassen sich nicht mehr auf zumutbare Weise mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen.

Baigorry: Da gibt’s den Rufbus. Man ruft ihn mindestens eine Stunde bevor man ihn braucht, zum Beispiel an den Bahnhof Angermünde. Man zahlt die Bahn plus einen Euro, und der Bus fährt dann taximäßig ins gewünschte Dorf. Geht also auch ohne Pkw.

Martenstein: Und wenn erst das selbstfahrende Auto da ist, dann kann sich die Oma in diesen Regionen so ein Ding kommen lassen, nach Berlin fahren und sich dort von den Radfahrern umnieten lassen, zack buff. Ich habe schon Leute, die über den Bürgersteig bretterten, gestoppt.

Baigorry: Am Schal?

Martenstein: Es war Sommer. Einmal hat mir jemand gesagt: Was soll das, ich habe gerade 20 Flüchtlingen Essen gebracht, was willst du von mir? Das ist auch wieder diese Verrechnungsgeschichte. Ich habe jetzt gerade was gespendet, dafür darf ich dir eine reinhauen. Das ist eine Logik, die ich nicht kapiere. Es klingt unsexy, doch ich denke, man soll sich an Regeln halten.

Baigorry: Meine Utopie wäre eine autofreie Innenstadt. Wie schön wäre dein Graefekiez, wenn nicht der ganze Plastikmüll am Straßenrand stehen würde? Herrliche Luft, der Bürgersteig würde nur noch den Alten, ihren Hunden und lachenden Kindern gehören.

Martenstein: Dein Steglitz gehört aber nicht zur Innenstadt?

Baigorry: Dass es für Pendler aus dem Umland oder Stadtrandbewohner kurzfristig nicht geht ohne Auto, sehe ich ein, ich bin ja kein Spinner. Die dürfen an den S-Bahn-Ring ranfahren.

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