"Ich habe vorher recherchiert." - "Hast du nicht so gut gemacht."

"Aus deinen Kolumnen spricht die Angst!" Harald Martenstein und Peter Fox bei ihrem Gipfeltreffen. Foto: Mike Wolff
Peter Fox trifft Harald Martenstein "Aus deinen Kolumnen spricht manchmal die Angst!"

Baigorry: Du bist eher so’n Meckerkopf.

Martenstein: Die wollten da so einen Sound haben, den ich nicht drauf habe. Diesen bedingungslosen Jubel. Wobei ich kein moralisches Problem damit hätte, was für einen Autokonzern zu machen, weil ich aus den genannten Gründen kein Autofeind bin. Und abgesehen davon möchte ich ja auch, ganz in deinem Sinne, dass dem Staat Mittel zur Verfügung stehen, um diese Gesellschaft besser zu machen – und das wird sich ohne die größten Steuerzahler, nämlich die deutschen Automobilkonzerne, überhaupt nicht machen lassen. Wenn wir VW und BMW nicht mehr haben, können wir kein Hartz IV mehr bezahlen. Also so gesehen würde ich im Interesse der Armen und Bedürftigen in Deutschland für einen Automobilkonzern schreiben.

Baigorry: Im Interesse der Armen würde er das machen!

Martenstein: Ja. Das ist Dialektik.

Baigorry: Der Großteil des Geldes, das der Staat zur Verfügung hat, kommt aber nicht von den Reichen, sondern von der Mittelschicht. Es gibt nicht nur Einkommenssteuer, sondern auch Mehrwertsteuer. Nachweisbar ist zudem, dass die oberen 20 Prozent der Einkommen – Reiche plus obere Mittelschicht – zwar 46 Prozent der Steuerlast zahlen, aber 53 Prozent der Einkommen beziehen. Sie werden also eher bevorteilt.

Martenstein: Wie Churchill gesagt hat: Statistiken, die ich nicht selber gefälscht habe …

Baigorry: Ich habe wirklich versucht, nicht nur eine zu lesen. Du hast es einfach mal so hingestellt. Die armen Reichen!

Martenstein: Ich habe vorher recherchiert.

Baigorry: Hast du nicht so gut gemacht.

Martenstein: Doch, doch. Die Statistiken, die du mir da jetzt vor den Latz knallst, kann ich nicht überprüfen. Gib mir zwei Tage Zeit, und ich komme mit Statistiken an, die dir das Blut in den Adern kochen lassen. Also wirklich, was ist denn Journalismus? Man muss die Leute verteidigen, die im Gegenwind stehen, auf denen alle herumhacken. An denen keiner ein gutes Haar lässt, die zu Volksfeinden erklärt werden. Das hat mich zur Verteidigung der Reichen bewogen.

Baigorry: Die Reichen brauchen dein Mitgefühl?

Martenstein: Wenn ich das Gefühl habe, alles driftet in eine Richtung, einer wird als Sau durchs Dorf gejagt und ist Volksfeind Nr. 1, dann krieg ich hin und wieder Lust, den zu verteidigen. Ein Beispiel war Guido Westerwelle. Es gab mal so eine Zeit, in der jeder, wirklich jeder …

Baigorry: Ihn gehasst hat.

Martenstein: … einen Westerwelle-Hasstext rausgehauen hat. Das fand ich so billig. Da hab ich wirklich Lust bekommen, eine Westerwelle-Verteidigung zu schreiben. Weil Westerwelle auch nicht der schlimmste Mensch auf der Welt ist. Diesen Reflex hab ich schon. Ich hab das satirisch überspitzt. Das darf natürlich nicht zu einem billigen Mechanismus werden. Denn manchmal gibt es Leute, die vollkommen zurecht kritisiert werden. Auch ich als Kolumnist muss mich übrigens darauf einrichten, im Wind zu stehen.

Baigorry: Ja?

Martenstein: Wenn man das nicht aushält, darf man es nicht machen. Manchmal gibt es auch blöde Kritik, über die ich mich sehr freue. Ich sehe dann die offenen Flanken und kann was dagegen schreiben, was oft Spaß macht. Wenn man einen Adrenalinschub hat, schreibt es sich leichter.

Baigorry: Ha, ha.

Martenstein: Eines ist vollkommen klar: Auch, wenn kein Mensch sich freut, wenn er kritisiert wird, sollte man nie die Möglichkeit ausschließen, dass die Kritiker Recht haben. Ich habe sicher Sachen geschrieben, die ich heute nicht mehr schreiben würde.

Was ist Ihnen rückblickend peinlich?


Baigorry: Unser erster Band-Auftritt im Fernsehen war ein ungeheures Overgepower und Gezappel, dafür geniere ich mich heute. Auch für einige schlechte Reime.

Martenstein: Ich hab mal einen Politiker in die Pfanne dafür gehauen, dass er Wahlkampf gemacht hat mit seinem kleinen Kind. Immer, wenn der Name von Angela Merkel fiel, hat das Kind geklatscht. Darüber habe ich mich lustig gemacht. Danach habe ich rausgefunden: Seine Frau war krank, und er musste das Kind mitnehmen. Meine Kritik war blöd. Sowas kommt schon mal vor. Über was ärgerst Du Dich?

Baigorry: Hmmm … die Seeed-Platten tauchen nie in den Rankings der coolsten Platten des Jahres auf. Dazu ist unsere Musik dann doch zu mainstreamig. Wenn man so ein bisschen einen Geheimtippbonus noch dazu hätte …

Martenstein: … Massenerfolg plus Geheimtipp?

Baigorry: Oder plus Oberstylo. Weißt du eigentlich, was mir sehr gut an dir gefällt?

Martenstein: Nein?

Baigorry: Deine Stimme. Da gibt’s wahrscheinlich keine zwei oder drei Meinungen dazu, die Stimme ist super. Sie kollert. Sie hat sowas von einem V8-Motor.

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