Baigorry nervt die "Anhäufung von Hipness" in Kreuzberg

Duzen wir uns eigentlich? Peter Fox trifft auf den Tagesspiegel-Kolumnisten Harald Martenstein Foto: Mike Wolff
Peter Fox trifft Harald Martenstein "Aus deinen Kolumnen spricht manchmal die Angst!"

Sie haben beide eine besondere Beziehung zu Kreuzberg. Herr Martenstein, viele Ihrer Kolumnen spielen dort. Und Sie, Herr Baigorry, haben dem Bezirk mit der Platte „Stadtaffe“ ein Denkmal gesetzt.


Baigorry: Zu Kreuzberg ist eigentlich alles gesagt. Ich liebe diesen Bezirk seit Mauerzeiten. Die Energie dort mag ich sehr, in Steglitz, wo ich jetzt lebe, ist dagegen tote Hose. Aber dieses den ganzen Tag im Café rumsitzen und sich sein Image ausdenken hat mich wahnsinnig gemacht. Genau wie die Anhäufung von Hipness. Außerdem wird der Mix der Schichten und Kulturen zerstört. Klar, man kann die Zeit nicht anhalten, doch hier hätte die Politik in Sachen Mietpreisbindung viel entschiedener gegensteuern müssen.

Martenstein: Ich bin 1988 das erste Mal hingezogen, am Kottbusser Damm haben wir gewohnt. Ich finde alle Viertel, in denen nur eine Sorte von Menschen wohnt, langweilig. Egal, ob das Reiche, Hipster, Migranten sind. In Kreuzberg hat es immer jede denkbare Sorte von Menschen gegeben.

Baigorry: Stimmt. Das ändert sich jetzt.

Martenstein: Gegenüber von unserem Haus war ein wunderbares Antiquariat, in das ich meine alten Bücher gebracht habe. Jetzt zieht dort eine Boutique ein. Ganz interessant ist auch, dass Leute mit einem ordentlichen Einkommen, die schon vor 20 Jahren nach Kreuzberg gezogen sind, nun plötzlich auf den Barrikaden stehen und gegen Leute genau ihrer Einkommensklasse kämpfen. Da hat man halt etwas Glück gehabt, dass man früher die richtige Nase hatte.

Baigorry: Du behauptest ja gerne, „die Reichen“ müssten eh alles zahlen …

Martenstein: Oh, so pauschal würde ich das nicht sagen.

Baigorry: Dein Tenor ist schon: Für die Wohlstandsbürger läuft’s super, das soll bitte auch so bleiben.

Martenstein: Es ist nicht verwerflich, sich ums eigene Lebensglück zu kümmern. Das schließt keinesfalls aus, dass man sich auch um andere kümmert. Bei mir war es übrigens Zufall, dass ich mit über 30 in Kreuzberg gelandet bin, kein Statement.

Herr Martenstein, waren Sie zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei?


Martenstein: Nee. Das mit der DKP war in Mainz, meiner Heimatstadt. Es ging mir dabei auch nicht um die Vergötterung der DDR, sondern darum, dass ich mir sagte: Das ist eine echte Arbeiterpartei. Der Marxismus, der sich in den Studentenzirkeln formierte, war doch absurd. Das waren alles künftige Akademiker, die übers Proletariat fantasiert haben. Aber in den DKP-Ortsvereinen saßen damals noch richtig knorzige, ehrfurchtgebietende Proletarier. Mein Großvater, der zeitweise Kommunist gewesen ist, spielte für mich als Vorbild auch eine Rolle. Die Erfahrung der realen DDR hat mich dann abgeturnt. Die DDR wirkte auf mich bizarr, so wie Österreich, aber schräger. Als Historiker habe ich mein Examen über DDR-Geschichte geschrieben. Sogar verhaftet worden bin ich mal.

Baigorry: Was?

Martenstein: Auf dem Transitweg. Ich wollte nach Berlin und stoppte morgens um zwei auf einem Parkplatz, um mich ein bisschen auszuruhen. Da kamen zwei Sowjet-Soldaten auf mich zu und fragten, ob ich sie nach Potsdam zu ihrer Kaserne bringen könne – Reifenpanne. Das hab ich dann aus Abenteuerlust gemacht. Ich fuhr damals einen alten Citroen, der war voll mit russischen Soldaten! In der Kaserne haben sie dann einen Dolmetscher geweckt. Ich fragte: „Wie komme ich denn jetzt wieder in den Westen?“ Dann musste ich einem Geländewagen hinterher fahren, am Grenzübergang verhörten sie mich stundenlang.

Baigorry: Da war deine Kommunismusphase beendet?

Martenstein: Ach, die DDR war für mich ein Abenteuerland, mir konnte ja nix passieren.

Baigorry: Ich war auch häufig in der DDR, mein Vater war engagiert in der Kirche und hatte viele Freunde dort. Wir waren im Ost-Harz in Urlaub, in Thale. Wenn wir an die Grenze kamen, hat mein Vater immer einen blöden Spruch gemacht, weswegen die Einreise zwei Stunden länger gedauert hat.

Martenstein: Welchen?

Baigorry: Grenzer: „Na, wie viele Kinder hamwa denn?“ – „Na mit Ihnen hab ich gar keine!“ Im Ernst, was mir gefallen hat am Osten war dieser Fantasiebeschleuniger durch den Mangel. Mit den wenigen mitgebrachten Matchboxautos haben wir und unsere Freunde dort eine Woche lang gespielt. Das hat natürlich die Unfreiheit nicht im Geringsten wettgemacht.

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