Aufgepasst: Jetzt beginnt die Jagd auf Murmeltiere. Viele entkommen, weil sie wachsam sind. Foto: picture alliance/dpa
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Pauschalangebote für Murmeltierjäger Wie das Geschäft mit der Jagd auf die Nagetiere läuft

In Österreich und der Schweiz werden die pelzigen Nager gejagt. Auch Jäger aus Deutschland reisen ins Ausland. Corona befeuert den Jagdtourismus.

Murmeltiere sind gesellige Wesen. Wenn sie sich begrüßen, reiben sie die Nasen aneinander und stecken die Köpfe zusammen. Um den monatelangen Winterschlaf in den eiskalten Alpen zu überleben, fressen sie sich nicht nur ordentliche Fettpolster an, sondern kuscheln in ihrem Bau miteinander. 15 Jahre kann ein Murmeltier alt werden, es sei denn, der Jäger kommt.

Und das ist jetzt wieder Fall. In den Alpen beginnt die Jagdsaison. In Österreich und der Schweiz ist die Jagd auf die pelzigen Nager erlaubt, anders als in Deutschland. In Bayern genießen die „Bären“, wie die männlichen Murmel heißen, die „Katzen“ (Weibchen) und der Nachwuchs, die „Affen“, ganzjährige Schonung.

Deutsche Jäger reisen daher in die Nachbarländer, um Murmel zu schießen. Besonders beliebt sind Reisen nach Österreich.

Anders als bei der Jagd im italienisch- oder französischsprachigen Teil der Schweiz gibt es in Österreich keine Sprachbarrieren für Deutsche, außerdem ist die Saison länger als in der Schweiz.

Jagdzeit: In Österreich und der Schweiz dürfen Murmeltiere gejagt werden, in Deutschland haben sie ganzjährig Schonzeit. Foto: dpa Vergrößern
Jagdzeit: In Österreich und der Schweiz dürfen Murmeltiere gejagt werden, in Deutschland haben sie ganzjährig Schonzeit. © dpa

Wie Mallorca-Urlauber können Murmeltierjäger auf Pauschalangebote zurückgreifen und zwischen verschiedenen Veranstaltern wählen. Zwischen 420 und 495 Euro kosten Jagd und Übernachtung, wer fünf Tage bleiben will, muss mit 680 Euro rechnen. Im Preis stets enthalten: der Abschuss eines Murmelbären. Gelingt das nicht, gibt es auch schon mal Geld zurück: 100 Euro Rabatt als Entschädigung für den Jagdfrust.

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Die Jagd auf Murmeltiere ist ein "Einsteigerprodukt"

Verglichen mit der Jagd auf größere Tiere ist die Murmeljagd finanziell ein Schnäppchen. Eine Gamsjagd in Österreich kostet etwa vier Mal so viel. „Viele Jäger kombinieren die Gams- und die Murmeltierjagd“, sagt Kai-Uwe Kühl, Chef des Jagdreiseveranstalters K&K-Reisen. Reine Jagdreisen, um Murmeltiere zu jagen, seien billiger als Jagden auf Gemsen oder Steinböcke. Das sei besonders für junge Jäger attraktiv, die ein kleines Budget haben. „Die Jagd auf Murmeltiere ist quasi ein Einsteigerprodukt, um die faszinierende Bergjagd kennenzulernen“, beschreibt Kühl.

Gesellige Tiere: Murmeltiere stecken gern die Köpfe zusammen und überwintern aneinander gekuschelt. Foto: imago images/blickwinkel Vergrößern
Gesellige Tiere: Murmeltiere stecken gern die Köpfe zusammen und überwintern aneinander gekuschelt. © imago images/blickwinkel

Was Jäger fasziniert, ist für Murmeltierfreunde harte Kost. Jäger posieren im Internet stolz neben toten Murmeltieren oder drapieren – wie man es von der Wildschweinjagd kennt – mehrere Murmelleichen nebeneinander. Das ist ein herber Kontrast zur Hollywood-Romantik um Murmeltier Phil, das als Wetterprophet im US-Kinofilm „Und täglich grüßt das Murmeltier“ die weitere Länge des Winters vorhersagt, oder zu den Murmel-Kuscheltieren in Kinderzimmern.

Die Murmeltiere kommen den Almbauern in die Quere

Dass die Murmeltiere gejagt werden, liegt daran, dass sie den Almbauern mit ihrem Baueifer in die Quere kommen. Die Tiere graben Gänge mit einer Länge von zehn bis 70 Metern, in denen sie bei Gefahr verschwinden, der Rekord für einen Murmeltunnel liegt bei 113 Metern Länge. „Die Tiere untergraben die Almen und gefährden somit die Almkühe“, sagt Jäger Kühl. „Wenn diese in die von den Murmeltieren gegrabenen Löcher treten, können sie sich schwer verletzen.“

Almkühe und Murmeltiere kommen sich ins Gehege. Kühe können in die Löcher der Nager treten und sich verletzen. Foto: DPA Vergrößern
Almkühe und Murmeltiere kommen sich ins Gehege. Kühe können in die Löcher der Nager treten und sich verletzen. © DPA

Doch nicht nur den Kühen kommen die Murmel ins Gehege, auch den Menschen. Wegen der Löcher haben die Bauern Probleme, die Almwiesen zu mähen. Die unermüdlichen Graber unterhöhlen auch Almhütten und destabilisieren Strom- und Telefonmasten, berichtet Lutz Molter vom Österreichischen Jagdverband. „In den betroffenen Gebieten werden die Abschüsse ausdrücklich angeordnet und äußerst streng kontrolliert“, sagt Molter.

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Touristenlieblinge: Murmeltiere futtern auch gern Butterkekse. Foto: picture-alliance/ dpa Vergrößern
Touristenlieblinge: Murmeltiere futtern auch gern Butterkekse. © picture-alliance/ dpa

Wie viele Murmeltiere in den Alpen leben, weiß niemand. In den Bayerischen Alpen sind sie selten, heißt es im Bayerischen Landwirtschaftsministerium, bayernweit seien sie sogar „sehr selten“. Die Population sei aber stabil, als gefährdet gilt das Murmeltier in Deutschland nicht. Grundsätzlich könnte es auch hierzulande gejagt werden, gäbe es nicht die ganzjährige Schonzeit. Nach EU-Recht sind nur die Murmeltiere in der Hohen Tatra geschützt. Der WWF Österreich macht sich mehr Sorgen um Bär, Luchs, Wolf und Steinbock als um die Murmeltiere.

Viele Tiere entkommen, sie passen auf

Die meisten österreichischen Murmeltiere leben in Tirol. 2019 sollen es rund 53.000 Tiere gewesen sein, 6100 hatten die Behörden zum Abschuss freigegeben. Tatsächlich wurden aber nur rund 4000 Murmel getötet. Lutz Molter führt das auf die doch recht anspruchsvolle Jagd in den alpinen Gebieten, die hohe Wachsamkeit der Tiere und die kurze Jagdsaison von August bis September zurück.

Insgesamt dürfen in diesem Jahr knapp 7600 Tiere in Österreich geschossen werden, die meisten davon in Tirol (4230) und im Salzburger Land (1775).

Die Tiere werden zu Trophäen und zu Salbe

Die toten Murmel werden gern zu Trophäen ausgestopft. Damit das gelingt, empfehlen Jagdveranstalter vorsorglich, nur bestimmte Kaliber zu verwenden, welche das sind, steht im Internet.

Das Fett der Murmeltiere wird zu Salbe verarbeitet. Murmeltiersalbe wird in österreichischen Läden als traditionelles Heilmittel gegen Gliederschmerzen und Muskelverspannungen verkauft. Viele Touristen nehmen die Salbentiegel als Mitbringsel mit – ohne zu wissen, dass dafür die Tiere sterben müssen. Früher wurde auch das Fleisch der Nager gegessen, doch heute steht Murmeltier nur noch selten auf den Speisekarten. Das Fleisch ist fettig und mühselig zuzubereiten.

Obwohl sie hoch in den Bergen leben, setzt die Coronakrise auch den Murmeltieren zu. „Alle Jagden in den Bergregionen sind ausverkauft. Auch die Nachfrage nach Murmeljagden ist hoch“, beschreibt Jagdveranstalter Kühl. Der Grund: „Wegen Corona bleiben die Jäger lieber in Deutschland oder dem benachbarten Ausland.“

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