Zwangsgemeinschaft im All. Bisher klappte die Zusammenarbeit der Kosmonauten auf der ISS sehr gut. Foto: Nasa/dpa
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Zusammenarbeit auf der ISS Moskau, wir haben ein Problem

Erneut droht Russland, die Zusammenarbeit auf der Internationalen Raumstation einzustellen. Wie wahrscheinlich ist ein rasches Ende der Mission?

Heller als jeder Stern am Nachthimmel, von West nach Ost übers Firmament ziehend, ist die Internationale Raumstation ISS auch von Deutschland aus regelmäßig zu sehen. Wer kommt da nicht ins Träumen: Dass da oben Menschen aus verschiedenen Ländern, darunter derzeit der Deutsche Matthias Maurer, in einer lebensfeindlichen Umgebung überleben können. Ein Triumph der Technologie und länderübergreifender Zusammenarbeit, der vielleicht bald Geschichte ist.

Die Befürchtung wird genährt von Dmitri Rogosin, Chef der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos. Sie betreibt gemeinsam mit der Nasa als zweitem großen Partner sowie nachgeordnet der europäischen Raumfahrtagentur Esa und den Agenturen aus Kanada und Japan die Station in 400 Kilometern Höhe. Rogosin hatte seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine mehrfach gedroht, die Zusammenarbeit auf der ISS zu beenden.

Am Sonnabend legte er via Telegram-Post nach: Sollten die USA und andere westliche Staaten ihre Sanktionen gegen Russland nicht zurücknehmen, sei Schluss. In Kürze würden Fristen für ein Ende der Kooperation konkret vorgeschlagen, teilte Rogosin mit. Eine vollwertige Wiederherstellung der normalen Beziehungen zwischen den ISS-Partnern sei „nur möglich bei einer vollständigen und bedingungslosen Aufhebung der illegalen Sanktionen“.

Die USA werden das nicht tun, wie Nasa-Chef Bill Nelson in einer Antwort wissen ließ. Der Betrieb der Station sei aber von nationalem Interesse, weshalb sich die Nasa bei US-Behörden für vereinfachte Lösungen einsetzen will, um Komponenten zu liefern, die für russische Raumschiffe nötig seien.

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Während die „Sojus“-Kapseln den Kosmonautentransfer erledigen, sind die „Progress“-Schiffe für Fracht zuständig. Sind sie angedockt, zünden regelmäßig ihre Triebwerke, um Raumfahrtschrott auszuweichen und um die ISS anzuheben, weil sie durch Reibung an der Restatmosphäre ständig an Höhe verliert. Dies ist nur ein Beleg dafür, dass die Station nicht ohne weiteres im All getrennt werden kann, auf dass dann jeder seins mache. Hinzu kommen Energieversorgung und Klimaanlage sowie Kontrollsysteme, auch auf der Erde.

Welche Möglichkeiten gibt es?

Es liegt auf der Hand, dass die Fachleute längst überlegen, ob und wie sie auch ohne den anderen klarkämen oder der gezielte Absturz unausweichlich wäre. So könnte der „Cygnus“-Frachter des US-Herstellers Northrop Grumman die ISS-Boosts übernehmen. Doch die Cygnus-Trägerrakete benötigt Bauteile aus ukrainischer und russischer Produktion. Für zwei Flüge reicht die Hardware noch, danach müssen Alternativen her.

Möglicherweise können künftig auch die Dragon-Schiffe von SpaceX die Boosts übernehmen, das Unternehmen arbeitet bereits an dieser Fähigkeit. Die „Starliner“-Kapsel von Boeing, die künftig ebenso die ISS ansteuern soll, könnte das auch tun. In der Frage, wie nah eine Trennung im All ist, sind verschiedene Punkte zu berücksichtigen. Zuerst die bisher nicht genau benannten „Fristen“. Formal besteht ein Vertrag zum gemeinsamen Betrieb der Station, der stets verlängert wurde und momentan bis 2024 reicht.

Denkbar, dass sich alle Partner bis dahin arrangieren. Die Nasa will die ISS bis 2030 halten, bereitet sich aber schon jetzt auf den Wechsel vor, künftig nicht mehr selbst eine Station zu betreiben, sondern dies der Privatwirtschaft zu überlassen und nur Services einzukaufen. Mehrere Unternehmen erarbeiten gerade Konzepte für eigene Stationen. Darunter ist die Firma Axiom Space, die am Mittwoch einen kommerziellen Flug zur ISS starten will und drei Personen für je 55 Millionen Dollar nach oben bringt.

Europa ist froh über jedes Jahr

Europa ist froh über jedes zusätzliche Jahr auf der ISS. Um sie nutzen zu können, bezahlt die Esa an die Nasa in Form von Technik wie dem hier gefertigten Servicemodul für das Raumschiff „Orion“. Das kostet zwar viele Millionen Euro, aber das Geld geht in die europäische Industrie, sichert hier Fertigkeiten und Arbeitsplätze. Weltraumflüge zu einer privaten Station mit Dollar zu bezahlen, widerspricht der bisherigen Praxis und würde die Industrie hart treffen. Daher will die Esa langfristig einen eigenen Zugang für seine Astronauten zum All schaffen. Je mehr Zeit ihr dafür bleibt, umso besser.

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Russland liegt ebenso viel an der ISS, auch weil es auf Mond und Mars kaum vorangeht. „Die Station zu verlassen, wäre gleichbedeutend damit, eine Abrissbirne in Russlands ziviles Raumfahrtprogramm zu lenken“, analysiert der Fachjournalist Eric Berger in „Ars Technica“ . Die Russen seien sehr stolz auf ihre Raumfahrt, die mehr als sechs Jahrzehnte zurückreicht. „Ohne eine aktive Zusammenarbeit mit den westlichen Nationen wäre Russland ziemlich sicher keine Weltraummacht mehr – es wäre die erste ehemalige Weltraummacht der Welt.“

Rogosin poltert und droht seit Jahren gegen den Westen. Wie aus der Branche zu hören ist, tut er dies auch, um sich nach innen als starker Mann zu gerieren und mehr Ressourcen für seine Raumfahrt zu bekommen, die mit Mangel zu kämpfen hat. Auch das spricht gegen ein rasches Ende. Aber wie berechenbar ist die russische Führung überhaupt? Und ist eine Kooperation mit einem Land, das Kriegsverbrechen begeht, noch zu verantworten?

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